Posts filed under ‘06. Kurzgeschichten’

Mitten im Leben (Kurzgeschichte)

Was darf ich bringen?“, fragte der junge Kellner.
„Hi, was geht ab?“, rief Sven. Als die Bedienung nur stumm lächelte, zeigte mein ehemaliger Schulkamerad auf den Nachbartisch. „Was ist denn das da mit der Zitrone?“
„Corona, mexikanisches Bier.“
„Nehm’ ich eins, man soll ja nie aufhören zu lernen, gell?“ Er schlug mir auf die Schulter und lachte laut.
„Für mich ein Pils, bitte!“, sagte ich.
Nach ein paar Floskeln über Wetter, Verkehrslage und Bierpreise klatschte Sven in die Hände. „So, erzähl’! Du siehst ein bisschen müde aus. Schon vor einer Woche auf der Abi-Party. Was hast du die letzten 25 Jahre so gemacht?“
Sven kam immer gleich zur Sache. So auch, als ich ihm im Suff den Termin in der alten Tanzkneipe zusagen musste. Die Nostalgie hatte mich kurz übermannt.
„Och, Im Augenblick hat mich der Job gut im Griff, aber sonst eigentlich…“
„Ah ja, ich glaub’ ich weiß es!“ Sven unterbrach und zeigte mit wippenden Zeigefinger auf mich.
„Was weißt du?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Warum du so müde aussiehst. Du bist in der Midlifecrisis, stimmt’s?“
„Nö, eigentlich bin ich ganz zufrieden. Sind eben nur paar…“
Sven ließ nicht locker. „..unerfüllte Träume? Du, da musst du weg von. Ich sage mir immer. Gestern war gestern. Heute ist heute. Du musst dich akzeptieren, wie du bist!“
Das hatte ich auch mal gelesen, fragte aber nach: „Du hast keine Träume?“
„Doch schon, denke ich“, grübelte Sven, „aber…“ Er schaute zur Decke, während ich ihn erwartungsvoll ansah, wenn ich nicht gerade mein Bier entgegennehmen durfte.

„…aber man muss ja nur nicht gleich nach Kanada ziehen. Das ist doch was für Spinner. Man ist dann nur auf der Flucht vor sich selbst. Man muss sich nur ein bisschen Freiraum schaffen. Das heißt ja nicht, dass man das Rad gleich neu erfinden muss.“ Ich dachte noch nach, ob er mit man jetzt alle, Mann oder sich selbst meinte, als er weiter ausholte.
„Pass auf! Ich habe zu Kerstin gesagt: ‚So Schluss jetzt. Unten im Keller kommt das ganze Zeug raus.’ Braucht eh’ keiner mehr. Und dann habe ich losgelegt. Estrich neu, gefliest und dann Billardtisch und Bar rein. Du weißt doch noch damals in den Freistunden an der Schule?“ Ja, ich erinnerte mich gut. Sven beherrschte sogar, den Queue hinter dem Rücken zu bedienen. Der Weg der Kugel war da unwesentlich. (mehr …)

Oktober 5 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Andere Perspektive

Ja, glotz’ nur. Aber du kannst lange warten. Ich komme nicht raus. Hier, schau, ich tanze sogar für dich. Denn jetzt bin ich sicher. Tja, und du kannst nur blöd deine Runden ziehen.

Wie viele meiner Freunde hast du auf dem Gewissen? Feige aus dem Hinterhalt. Sie waren noch so jung, konnten sich kaum entfalten. Mörder! Wann bist du endlich satt?

Warum verfolgst du mich erst jetzt? Vorher hast du doch auch keine Notiz von mir genommen. Was habe ich dir getan? Gut, ich habe mich als auffälliger entpuppt, als du vielleicht dachtest. Aber ist dies Grund genug, mich so zu jagen?

Mein Lieber, hier ist für dich Schluss! Hier bleibe ich erstmal. Von hier werde ich meine Fühler ausstrecken, um zu sehen, wie es weitergeht. Und zwar ohne dich! Du kannst mir nicht ewig auflauern! Komm’ doch und hol dir ne blutige Nase! Du kriegst mich ni…

Hey, wer ist das denn? Ich muss mich verstecken. Ab hinter die Gardine! Ich falle! Hilfe, ich kann mich nicht bewegen. Lass mich los! Du engst mich ein! Ich will hier bleiben, hörst du? Ich sehe nichts. Wo bin ich?

