Posts tagged ‘Worte’

Worte auf der Goldwaage: Spießer

Aus der Reihe "Worte auf der Goldwaage":

"Scheiß Spießer!" Gern geraunzt, wenn wieder ein selbsternannter Oberhausmeister die Flusen im Flur sucht oder ein aufgeregter Zettel über Sinn und Zweck von Parkverbotsschildern an der Windschutzscheibe hängt. Oder wenn einfach ein Beamter gesetzestreu den verdammten Bescheid nicht ausstellen will. Spießer. Ein Wort, das meiner Meinung nach viel zu inflationär benutzt wird. Nicht, weil ich um Himmels Willen eine Lanze für die oben genannten Querulanten brechen möchte, sondern wegen der verbogenen Selbstwahrnehmung vieler Nutzer des Wortes. Von wegen Steinen und Glashaus und so.

Vielleicht liegt das am verstaubten Bild eines Spießers: Der verhärmte Sechziger mit Blümchentapete und Kuckucksuhr, der missmutig hinter der Gardine ahnungslosen Mitbürgern mit Bagatellen auflauert, um seine in altmodischen Werten verirrte Unzufriedenheit aufgrund verpasster Gelegenheiten zu rechtfertigen, falls er nicht gerade seinen Benz schrubbt und Kindern dabei den Ball wegnimmt. Nach dem Motto: "Was ich nicht hab, dürft ihr auch nicht." …und all seinen Varianten.

Wikipedia bietet eine etwas allgemeinere Definition, die, wie ich finde, den Begriff  auf den Punkt bringt als

  • engstirnige Personen, die sich durch
  • geistige Unbeweglichkeit (Intoleranz),
  • ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen,
  • Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung und ein
  • starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit

hervortun. Keine Blümchentapete, keine Flusen, kein Benz. Übrigens auch kein Biedermann, der in Abgrenzung zur Reizfigur "Spießer" ganz harmlos nur als altbackender Langweiler mit entsprechenden Außenbild auftritt. Der Schlüssel zu einer neuen Definition eines Spießertyps sind die gesellschaftlichen Normen, an denen er sich orientiert. (mehr …)

Februar 25 at 2010 4 Kommentare

Worte auf der Goldwaage: Satire

Der erweiterte Begriff „Satire“ im allgemeinen Sprachgebrauch, insbesondere in Blogs und Foren:

  1. Alles, was ja nicht so gemeint ist, wie es ausgesprochen wird, nur ein bisschen: Satire.
  2. Lästereien, die einfach mal gut tun: Satire. (weil ja: siehe 1.)
  3. Witze auf Kosten anderer: Satire. (weil ja: siehe 1.)
  4. Kritik, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, aber dafür durch die Blume gesprochen: Satire.
  5. Zynismus: Satire.
  6. Rechtfertigungen von Satirikern, die beleidigt sind, wenn „gewisse Menschen“ ihre Satire nicht als Satire erkennen (weil ja: siehe 1.-4., was ja wohl klar war): Satire.

Juni 4 at 2009 3 Kommentare

Worte auf der Goldwaage: Gleichfalls

Aus der Reihe „Worte auf der Goldwaage“:

Wer „Gleichfalls“ sagt, hat es verpasst, rechtzeitig „Guten Appetit“ oder „Schönen Tag noch“ zu grüßen. Manchmal werden auch Komplimente verlegen mit einem „Gleichfalls“ erwidert, zum Beispiel „Gut sehen sie aus!“ oder „Hat mir wirklich Spaß mit dir gemacht“. Hier ist das „Gleichfalls“ aber noch peinlicher als die verpasste Gelegenheit, als erster nett zu sein. Allerdings macht auch der Ton die Musik: Ein souveränes „Gleichfalls“ klingt zumindest noch wie „Besser hätte ich es nicht formulieren können!“, ein gestammeltes eher wie „Äh…wollte ich auch gerade sagen…“. Ein legeres, aber verkrampft wirkendes „Dito“ macht die Lage nur noch schlimmer.

