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Über das Zuhören

Niemand lässt sich gern sagen, dass er nicht zuhören kann. Gälte man dann im Widerspruch zu einem modernen Menschen als nicht aufgeschlossen, unsensibel oder sogar selbstdarstellerisch.

„Ich weiß doch, was du gesagt hast. Zuerst hattest du das, dann das, dann das erzählt.“ ist zum Beispiel eine beliebte Rechtfertigung, um den Vorwurf auszuhebeln. Ein Gesprächsprotokoll wäre ideal, um Gesprächsanteile zu analysieren. Dann könnte man sogar beweisen, dass man geantwortet hat. Und wie soll das ohne Zuhören denn bitte schön sinnvoll gehen?

Nun ist dem kommunikationsbewanderten Zeitgenossen natürlich auch der Begriff „Aktives Zuhören“ bekannt. Rein technisch gesagt also das Zuhören inklusive Nachfragen, begrifflich vor allem belegt im therapeutischen oder gar professionellen Gespräch (z.B. im Vertrieb). Wie ein Teppich, den man dem Partner ausbreitet, damit er nicht verloren auf kaltem Boden rumtapst. Er begeht ihn aber immernoch selbst. Kennt man und macht man natürlich.

Nur leider wird der Begriff oft zu eigenem Gunsten interpretiert. Ich erfahre oft, dass ein Thema in eigenen Gedanken weitergeführt wird. Besser noch: Einen Aufhänger für eigene Erfahrungen zu finden, die auch gleich kundgetan werden müssen. Das Nachfragen ist dann Mittel zum Zweck.

Sicher ist es hilfreich, mal ein eigenes Beispiel durchzuspielen, um sich tiefer in den Gegenüber zu denken, aber nur kurz und präzise, gefolgt von einem „Meinst du das auch so?“  Ansonsten wird das eigene Beispiel das Thema und es geht es dem Gegenüber mehr um das „Erzählen wollen“ und nicht „Verstehen wollen“.  Wenn es hoch kommt, entsteht ein Austausch über das Gesagte, aber nicht über das was dahintersteckt.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Das menschliche  Reinversetzen oder mindestens die Neugier auf den anderen wird meistens überlagert von der eigenen Selbstreflexion. Der eigene Mikrokosmos beherrscht das Szenario. Der angebliche Zuhörer ist mit sich selbst beschäftigt. (mehr …)

Oktober 11 at 2011 8 Kommentare

Mitten im Leben (Kurzgeschichte)

Was darf ich bringen?“, fragte der junge Kellner.
„Hi, was geht ab?“, rief Sven. Als die Bedienung nur stumm lächelte, zeigte mein ehemaliger Schulkamerad auf den Nachbartisch. „Was ist denn das da mit der Zitrone?“
„Corona, mexikanisches Bier.“
„Nehm’ ich eins, man soll ja nie aufhören zu lernen, gell?“ Er schlug mir auf die Schulter und lachte laut.
„Für mich ein Pils, bitte!“, sagte ich.
Nach ein paar Floskeln über Wetter, Verkehrslage und Bierpreise klatschte Sven in die Hände. „So, erzähl’! Du siehst ein bisschen müde aus. Schon vor einer Woche auf der Abi-Party. Was hast du die letzten 25 Jahre so gemacht?“
Sven kam immer gleich zur Sache. So auch, als ich ihm im Suff den Termin in der alten Tanzkneipe zusagen musste. Die Nostalgie hatte mich kurz übermannt.
„Och, Im Augenblick hat mich der Job gut im Griff, aber sonst eigentlich…“
„Ah ja, ich glaub’ ich weiß es!“ Sven unterbrach und zeigte mit wippenden Zeigefinger auf mich.
„Was weißt du?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Warum du so müde aussiehst. Du bist in der Midlifecrisis, stimmt’s?“
„Nö, eigentlich bin ich ganz zufrieden. Sind eben nur paar…“
Sven ließ nicht locker. „..unerfüllte Träume? Du, da musst du weg von. Ich sage mir immer. Gestern war gestern. Heute ist heute. Du musst dich akzeptieren, wie du bist!“
Das hatte ich auch mal gelesen, fragte aber nach: „Du hast keine Träume?“
„Doch schon, denke ich“, grübelte Sven, „aber…“ Er schaute zur Decke, während ich ihn erwartungsvoll ansah, wenn ich nicht gerade mein Bier entgegennehmen durfte.

