Über das Zuhören

Oktober 11 at 2011 8 Kommentare

Niemand lässt sich gern sagen, dass er nicht zuhören kann. Gälte man dann im Widerspruch zu einem modernen Menschen als nicht aufgeschlossen, unsensibel oder sogar selbstdarstellerisch.

„Ich weiß doch, was du gesagt hast. Zuerst hattest du das, dann das, dann das erzählt.“ ist zum Beispiel eine beliebte Rechtfertigung, um den Vorwurf auszuhebeln. Ein Gesprächsprotokoll wäre ideal, um Gesprächsanteile zu analysieren. Dann könnte man sogar beweisen, dass man geantwortet hat. Und wie soll das ohne Zuhören denn bitte schön sinnvoll gehen?

Nun ist dem kommunikationsbewanderten Zeitgenossen natürlich auch der Begriff „Aktives Zuhören“ bekannt. Rein technisch gesagt also das Zuhören inklusive Nachfragen, begrifflich vor allem belegt im therapeutischen oder gar professionellen Gespräch (z.B. im Vertrieb). Wie ein Teppich, den man dem Partner ausbreitet, damit er nicht verloren auf kaltem Boden rumtapst. Er begeht ihn aber immernoch selbst. Kennt man und macht man natürlich.

Nur leider wird der Begriff oft zu eigenem Gunsten interpretiert. Ich erfahre oft, dass ein Thema in eigenen Gedanken weitergeführt wird. Besser noch: Einen Aufhänger für eigene Erfahrungen zu finden, die auch gleich kundgetan werden müssen. Das Nachfragen ist dann Mittel zum Zweck.

Sicher ist es hilfreich, mal ein eigenes Beispiel durchzuspielen, um sich tiefer in den Gegenüber zu denken, aber nur kurz und präzise, gefolgt von einem „Meinst du das auch so?“  Ansonsten wird das eigene Beispiel das Thema und es geht es dem Gegenüber mehr um das „Erzählen wollen“ und nicht „Verstehen wollen“.  Wenn es hoch kommt, entsteht ein Austausch über das Gesagte, aber nicht über das was dahintersteckt.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Das menschliche  Reinversetzen oder mindestens die Neugier auf den anderen wird meistens überlagert von der eigenen Selbstreflexion. Der eigene Mikrokosmos beherrscht das Szenario. Der angebliche Zuhörer ist mit sich selbst beschäftigt.

„Ja, geht mir auch so, denn ich…“, „Ich mache das immer so…“, „Da fällt mir gerade was ein…“ Bekannt? Das ist das Gegenteil von Zuhören. Und wenn man tatsächlich dem Gesprächspartner „zuhört“, dann betrifft es eigene Interessen oder man will einfach unterhalten werden. Oder wertvoller Ratgeber sein, am besten um Lösungen aus dem eigenen Fundus vorzuschlagen. Dumm nur, wenn es bei dem Thema um gar kein Problem geht. Offensichtlich zunächst unspektakuläre Themen sind für diese Absichten fehl am Platz.

„Verstehen wollen“ bedeutet deshalb besonders auch eins: Ehrliches Interesse. Und zwar an der Person und nur sekundär am Thema. Und das tut dem Gegenüber meistens so gut, dass es auch den Austausch, der sich daraus ergeben kann, belebt. Bedürfnisse, Aktionen, Anliegen haben ja einen Hintergrund, haben Beweggründe. Und diese liegen nicht im  „Was“, „Wann“ und „Wo“ sondern in den Fragen „Warum“ und „Wie“. Aus meiner Sicht die spannenderen Fragen, um die eigene, miefige Bude mit seinem zusammengezimmerten Wertegeflecht mal zu verlassen. Da muss der Erzähler nicht der beste Freund sein.

Nun kann ehrliches Interesse nicht erzwungen werden. Wenn der Gesprächspartner oberflächlich, extrem langweilig und/oder unsympathisch ist, darf das Gespräch auch gerne im Smalltalk verpuffen. Zuhören soll ja nicht zur heroischen Selbstaufopferung werden.  Es kann aber auch „außerplanmäßig“ überraschend befruchten, die Sichtweise mal zu wechseln, ohne den Gegenüber zu lieben.