Nicht doch, nicht doch! Warum wirfst du mich raus? Was magst du nicht an mir? Kein Schutz weit und breit. Schnell weg hier. Da vorn ins Dickicht. Gleich, nur noch ein paar Meter. Ich taumle. Oh, bitte nicht! Ich taumle. Erbarm…

„Mama, hast du den Schmetterling gerettet?“
„Ja, Nina, hinter der Scheibe hätte er nicht lange überlebt.“
„Hast du ihm auch nicht weh getan?“
„Nein, man muss nur vorsichtig seine Flügel von hinten zusammendrücken. Dann gehen sie nicht kaputt, weil er nicht flattern kann. Am besten, wenn er sitzt. Dann die Hand als Schutz davor und zur Tür tragen.“
„Schön, jetzt ist er frei!“
„Nina, guck’ mal, eine Schwalbe auf unserem Fensterbrett!“
„Oh toll, Mama. Sieht aus, als ob sie lächelt, oder?“

Juni 8 at 2011 2 Kommentare

Die Heintzelmennchen

„Teppiche werden gesaugt und nicht gewischt!“, schrie ich in den Keller. „Und das eins klar ist: Ich habe das letzte Mal auf dem Sofa geschlafen. Wehe, ihr lüftet noch einmal bei Unwetter mein Schlafzimmer! Nie! Am besten überhaupt kein Fenster mehr aufmachen, wenn ich weg bin!“ Ich bückte mich und las entnervt den allmorgendlichen Zettel, der wie üblich auf der Treppe lag: „Sory für das blöde Ding mit der Dusche. Wir haben den Schlauch wider festgeschraubt. Dafür jetzt auch Badezimmer sauber, toll nich? Fiel Spass noch. Die Heintzelmennchen, Angesehn und ungenehm“. Ja, das war am Tag zuvor. Ich erinnerte mich noch genau, als mir der Duschkopf bei eingeseiftem Kopf auf die Nase fiel und das Wasser aus dem Schlauch stattdessen ganz hemmungslos den Duschvorhang überwand. Dass der Duschkopf blitzte wie noch nie, erkannte ich leider zu spät. Ich musste immer auf der Hut sein, seitdem sich die Heinzelmännchen bei mir breit gemacht hatten.

Eines Tages waren sie da, ungebeten. Ich hatte noch nicht einmal eine Telefonnummer. „Auf schöne Zeit zusammen, die Heintzelmennchen, Angesehn und ungenehm“, entdeckte ich früh um 8 Uhr auf einem Wisch gekritzelt, als ich den Kaffee gerade in die Spüle spuckte. Es hätte mich stutzig machen müssen, dass ich selbst gar keinen Kaffee aufgebrüht hatte. (mehr …)

Januar 25 at 2011 2 Kommentare

Über kurz oder lang

Kurz nachdem sich Feuer und Gas im unbändigen Bombardement rasant zu einer Kugel geformt hatten und nichts mehr aus ihrer giftigen Hülle entkommen ließen, sank die Temperatur. Die feurige Glut verkrustete in Folge, und das Wasser konnte sich auf seinem Weg aus Dampf und Eis zu Ozeanen vereinigen und das Festland aus dem brüchigen Boden lösen. Irgendwo am Meeresgrund verbanden sich im Anschluss ein paar Moleküle.
 
Noch nackte Kontinente warfen Falten auf ihrer Reise um den Globus, während sich im Wasser gerade die erste Zelle teilte und damit ihren vielfältigen Siegeszug einleitete. So bedurfte es nur noch ausreichenden Sauerstoffs, um zügig über Wogen stetigen Auf- und Ablebens Land und Luft zu erobern. Nachdem die kaltblütigen Riesen unvermittelt ihren Platz für Säuger räumen mussten, entfachte plötzlich eine noch unbedeutende Spezies in vollem Bewusstsein das erste Feuer, obwohl sie doch kurz vorher erst stehen konnte.
 
Mühsam gemeißelte Pfeilspitzen wurden von ihr zunächst von Geschossen, dann von Tasten ersetzt. Gewaltige Maschinen verdichteten sich schnell auf die Größe eines Fingernagels, doch als die letzten Eisberge nach Süden trieben, der große Regen einsetzte und der erste Kontinent im flammenden Inferno verlassen war, setzte sofort der Untergang der noch jungen Kultur ein.
 
Eis folgte der Glut und Glut folgte dem Eis. Wechselnde Lebensformen besiedelten wechselnde Klimazonen, bevor der Heimatstern seinen Todeskampf begann. Die verbliebenen Pflanzen lechzten nach Kohlendioxid und Meere versiegten zu Salzwüsten, als auch die letzten Nachfahren der aufrechten Urahnen der sterbenden Sonne unterlagen und der einst blaue Ball schließlich wie eine Sternschnuppe im roten Riesen verpuffte.
 
Und irgendwann mitten in dieser kurzen Episode setzte sich ein Buchfink auf die Schulter eines kleinen Jungen, der sogleich wie gebannt auf den Knien verharrte und die Luft anhielt, denn er wünschte sich gerade nichts sehnlicher, als dass der unerwartete Besuch noch einen Moment blieb.