„…aber man muss ja nur nicht gleich nach Kanada ziehen. Das ist doch was für Spinner. Man ist dann nur auf der Flucht vor sich selbst. Man muss sich nur ein bisschen Freiraum schaffen. Das heißt ja nicht, dass man das Rad gleich neu erfinden muss.“ Ich dachte noch nach, ob er mit man jetzt alle, Mann oder sich selbst meinte, als er weiter ausholte.
„Pass auf! Ich habe zu Kerstin gesagt: ‚So Schluss jetzt. Unten im Keller kommt das ganze Zeug raus.’ Braucht eh’ keiner mehr. Und dann habe ich losgelegt. Estrich neu, gefliest und dann Billardtisch und Bar rein. Du weißt doch noch damals in den Freistunden an der Schule?“ Ja, ich erinnerte mich gut. Sven beherrschte sogar, den Queue hinter dem Rücken zu bedienen. Der Weg der Kugel war da unwesentlich. (mehr …)

Oktober 5 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Nicht weiterlesen!

Ich warne euch, lest bloß nicht weiter!
Denn das Gedicht ist weder heiter,
noch spannend, noch besonders schlau.
Ihr sucht ’ne Botschaft? Fehlanzeige!
Stattdessen geh’n Ideen zur Neige,
auch mit Gefühlen ist es mau.

Ihr bleibt noch immer bei der Stange?
Wird euch denn überhaupt nicht bange,
dass gleich nur Langeweile gähnt?
Tja, viel bleibt mir jetzt nicht zu sagen.
Verspür’ ein wenig Unbehagen.
Nicht, dass ihr hier die Muse wähnt.

So langsam fangt ihr an zu nerven.
Es ist mir doch nichts vorzuwerfen.
Verschwindet jetzt! Ich bin nicht da!
Hat niemand euch hierher gezwungen.
Hey, mein Talent ist ausgewrungen!
Mehr kommt nicht raus als nur Blabla.

Ab jetzt verweiger’ ich euch Gaffern
für immer jegliche Metaphern.
Ich hab’ doch weder Geist noch Stil.
Oh je, ich stammel, Herz am Rasen,
nur voll die leeren Wörterblasen.
Ja was’n das für’n böses Spiel!

Äh, kann nicht mehr! So’n Rumgeholper!
Und wie ich über das Metrum stolper.
Doch habt es ihr ja so gewünscht!
Da nix Haha und null Pointe.
Mit reinem Reim is’ jetzt am Ende.
Und kein beschiss’ner Reim auf „wünscht“!

September 26 at 2011 5 Kommentare

Prosommer

Oh Sonne, was kann ich dafür,
dass ich hier wohn‘ nicht artgerecht,
die falsche Zone (Wetter schlecht),
gemäßigt, fern der Côte d’Azur?

Warum wurde ich Sonnensohn
in dieses Land nur strafversetzt?
Ich bin und bleibe, tief verletzt,
ein Irrtum der Evolution.

Für Liegestühle, Meeresbad
und Grillbesteck fühl‘ ich nun mal
mich anatomisch ideal:
Was soll ich hier bei achtzehn Grad?

Oh Sonne, ich vermiss’ dich so,
ach komm’ (doch halt’ die Nächte kühl)
zum Wochenende, nicht so schwül,
und bitte sonst nach dem Büro.

Juli 27 at 2011 2 Kommentare

Kritikfähige Drachen

Jan (11) hatte in der letzten Deutsch-Klassenarbeit die Aufgabe, ein Märchen fortzusetzen. Schön lebhaft und phantasievoll geschrieben, was auch entsprechend belohnt wurde.

Ich möchte euch jedoch nicht eine Passage nach zwei DIN 4 Seiten vorenthalten, die entstand, just nachdem die Lehrerin „Noch zwei Minuten!“ in den Klassenraum warf:

… Diesmal war es ein Fuchs, dem er wieder folgte, bis dieser vor einer Höhle stehen blieb. Der Dummling bedankte sich ein drittes Mal und schritt hinein.
„Hallo? ist da jemand?“, fragte er ängstlich. Auf einmal stolperte er über etwas. Es war eine Drachenklaue! Doch er entdeckte auch den Pilz. Er nahm ihn und schlich hinaus.
Plötzlich packte ihn die Klaue, mit letzter Kraft befreite er sich. Doch der Drache folgte ihm. Aber anstatt ihn zu töten, sprach er: „Entschuldigung!“

(Dann noch etwas blala Thron besteigen blabla heiraten und glücklich bis an ihr Lebensende blabla in Rekordzeit)

Ich liebe straffe Handlungen. Also, falls sich mal jemand verhaspelt und wieder mal nicht zum Ende kommt, wie ich jetzt gerade, einfach mal sagen:

„Entschuldigung!“

Juli 25 at 2011 1 Kommentar

Antisommer

Ohne dass ich hetze, flitze,
läuft der Saft in meine Ritze.
Bleibe kleben, wenn ich sitze.
Weil ich schwitze, schwitze, schwitze.