„Gleichfalls“ muss jedoch auch sorgsam eingesetzt werden. Hole ich mir abends 11 Uhr einen Frascati-Tetrapack an der 24-Stunden-Tankstelle, ist es einfach umpassend, dem Tankwart nach einem „Schönen Abend noch“ ein „Gleichfalls“ mit in die Nachtschicht zu geben. Komme ich zu spät zum Essen, sollte ich zunächst auf den Sättigungsgrad des Gegenübers zu achten, bevor ich ein Guten-Appetit-Wunsch beantworte. Zwei Erbsen sind selbst ein „Gleichfalls“ nicht wert.

In einem Fall ist „Gleichfalls“ absolut kontraproduktiv: „Ich liebe dich.“ muss unbedingt im Wortlaut beantwortet werden. Auch ein neckisches „Auch so.““ oder „Selber!“ hat hier nichts zu suchen. In diesem Sinne „Schönes Wochenende!“

Mai 9 at 2009 5 Kommentare

Worte auf der Goldwaage: Müssen

Müssen “ ist das verbalisierte Pendant zu „Man „. „Du  musst mal mein Fahrrad reparieren“ (Family) oder „Wir müssen wieder gemeinsam anpacken!“ (Politiker) oder „Ich muss leider jetzt gehen.“ (Freunde) ohne weitere Ausführungen klingt sehr konkret. Ist es aber nicht, denn niemand weiß: Warum eigentlich? Die Steigerung heißt „Man muss mal…“ oder extrem „Man müsste mal…“. Hier werden gleich drei Fragen aufgeworfen: Wer, warum und wann überhaupt? Also fast alle Fragen, die ein Satz beantworten sollte.

Deshalb plädiere ich dafür, dass „Müssen“ nur noch mit dem Zusatz „um…“ oder „damit…“ genutzt werden darf. Fest im Lehrplan verankert. „Wir müssen wieder gemeinsam anpacken, damit wir uns auch in drei Jahren noch eine Playstation leisten können“ wäre deutlich konkreter, für alle die sich in drei Jahren noch eine Playstation leisten wollen. Der Rest könnte sich beruhigt zurücklehnen.

„Ich muss leider jetzt gehen, um ‚Verstehen Sie Spaß…‘ nicht zu verpassen.“ ist auch eine deutliche Ansage, dass es hier deutlich langweiliger als beim Senioren-Kichern von Frank Elsner ist. Und „Du musst mal das Fahrrad reparieren, damit ich mich nicht auf die Schnauze lege.“ bietet auch viel mehr Spielraum für einen Aufwand-Nutzen-Vergleich.

Apropos „Aufwand-Nutzen“. Die Begründung von „Müssen“ durch „um“ oder „damit“ darf nur dann umgangen werden, wenn ein „weil sonst…“ folgt. Das klingt zwar auch sehr kausal, ist aber meistens nichts anderes als eine blumig formulierte Erpressung. „Du musst mir 50 € geben, weil ich sonst für nichts garantieren kann.“ klingt einfach schöner als „Kohle her, sonst gibt es was auf die Fresse!“. Es gibt vielleicht auch subtilere Beispiele.

April 26 at 2009 4 Kommentare

Worte auf der Goldwaage: Konsequent

Eine neue Folge aus der Reihe "Worte auf der Goldwaage ":

Es existieren drei Fälle, wann das Wort "konsequent" genutzt wird: In der Erziehung, bei der Karriere und bei den Vorsätzen zum neuen Jahr. Im letzten Fall wird auch oft das Gegenteil verwendet, das Wort "inkonsequent".

Machen die Blagen, was sie -aber definitiv nicht die Eltern- wollen, wurde sie nicht konsequent erzogen. Meistens meinen die Eltern, konsequenter zu erziehen, als Außenstehende das beurteilen. In diesem Fall liegt das Querschießen meistens am "Charakter des Kindes". Was konsequent ist, findet jede interessierte Mutter in pädagogischen Büchern. Väter lesen solche Bücher nicht, weil sie wissen, wie man erzieht. Sie haben auch meistens die besten Tipps für den Alltag, also der Zeit, bevor sie abends nach Hause kommen. Absolut unabdingbar muss jede angedrohte Konsequenz durchgezogen werden, auch wenn sich die überhitzte Angelegenheit längst abgekühlt hat. Rationales Handeln ist der Schlüssel zum Erfolg. Das sagt auch die Supernanny. Wer schnell seinen Bus erreichen muss und seine störrische Göre anfährt, dass "sie dann eben hier stehen bleibt", hat allerdings ein Problem, wenn sie dann eben hier stehen bleibt.

