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Nussknackerrevolte

„Kennen wir uns?“

„Allerdings!“

„Und woher, bitte? Ich stehe gerade auf dem Schlauch, sorry.“

„Ich bin dein Nussknacker!“

 Tatsächlich, die verschlissene Uniformjacke, die halb offen den Blick auf das graue Brusthaar freigab, kam mir bekannt vor und der Kerl mit dem verfilzten Zauselbart hatte ein wirklich ausgeprägtes Gebiss, aber wer rechnet an einem Sommerabend um neun Uhr schon mit seinem Nussknacker vor der Haustür? Zumal ich ihn von Weihnachten her viel schmuckvoller in Erinnerung hatte.

 „Entschuldigung, aber sind Sie nicht in der Adventskiste im Keller?“, fragte ich skeptisch.Der Mann schob mit der Hand sein zotteliges Haar zur Seite und schaute mit stechendem Blick von der Treppe zu mir hoch. „Sag mal, glaubst du im Ernst, ich hänge das ganze Jahr in einer Schachtel rum, nur weil du Weihnachten für beendet erklärst?“, rief er unwirsch.

„Jetzt mal langsam…“ Ich fühlte mich etwas überrannt. „Weihnachten hui und der Rest des Jahres pfui, oder was?“, legte er nach und biss in den Briefkasten. „Okay, okay, kommen Sie erstmal rein“, versuchte ich die Lage zu beruhigen. Der Nussknacker erhob sich von der Treppe. Ich schaute mich verstohlen um und erkannte zu meinem Schrecken, dass mindestens ein Dutzend Fahrradklingeln um die Räder vor dem Haus verstreut lagen. „Waren Sie das?“, flüsterte ich. „Klar, oder sehen Sie hier irgendwo Nüsse, die ich stattdessen knacken kann?“ keifte meine Weihnachtsdekoration und schüttelte mit dem Kopf. Schnell schloss ich die Tür auf und schob ihn die Treppe hoch in meine Wohnung. 

Der Nussknacker lümmelte sich sofort auf mein Sofa. „Schon besser!“, meinte er süffisant. Ich pfefferte meine Schlüssel und meine Jacke in die Ecke, stampfte auf ihn zu und holte aus: „Mein Lieber, so geht das nicht. Nussknacker knacken nur im Dezember, klar?“ – „Wer sagt das?“, konterte er und ich sackte gleich wieder zusammen. „Äh, alle. So macht man das im Advent!“, sagte ich kleinlaut. Mein Gegenüber biss unvermittelt die Stehlampe ab. „So, ‚man’ also. Und das ist ab heute eben anders! Schluss mit der engen Verschachtelung. Ich verlange eine ganzjährige Aufenthaltsgenehmigung im Wohnzimmer. Mit Nüssen!“ Wimmernd hob ich den Lampenschirm auf und ließ mich schlapp in den Sessel fallen. „So, wie Sie aussehen“, fiel mir nur ein. „Was denn, auch noch Ansprüche! Du hast mich die letzten Monate doch vernachlässigt, schon vergessen?“ Der abgehalfterte General drehte seinen Kopf zu den Musikboxen. „Was is’n das?“ – „Nichts, gar nichts“, erwiderte ich hastig. Ich sprang auf und stellte mich vor die Boxen. „Na gut, na gut. Nächste Woche stelle ich Sie hinten auf den Schuhschrank im Flur, hübsch unter die Sonnenblume“, winselte ich, in der Hoffnung, ihn mit der sommerlichen Option für den wenig prominenten Platz einlullen zu können.  „Auf den Wohnzimmertisch. Heute“, entgegnete der Nussknacker forsch, „mit Spitzendeckchen und Nüssen! Oder…“ Das Horrorbild diverser angeknabberter Möbelstücke vor Augen knickte ich endgültig ein: „Ja, ja, ja, meinetwegen, ich hole Sie nur morgen früh aus der Kiste, damit ich Sie putzen kann. So widerlich wie jetzt stelle ich Sie nirgendwo hin.“ Schweigend sah mich der ältere Herr an. „Gebongt! Dann bis morgen.“ Er stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort meine Wohnung Richtung Keller. Leise fluchend lehnte ich mich an die Wand und starrte eine gefühlte Stunde lang auf den Tisch. Ich konnte mir schon die Kommentare meiner Freunde vorstellen. „Ach so, du wurdest gezwungen!“, würden sie sagen und sich vor Lachen auf dem Teppich kugeln.

 Meine trostlosen Visionen wurden erst durch ein ohrenbetäubendes Getöse unterbrochen. Ich stürzte zum Fenster und riss es auf. „Ruhe!“, zischte ich nach unten. Ein unrasierter Jüngling setzte seine Trompete ab und schaute durch seine blond gesträhnten Haare erwartungsvoll zu mir nach oben. Seine Augen leuchteten im Gegensatz zu seinem verdreckten Gewand, das ursprünglich wohl mal weiß gewesen war. „Okay, komm rein!“, seufzte ich nur und drehte mich zur Wohnungstür.

Oktober 1 at 2010 4 Kommentare


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