„Einen Tag lang, auch bei Hitze!“
Mieses Deo, machst du Witze?
Eine Stunde wär’ schon spitze.
Denn ich schwitze, schwitze, schwitze.

Wo sind Hagel, Donner, Blitze?
Wolkenbruch! Mensch Himmel, spritze!
Schauerchen? Paar kleine, klitze?
Nein, ich schwitze, schwitze, schwitze.

Juli 15 at 2011 4 Kommentare

Andere Perspektive

Ja, glotz’ nur. Aber du kannst lange warten. Ich komme nicht raus. Hier, schau, ich tanze sogar für dich. Denn jetzt bin ich sicher. Tja, und du kannst nur blöd deine Runden ziehen.

Wie viele meiner Freunde hast du auf dem Gewissen? Feige aus dem Hinterhalt. Sie waren noch so jung, konnten sich kaum entfalten. Mörder! Wann bist du endlich satt?

Warum verfolgst du mich erst jetzt? Vorher hast du doch auch keine Notiz von mir genommen. Was habe ich dir getan? Gut, ich habe mich als auffälliger entpuppt, als du vielleicht dachtest. Aber ist dies Grund genug, mich so zu jagen?

Mein Lieber, hier ist für dich Schluss! Hier bleibe ich erstmal. Von hier werde ich meine Fühler ausstrecken, um zu sehen, wie es weitergeht. Und zwar ohne dich! Du kannst mir nicht ewig auflauern! Komm’ doch und hol dir ne blutige Nase! Du kriegst mich ni…

Hey, wer ist das denn? Ich muss mich verstecken. Ab hinter die Gardine! Ich falle! Hilfe, ich kann mich nicht bewegen. Lass mich los! Du engst mich ein! Ich will hier bleiben, hörst du? Ich sehe nichts. Wo bin ich?

Nicht doch, nicht doch! Warum wirfst du mich raus? Was magst du nicht an mir? Kein Schutz weit und breit. Schnell weg hier. Da vorn ins Dickicht. Gleich, nur noch ein paar Meter. Ich taumle. Oh, bitte nicht! Ich taumle. Erbarm…

„Mama, hast du den Schmetterling gerettet?“
„Ja, Nina, hinter der Scheibe hätte er nicht lange überlebt.“
„Hast du ihm auch nicht weh getan?“
„Nein, man muss nur vorsichtig seine Flügel von hinten zusammendrücken. Dann gehen sie nicht kaputt, weil er nicht flattern kann. Am besten, wenn er sitzt. Dann die Hand als Schutz davor und zur Tür tragen.“
„Schön, jetzt ist er frei!“
„Nina, guck’ mal, eine Schwalbe auf unserem Fensterbrett!“
„Oh toll, Mama. Sieht aus, als ob sie lächelt, oder?“

Juni 8 at 2011 2 Kommentare

Kuschelkaninchen im Schafspelz

Heftiges Kopfnicken, wer das Musikantenstadl mit den unseligen Schlagertexten und Tralala-Meleodien  „volkstümlicher Musik“ verdammt.

Heftiges Kopfschütteln, wer das Musikantenstadl mit den unseligen Schlagertexten und Tralala-Meleodien  „volkstümlicher Musik“ verdammt und gleichzeitig Unheilig als intelligente Popmusik mit feinsinnigem Seelentiefgang vergöttert.

Das Kuschelkaninchen im Schaftspelz.

Februar 8 at 2011 6 Kommentare

Kleine Welt

Ich bin Experte der Provence,
vertraut durch die Gewürze.
Chinesen kenn‘ ich voll und ganz
aus RTL in Kürze.

Italien ist ein tolles Land,
die Pizza schmeckt so lecker.
Nur Italiener, arrogant,
die gehn mir auf den Wecker.

Wie wäre es phänomenal,
wenn jeder jeden liebet,
wie die da oben im Nepal.
So „Freiheit jetzt für Tibet!“

(mehr …)

Januar 31 at 2011 5 Kommentare

Ich bin so glücklich

Wer unzufrieden ist, hat viel zu erzählen. Der Chef ist ein Arsch, die Liebste war es  auch, der Freund wird es gerade, und die Lehrerin denkt das selbe vom Sprössling. Irgendetwas ist zuviel, irgendetwas zu wenig. Es zwickt, es kneift, es ist nicht mehr wie damals. Alles muss anders werden, aber nichts passiert. Überall Steine und Geröll. Und schließlich hat man noch das Rezept, die Welt zu retten, aber niemand hört zu.