Konsequenz braucht ein Ziel, vor allem im Beruf oder für eine Berufung. Oder ein Ziel braucht Konsequenz … geht auch. Wer sein Ziel erreichen will, darf nicht weich werden. Alles was sich rechts und links anbiedernd offenbart und in Versuchung führt, bleibt liegen. Insofern heißt "konsequent" vor allem, greifbare Gelegenheiten auszulassen zugunsten eines diffusen Glückszustands am Ende des Weges. Und macht dieser Zustand dann doch nicht so glückselig, lässt sich immer noch ein neues Ziel definieren, im Notfall auch zurück. Meist liegt dann rechts oder links aber nichts mehr. Genau genommen engt "Konsequenz" also ein. Wer konsequent sein will, muss leiden. Dafür genießt konsequentes Verhalten höchste Anerkennung in der Gesellschaft, wenn es jemanden nicht selbst unangenehm betrifft. In diesem Fall wird "konsequent" auch "rücksichtslos" genannt.

Wegen seiner Akzeptanz wird das Wort immer öfter eingesetzt. "Folgerichtig" wird zum Beispiel gern ersetzt durch "Da ist es ja nur konsequent, dass…". Ansonsten wird das Wort ab und zu in der Politik genutzt, um Stärke zu demonstrieren, jedoch nur rein rhetorisch.

April 16 at 2009 7 Kommentare

Worte auf der Goldwaage: Man

"Man" ist alles nur nicht "ich" allein. "Man" heißt entweder, "alle, nur nicht ich " oder "alle, deshalb ich auch ". Oder "ich, deshalb du auch " (mit der Variante "Die ganze Welt, deshalb du auch ). Der Extremfall lautet "Du, ich eigentlich nicht ." Manche sagen auch "du" anstatt "man".  Allen voran Oliver Kahn. "Du must immer konzentriert sein im Tor!" Wer, ich? Wenn überhaupt "man" und das dann auch nur für Torhüter.

"Man" ist die beste Lösung, Verantwortung aus dem Weg zu gehen. "Man sollte mal…" heißt zum Beispiel oft "OK, wer fängt an? ". Oder hat jemals  "Man sollte sich mal wieder treffen ." zum Erfolg geführt? "Ich" auszusprechen, erschreckt einfach zu sehr, auch Nicht-Torhüter.

Der Klassiker: "Das macht man nicht!". Das ist die Mutter des Gewissens. Das tumbe Gefühl der Ohnmacht oder die Aufforderung, genau das Gegenteil zu machen. Und beides aus einem Grund: Man kennt "man" nicht (Da war es wieder…). "Man" ist das ausgesprochene Überich. Das Wort in diesem Sinne ist Gift. Die Steigerung dieses Universal-"man" bedeutet "die ganze Welt ". Dagegen ist gar kein Kraut gewachsen, höchstens wenn ich erwidere: "Warum eigentlich?".

Es existiert jedoch noch eine Killer-Variante von "Man sollte mal…". Die schlimmste Variante ist nämlich das subtile "man" als Aufforderung. Bedeckte Offenheit. Die Menschen, die das Wort so infiltrieren, fühlen sich komischerweise überproportional oft missverstanden und haben es meistens mit unsensiblen Leuten zu tun. Es bedarf einfach auch höchster Einfühlsamkeit in die Hirnwindungen und Seelenströme dieser Unverstandenen, um ein "Man sollte mal…" als "Mach mal!" oder ein "Man sollte ja nicht.." als "Das war aber doof von dir! " zu interpretieren.

Man hat es schon schwer mit dem "man"!

April 3 at 2009 12 Kommentare


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