Januar 14 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Die Schaukel

Nur bis knapp unter die Uhr. Mehr ging beim besten Willen nicht. Ich hatte es nie geschafft, die Rathaustür zu erblicken. Dafür konnte ich schaukeln, so hoch ich wollte. Auf der Wiese hinter dem Feld vom Bauer Enke hing die Schaukel an einer einsamen Buche. Ich habe bis heute keine Ahnung, wer sie dort befestigt hatte. Regelmäßig fuhr ich mit meinem Bonanza-Rad auf einem schmalen Feldweg aus unserem Dorf, allein oder mit Freunden. Alles war so vertraut. Von den zwei Zaunpfählen, die als Tor herhalten mussten bis zu Bauer Enke, der es gar nicht mochte, wenn wir das gesammelte Altpapier direkt neben seinem Feld anzündeten. (mehr …)

Januar 3 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Klassentreffen

„Ich hoffe, mein Unterricht hat Ihnen was gebracht“, bemerkte mein ehemaliger Deutschlehrer mit fast bettelndem Blick.
„Klar, ich spreche immer noch deutsch“, meinte ich verlegen.
Er bohrte tiefer. „Und Faust?“
„Habe ich auch noch, sogar zwei.“ Ich ballte selbige in den Taschen und räusperte mich. ‚Jetzt bloß nicht auf’s Sonett oder Werthers Leiden kommen’, dachte ich, ‚dann wird’s peinlich.’
Lehrer auf Klassentreffen sind wirklich arme Schweine, wenn sie erkennen müssen, dass das Resultat ihrer aufopferungsvollen Arbeit in den Niederungen der hintersten Gehirnwindung ihrer Ex-Schüler verschollen ist. Aber auch ich hatte wenig Lust, dies gleich schonungslos zu offenbaren.
„Ich muss dann mal“, sagte ich und zeigte auf das WC.

Gerade inhalierte ich beim Durchatmen den WC-Stein vor mir, als sich Herr Reimer neben mich stellte. Seine grauen Haare waren inzwischen weiß.
„Was macht der Pythagoras?“, fragte er schmunzelnd zum Einstieg.
Ich hielt unverrichteter Dinge inne. „War…war der auch in unserer Stufe?“, stotterte ich und scannte mein Gedächtnis nach ausländischen Mitschülern. Herr Reimers Blick verfinsterte sich.
„A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat, meine ich, wissen Sie das nicht mehr?“
Ich schluckte und errötete. „Ach so, doch, klar, aber ich arbeite mit Excel.“
„Den kenne ich jetzt nicht.“ Er seufzte und ergänzte: „Manchmal weiß ich nicht, für was ich das eigentlich gemacht habe.“
Schnell schloss ich meinen Reißverschluss und versuchte zu trösten:
„Kurvendiskussionen gehören zu meinem täglichen Ritual.“ Ich dachte da zwar mehr an mein letztes Gespräch mit Martin über Sandra und Yvonne, aber ich stahl mich mit einem flüchtigen Winken schnell aus der Toilette, bevor sich Herr Reimer für gezielte Rückfragen komplett entleert hatte. (mehr …)

November 17 at 2010 8 Kommentare

Der erste freie Feldlauf

Neue Runde in Donna’s Schreibprojekt. Diesmal wurde der Anfangssatz „Niemand hatte damit gerechnet“ vorgegeben.

Der erste freie Feldlauf

Niemand hatte damit gerechnet. Da war er sich sicher, so oft wie sie ihn übersehen hatten. Nur weil er keine Beine hatte, wie er meinte. Gefesselt blickte Kolumbi die goldene Dose empor. Mit glänzenden Augen kroch der Holzwurm die Trophäe hoch, schaute über die große Wiese und wartete. Vor ein paar Tagen war er buchstäblich meilenweit von diesem Triumph entfernt gewesen…

„Ich stürze mich jetzt vom Ast!“, rief Kolumbi in die Menge. „Aber weint nicht um mich!“ Der Holzwurm lugte vom Kastanienbaum in die Tiefe. Die anderen Tiere, die sich aus dem ganzen Park versammelt hatten, tuschelten aufgeregt. „Aaaah!“, schrie der Wurm und ließ sich fallen, bis er federnd ins Gras plumpste. Während er langsam erkannte, dass der Sprung doch nicht so lebensbedrohlich war wie gewünscht, tuschelten die Tiere munter weiter. Mühsam rappelte er sich auf und seufzte. Noch nicht mal seinen Tod hätten sie zur Kenntnis genommen. Stattdessen war ihnen sogar eine Pappe am Nachbarbaum wichtiger, die schon minutenlang für regen Gesprächsstoff sorgte.
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Oktober 23 at 2010 12 Kommentare

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  • Willkomen in der verrückten Welt von Donky, der Ente, und seinen Freunden!
  • Die meisten Beiträge entstanden aus Handspielen mit meinem Sohn Jan.
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  • Stand der Abenteuer in der Kategorie (Sidebar): Stand der Dinge
  • Die Handfiguren sind im Text mit einem Link hinterlegt. Bei >Click< wird in einem neuen Fenster der Charakter vorgestellt. Alle kompakt unter: Akteure
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