Doch, ich! Ich höre zu! Ich habe nichts zu erzählen. Alles läuft rund. Selbst mit spannenden Extrem-Hobbys oder ungeheuerlichem Anektoten von der Ex des gemeinsamen Ex-Nachbarns kann ich nicht dienen. Für PS-Schwelgerei bin ich zu ungebildet, für Gartengestaltung bin ich zu gartenfrei und Witze sind gerade unangebracht. Jetzt ist aber sowieso kein Platz für Smalltalk. Also her mit dem Müll. Kippt ihn aus und lasst uns darin wühlen, anschließend lasst ihn liegen. Ich räume ihn schon weg. Spart euch das „Wie geht’s?“ und legt los. Mehr als „Gut“ habe ich eh nicht zu sagen. Da gibt es gar nichts nachzufragen. Nur langweiliger Alltagsschrott. Unspektakulär. Völlig richtig! Also, wie sieht’s aus? Einer ist doch immer tot und ich trauer direkt mit. Egal, wer es ist. Egal, ob ich ihn kenne. Jetzt kenne ich ihn ja gleich.

Kein „Das geht mir auch so!“ und kein „Bei mir war das noch schlimmer…“ werdet ihr von mir hören, als willkommene Aufhänger für die eigene Leidensgeschichte, damit ihr anschließend nur wieder mühsam eine Lücke finden müsst. Also frei von der Leber weg. Nicht wie die Senioren im Bus, die nach intensivem Austausch der Krankenakte immernoch nicht mehr über die Gebrechen des Gegenübers wissen.

Ich bin ein Glücklicher und muss euer Kreuz aushalten können. Nur Glückliche können mit Glücklichen über belangloses Glück reden, wie zum Beispiel, dass alle gesund sind und Weihnachten sehr harmonisch und ich mich gerade ganz sorgenfrei für etwas ganz Neues begeistern kann, denn i… „Aha, na dann… Guck‘ mal raus, regnet es?“  … Entschuldigung, ich hatte vergessen, mir selbst den roten Teppich auszulegen.

Ich rede jedoch nicht vom erheblichen Glück, dem Glück im Trübsal, dem Glück, das die Welt wieder gerade rückt. Das ist erlaubt. Das Glück des Unglücklichen oder zumindest Unzufriedenen. Der Lichtblick, der gewürdigt werden muss. „Mensch, was bin ich froh, dass dich der Skiurlaub nach all dem Mist so entspannen konnte“, kann ich da als Skivermeider beispielsweise nur sagen und hake doch gleich nochmal nach. Es muss ein Segen sein, auf Glückliche zu treffen, so viel, wie ihr zu erzählen habt.

Und dann gibt es doch diese Momente, diese rar gestreuten Momente, wo ich meinen Gegenüber nur anglotze, bis er aufseufzt und schweigt.

Januar 26 at 2011 2 Kommentare

Die Heintzelmennchen

„Teppiche werden gesaugt und nicht gewischt!“, schrie ich in den Keller. „Und das eins klar ist: Ich habe das letzte Mal auf dem Sofa geschlafen. Wehe, ihr lüftet noch einmal bei Unwetter mein Schlafzimmer! Nie! Am besten überhaupt kein Fenster mehr aufmachen, wenn ich weg bin!“ Ich bückte mich und las entnervt den allmorgendlichen Zettel, der wie üblich auf der Treppe lag: „Sory für das blöde Ding mit der Dusche. Wir haben den Schlauch wider festgeschraubt. Dafür jetzt auch Badezimmer sauber, toll nich? Fiel Spass noch. Die Heintzelmennchen, Angesehn und ungenehm“. Ja, das war am Tag zuvor. Ich erinnerte mich noch genau, als mir der Duschkopf bei eingeseiftem Kopf auf die Nase fiel und das Wasser aus dem Schlauch stattdessen ganz hemmungslos den Duschvorhang überwand. Dass der Duschkopf blitzte wie noch nie, erkannte ich leider zu spät. Ich musste immer auf der Hut sein, seitdem sich die Heinzelmännchen bei mir breit gemacht hatten.

Eines Tages waren sie da, ungebeten. Ich hatte noch nicht einmal eine Telefonnummer. „Auf schöne Zeit zusammen, die Heintzelmennchen, Angesehn und ungenehm“, entdeckte ich früh um 8 Uhr auf einem Wisch gekritzelt, als ich den Kaffee gerade in die Spüle spuckte. Es hätte mich stutzig machen müssen, dass ich selbst gar keinen Kaffee aufgebrüht hatte. (mehr …)

Januar 25 at 2011 2 Kommentare

Über kurz oder lang

Kurz nachdem sich Feuer und Gas im unbändigen Bombardement rasant zu einer Kugel geformt hatten und nichts mehr aus ihrer giftigen Hülle entkommen ließen, sank die Temperatur. Die feurige Glut verkrustete in Folge, und das Wasser konnte sich auf seinem Weg aus Dampf und Eis zu Ozeanen vereinigen und das Festland aus dem brüchigen Boden lösen. Irgendwo am Meeresgrund verbanden sich im Anschluss ein paar Moleküle.
 
Noch nackte Kontinente warfen Falten auf ihrer Reise um den Globus, während sich im Wasser gerade die erste Zelle teilte und damit ihren vielfältigen Siegeszug einleitete. So bedurfte es nur noch ausreichenden Sauerstoffs, um zügig über Wogen stetigen Auf- und Ablebens Land und Luft zu erobern. Nachdem die kaltblütigen Riesen unvermittelt ihren Platz für Säuger räumen mussten, entfachte plötzlich eine noch unbedeutende Spezies in vollem Bewusstsein das erste Feuer, obwohl sie doch kurz vorher erst stehen konnte.
 
Mühsam gemeißelte Pfeilspitzen wurden von ihr zunächst von Geschossen, dann von Tasten ersetzt. Gewaltige Maschinen verdichteten sich schnell auf die Größe eines Fingernagels, doch als die letzten Eisberge nach Süden trieben, der große Regen einsetzte und der erste Kontinent im flammenden Inferno verlassen war, setzte sofort der Untergang der noch jungen Kultur ein.
 
Eis folgte der Glut und Glut folgte dem Eis. Wechselnde Lebensformen besiedelten wechselnde Klimazonen, bevor der Heimatstern seinen Todeskampf begann. Die verbliebenen Pflanzen lechzten nach Kohlendioxid und Meere versiegten zu Salzwüsten, als auch die letzten Nachfahren der aufrechten Urahnen der sterbenden Sonne unterlagen und der einst blaue Ball schließlich wie eine Sternschnuppe im roten Riesen verpuffte.
 
Und irgendwann mitten in dieser kurzen Episode setzte sich ein Buchfink auf die Schulter eines kleinen Jungen, der sogleich wie gebannt auf den Knien verharrte und die Luft anhielt, denn er wünschte sich gerade nichts sehnlicher, als dass der unerwartete Besuch noch einen Moment blieb.

Januar 14 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Die Schaukel

Nur bis knapp unter die Uhr. Mehr ging beim besten Willen nicht. Ich hatte es nie geschafft, die Rathaustür zu erblicken. Dafür konnte ich schaukeln, so hoch ich wollte. Auf der Wiese hinter dem Feld vom Bauer Enke hing die Schaukel an einer einsamen Buche. Ich habe bis heute keine Ahnung, wer sie dort befestigt hatte. Regelmäßig fuhr ich mit meinem Bonanza-Rad auf einem schmalen Feldweg aus unserem Dorf, allein oder mit Freunden. Alles war so vertraut. Von den zwei Zaunpfählen, die als Tor herhalten mussten bis zu Bauer Enke, der es gar nicht mochte, wenn wir das gesammelte Altpapier direkt neben seinem Feld anzündeten. (mehr …)

Januar 3 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Chinese Domino Day

Sing Lang, unsere Pekingente, ist mit vorweihnachtlichen (Fr)Essgebräuchen jenseits der chinesischen Speisekarte noch nicht so vertraut. Auch Zimtglückskeksadventskalender wie in ihrem Exdominizil des Restaurants „Lotusgarten“ sind bei uns zu Hause noch nicht eingeführt.

  • Jan: „Nimm dir doch auch einen Dominostein!“
  • Sing Lang: „Was?“
  • Jan: „Diese Schokowürfel hier heißen so. Lecker!“
  • Sing Lang: „Würfel haben Punkte!“
  • Jan: „Der ist zum Essen, der braucht keine Punkte.“
  • Sing Lang: „Ihr esst Würfel?“
  • Jan: „Nur die, mit denen man nicht spielt.“
  • Sing Lang: „Und wenn ihr nicht spielt, esst Ihr die Würfel auf??“
  • Jan: „Der hat doch gar keine Punkte zum Spielen!“
  • Sing Lang: „Und wo sind die Punkte jetzt?“
  • Jan: „Och, Sing Lang, das ist ein Dominostein zum Essen. Basta.“
  • Sing Lang: „In Ordnung, Würfel sind in Wirklichkeit gar keine Würfel, sondern Dominosteine.“
  • Jan: „Moment, Moment! Dominosteine zum Spielen haben Punkte wie Würfel, sind aber keine Würfel. Dominosteine zum Essen sind Würfel ohne Punkte“
  • Sing Lang „?“
  • Jan: „Moment!“
  • Sing Lang „-„
  • Jan: „Guck hier, das ist eine Dominostein zum Spielen mit Punkten!Hier zwei, da fünf“
  • Sing Lang: „Aha! Und Punkte schmecken nicht!“
  • Jan: „Äh, keine Ahnung!“
  • Sing Lang: „Im Lotusgarten gab es nie Punkte zu essen.Kann man die nicht abmachen?“
  • Jan: „Der ganze Dominostein schmeckt nicht!“
  • Sing Lang: „Ohne Punkte schon!“
  • Jan: „Unter den Punkten ist Plastik!“
  • Sing Lang: „Aber Dominosteine sind eine chinesische Spezialität!“
  • Jan: „?“
  • Sing Lang: „Guck hier: ‚Made in China‘!“

Dezember 6 at 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Klassentreffen

„Ich hoffe, mein Unterricht hat Ihnen was gebracht“, bemerkte mein ehemaliger Deutschlehrer mit fast bettelndem Blick.
„Klar, ich spreche immer noch deutsch“, meinte ich verlegen.
Er bohrte tiefer. „Und Faust?“
„Habe ich auch noch, sogar zwei.“ Ich ballte selbige in den Taschen und räusperte mich. ‚Jetzt bloß nicht auf’s Sonett oder Werthers Leiden kommen’, dachte ich, ‚dann wird’s peinlich.’
Lehrer auf Klassentreffen sind wirklich arme Schweine, wenn sie erkennen müssen, dass das Resultat ihrer aufopferungsvollen Arbeit in den Niederungen der hintersten Gehirnwindung ihrer Ex-Schüler verschollen ist. Aber auch ich hatte wenig Lust, dies gleich schonungslos zu offenbaren.
„Ich muss dann mal“, sagte ich und zeigte auf das WC.

Gerade inhalierte ich beim Durchatmen den WC-Stein vor mir, als sich Herr Reimer neben mich stellte. Seine grauen Haare waren inzwischen weiß.
„Was macht der Pythagoras?“, fragte er schmunzelnd zum Einstieg.
Ich hielt unverrichteter Dinge inne. „War…war der auch in unserer Stufe?“, stotterte ich und scannte mein Gedächtnis nach ausländischen Mitschülern. Herr Reimers Blick verfinsterte sich.
„A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat, meine ich, wissen Sie das nicht mehr?“
Ich schluckte und errötete. „Ach so, doch, klar, aber ich arbeite mit Excel.“
„Den kenne ich jetzt nicht.“ Er seufzte und ergänzte: „Manchmal weiß ich nicht, für was ich das eigentlich gemacht habe.“
Schnell schloss ich meinen Reißverschluss und versuchte zu trösten:
„Kurvendiskussionen gehören zu meinem täglichen Ritual.“ Ich dachte da zwar mehr an mein letztes Gespräch mit Martin über Sandra und Yvonne, aber ich stahl mich mit einem flüchtigen Winken schnell aus der Toilette, bevor sich Herr Reimer für gezielte Rückfragen komplett entleert hatte. (mehr …)

November 17 at 2010 8 Kommentare

Der erste freie Feldlauf

Neue Runde in Donna’s Schreibprojekt. Diesmal wurde der Anfangssatz „Niemand hatte damit gerechnet“ vorgegeben.

Der erste freie Feldlauf

Niemand hatte damit gerechnet. Da war er sich sicher, so oft wie sie ihn übersehen hatten. Nur weil er keine Beine hatte, wie er meinte. Gefesselt blickte Kolumbi die goldene Dose empor. Mit glänzenden Augen kroch der Holzwurm die Trophäe hoch, schaute über die große Wiese und wartete. Vor ein paar Tagen war er buchstäblich meilenweit von diesem Triumph entfernt gewesen…

„Ich stürze mich jetzt vom Ast!“, rief Kolumbi in die Menge. „Aber weint nicht um mich!“ Der Holzwurm lugte vom Kastanienbaum in die Tiefe. Die anderen Tiere, die sich aus dem ganzen Park versammelt hatten, tuschelten aufgeregt. „Aaaah!“, schrie der Wurm und ließ sich fallen, bis er federnd ins Gras plumpste. Während er langsam erkannte, dass der Sprung doch nicht so lebensbedrohlich war wie gewünscht, tuschelten die Tiere munter weiter. Mühsam rappelte er sich auf und seufzte. Noch nicht mal seinen Tod hätten sie zur Kenntnis genommen. Stattdessen war ihnen sogar eine Pappe am Nachbarbaum wichtiger, die schon minutenlang für regen Gesprächsstoff sorgte.
(mehr …)

Oktober 23 at 2010 12 Kommentare

Nussknackerrevolte

„Kennen wir uns?“

„Allerdings!“

„Und woher, bitte? Ich stehe gerade auf dem Schlauch, sorry.“

„Ich bin dein Nussknacker!“

 Tatsächlich, die verschlissene Uniformjacke, die halb offen den Blick auf das graue Brusthaar freigab, kam mir bekannt vor und der Kerl mit dem verfilzten Zauselbart hatte ein wirklich ausgeprägtes Gebiss, aber wer rechnet an einem Sommerabend um neun Uhr schon mit seinem Nussknacker vor der Haustür? Zumal ich ihn von Weihnachten her viel schmuckvoller in Erinnerung hatte.

 „Entschuldigung, aber sind Sie nicht in der Adventskiste im Keller?“, fragte ich skeptisch.Der Mann schob mit der Hand sein zotteliges Haar zur Seite und schaute mit stechendem Blick von der Treppe zu mir hoch. „Sag mal, glaubst du im Ernst, ich hänge das ganze Jahr in einer Schachtel rum, nur weil du Weihnachten für beendet erklärst?“, rief er unwirsch.

„Jetzt mal langsam…“ Ich fühlte mich etwas überrannt. „Weihnachten hui und der Rest des Jahres pfui, oder was?“, legte er nach und biss in den Briefkasten. „Okay, okay, kommen Sie erstmal rein“, versuchte ich die Lage zu beruhigen. Der Nussknacker erhob sich von der Treppe. Ich schaute mich verstohlen um und erkannte zu meinem Schrecken, dass mindestens ein Dutzend Fahrradklingeln um die Räder vor dem Haus verstreut lagen. „Waren Sie das?“, flüsterte ich. „Klar, oder sehen Sie hier irgendwo Nüsse, die ich stattdessen knacken kann?“ keifte meine Weihnachtsdekoration und schüttelte mit dem Kopf. Schnell schloss ich die Tür auf und schob ihn die Treppe hoch in meine Wohnung. 

Der Nussknacker lümmelte sich sofort auf mein Sofa. „Schon besser!“, meinte er süffisant. Ich pfefferte meine Schlüssel und meine Jacke in die Ecke, stampfte auf ihn zu und holte aus: „Mein Lieber, so geht das nicht. Nussknacker knacken nur im Dezember, klar?“ – „Wer sagt das?“, konterte er und ich sackte gleich wieder zusammen. „Äh, alle. So macht man das im Advent!“, sagte ich kleinlaut. Mein Gegenüber biss unvermittelt die Stehlampe ab. „So, ‚man’ also. Und das ist ab heute eben anders! Schluss mit der engen Verschachtelung. Ich verlange eine ganzjährige Aufenthaltsgenehmigung im Wohnzimmer. Mit Nüssen!“ Wimmernd hob ich den Lampenschirm auf und ließ mich schlapp in den Sessel fallen. „So, wie Sie aussehen“, fiel mir nur ein. „Was denn, auch noch Ansprüche! Du hast mich die letzten Monate doch vernachlässigt, schon vergessen?“ Der abgehalfterte General drehte seinen Kopf zu den Musikboxen. „Was is’n das?“ – „Nichts, gar nichts“, erwiderte ich hastig. Ich sprang auf und stellte mich vor die Boxen. „Na gut, na gut. Nächste Woche stelle ich Sie hinten auf den Schuhschrank im Flur, hübsch unter die Sonnenblume“, winselte ich, in der Hoffnung, ihn mit der sommerlichen Option für den wenig prominenten Platz einlullen zu können.  „Auf den Wohnzimmertisch. Heute“, entgegnete der Nussknacker forsch, „mit Spitzendeckchen und Nüssen! Oder…“ Das Horrorbild diverser angeknabberter Möbelstücke vor Augen knickte ich endgültig ein: „Ja, ja, ja, meinetwegen, ich hole Sie nur morgen früh aus der Kiste, damit ich Sie putzen kann. So widerlich wie jetzt stelle ich Sie nirgendwo hin.“ Schweigend sah mich der ältere Herr an. „Gebongt! Dann bis morgen.“ Er stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort meine Wohnung Richtung Keller. Leise fluchend lehnte ich mich an die Wand und starrte eine gefühlte Stunde lang auf den Tisch. Ich konnte mir schon die Kommentare meiner Freunde vorstellen. „Ach so, du wurdest gezwungen!“, würden sie sagen und sich vor Lachen auf dem Teppich kugeln.

 Meine trostlosen Visionen wurden erst durch ein ohrenbetäubendes Getöse unterbrochen. Ich stürzte zum Fenster und riss es auf. „Ruhe!“, zischte ich nach unten. Ein unrasierter Jüngling setzte seine Trompete ab und schaute durch seine blond gesträhnten Haare erwartungsvoll zu mir nach oben. Seine Augen leuchteten im Gegensatz zu seinem verdreckten Gewand, das ursprünglich wohl mal weiß gewesen war. „Okay, komm rein!“, seufzte ich nur und drehte mich zur Wohnungstür.

Oktober 1 at 2010 4 Kommentare

Der Bussard

Wenn vom Baumstumpf furchtlos blickt
der Bussard wie von einem Thron,
das Wiesel reglos in dem Fang,
so kann man ahnen, wie geschickt
er wohl gespäht nach einem Lohn
und wie sein Schrei die Luft durchdrang,

wie er dann ließ sein Auge schweifen
von Feld zu Feld für den Verzehr
bis das Wiesel sich geregt.
Wie kunstvoll mochte er es greifen,
dass glänzen trotz der Beute Wehr
die edlen Schwingen so gepflegt?

Wenn vom Baumstumpf furchtlos blickt
der Bussard wie von einem Thron,
das Wiesel reglos in dem Fang,
er trotz Geschepper nicht erschrickt
auf dem Sims seit Jahren schon
so starr und steif im Restaurant.

September 21 at 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Imaginärer Placebo

Verdammt, Donky hat einen Drehwurm. Teilte er uns gestern zunächst freudig mit. Leider haben wir ihm gesagt, dass so ein Drehwurm ganz schön schwindelig machen kann und ihm bestimmt übel ist. Seitdem kotzt er unentwegt in den Teich. Was den Kröten gefällt, finden wir ganz schön ekelig. Nun sahen wir heute, dass der Drehwurm extrem einem Telefonkabel ähnelt, vor allem, weil noch ein Hörer dranhängt. Aber da gab es kein Zurück. Donky ist speiübel.

Wir zeigten ihm, was man mit einem Hörer so anstellen kann. Telefonieren, zum Beispiel, drehfrei. Das überzeugte ihn aber nicht, da niemand ranging. Wir zogen Kolumbi zu Rate, seines Zeichens anerkannter Holzwurm und Experte. Als er jedoch Donky und das Telefonkabel sah, musste er gleich mit aufstoßen und schredderte erstmal ein Gramm Sägespäne aus. Das bestätigte Donky noch mehr.

Es wird noch schlimmer: Ich versuchte ihm zu erklären, dass dieser Drehwurm so eine Art imaginärer Placebo ist, nur andersrum irgendwie. Und so sehr mich dieser Vergleich auch selbst verwirrt, so Donky natürlich umso mehr. Seit dem schimpft ununterbrochen mit dem Placebo, dass selbst Amseln seinen Baum meiden aus Angst vor Übergriffen. Der Placebo solle sich gefälligst vom Acker machen und den Drehwurm mit dem Hörer mitnehmen. Bis jetzt bleibt der Placebo jedoch hartnäckig und dazu noch imaginär neben ihm sitzen. Zumindest klopft er Donky beim Kotzen auf den Rücken.

September 15 at 2010 3 Kommentare

BlaBla.

Aus der Tiefe kommt das B,
doch plötzlich geht’s ganz schnell.
Bevor ich a aussprechen kann,
erfasst mich schon das l.
Bla

O, manchmal wühle ich in mir,
dann kullern lauter O’s,
doch jetzt, O Wunder, hört nur zu,
geht es von vorne los!
O

Aus der Tiefe kommt das B,
doch plötzlich geht’s ganz schnell.
Bevor ich a aussprechen kann,
erfasst mich schon das l.
BlaBla

Das Finale fällt mir schwer,
Fragezeichen oder Punkt?
Ich hoffe nur, das diesmal nicht
das B dazwischen funkt.
Punkt

September 14 at 2010 Hinterlasse einen Kommentar

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Ausgewählt

Kurz und bündig

  • Willkomen in der verrückten Welt von Donky, der Ente, und seinen Freunden!
  • Die meisten Beiträge entstanden aus Handspielen mit meinem Sohn Jan.
  • Hintergründe gibt es hier: Intro
  • Ein Steckbrief des Blogs, Kurzprofile der Figuren und Tipps zur Navigation unter: Neu hier!?
  • Stand der Abenteuer in der Kategorie (Sidebar): Stand der Dinge
  • Die Handfiguren sind im Text mit einem Link hinterlegt. Bei >Click< wird in einem neuen Fenster der Charakter vorgestellt. Alle kompakt unter: Akteure
  • Per Mouse over im Beitrag erhält man eine Kurzbeschreibung der Charaktere im Kästchen.

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