Zuhören ist eine leider viel zu unterschätzte Gabe, weil viel zu oft in Anspruch genommen wird, sie zu beherrschen. Danke für’s Zuhören!

(Natürlich hat auch Wikipedia eine „Meinung“ zum Begriff „Aktives Zuhören“, wenn auch sehr wissenschaftlich angehaucht)

Entry filed under: Welt & Sonstiges. Tags: , , , , , , .

Mitten im Leben (Kurzgeschichte) Jameson on the rocks

8 Kommentare Add your own

  • 1. Raven  |  Oktober 13 um 2011

    Hä?

    Da hast du mich aber erwischt. Früher habe ich auch gerne jedem (gefragt oder ungefragt) meinen unerschöpflichen Fundus an Lebenserfahrungen aufgenötigt. Habe daher auch keine Freunde mehr.

  • 2. Donkys Freund  |  Oktober 13 um 2011

    Wie meinst du das jetzt?

    Dass du sooo viel aktiv zugehört hast, dass der „aktive“ Teil überwogen hat?
    Oder dass du statt Zuhören jeden zugeplappert hast?

    Ich finde nur, dass Zuhören deutlich mehr ist als „Aha!“ und „Kenn‘ ich!“ und „Bei mir ist das so:…“.
    Und man stellt sich damit auch nicht märtyrerhaft zurück, sondern kann stattdessen Erfahrungen des anderen für sich selbst rauskitzeln, die aber unterhalb der Gesprächsoberfläche liegen. Interesse ist (s.o.) allerdings Voraussetzung.

    Außerdem ist Zuhören wertschätzend. Und Wertschätzung wird auch widerum (meistens) wertgeschätzt. Aber (nahezu) jeder meint, er könne gut zuhören.

    Ich erzähle lieber nichts, als dass ich mir nur selbst zuhöre (wobei letzteres manchmal beim Formulieren und „Auf den Punkt bringen“ hilft.)

    Zugegebenermaßen rolle ich mir beim Erzählen nie selbst den Teppich aus, so dass mein Gesprächspartner seeehr aufmerksam sein muss, dass ich nicht verstumme.

  • 3. Raven  |  Oktober 14 um 2011

    Ich gehöre leider zu der zuplappernden Kategorie. 😦

    Aber wenn ich mal nix sage, werde ich gleich angemacht, ob ich schlechte Laune habe. Ich kann es eben keinem recht machen. Außerdem kenne ich wohl mehr langweilige und lebensunfähige als aktive und interessante Menschen, da reicht es nicht einmal für einen Schwank aus ihrer Jugendzeit. 😉

  • 4. Donkys Freund  |  Oktober 14 um 2011

    Das klingt aber trist! 😦

    Nix sagen bedeutet in deinem Fall anscheinend auch einen radikalen Imagewechsel, wenn ich das richtig verstanden habe. Das muss man auch erstmal verdauen. 😉

  • 5. Raven  |  Oktober 17 um 2011

    Ich habe schon einige Leben gelebt und mich mehrmals um 180° gedreht. Nenne es Immagewechsel. Menschen die mich vor 30, 20 oder 10 Jahren kannten, würden mich nicht mehr kennen oder erkennen. 😉
    Ich sehe es übrigens positiv. Für mich gibt es nichts schlimmeres als Stillstand. Habe mal meine bestet Freundin aus der Grundschulzeit wiedergesehen. Die hat sich nicht ein bisschen verändert. Immer noch gleiche Frisur, Stimme und Wesen. Das war Unheimlich, als wenn sie all die Jahre sich zu Hause heimlich in eine Zeitkapsel einschließt um sich zu konservieren. *grusel*

  • 6. Donkys Freund  |  Oktober 17 um 2011

    Sehe ich auch so.

    Klar, dass sich bei einer Weiterentwicklung der ein oder andere vor den Kopf gestoßen fühlt. Aber was soll’s?
    Die Frage ist, ob der Imagewechsel (hier Plappern/Nichtssagen) aus einer Laune heraus kommt oder eben Ergebnis deiner persönlichen Entwicklung ist.

    (Wenn du dich mehrmals um 180°drehst, guckt du übrigens eventuell wieder in die selbe Richtung 😉 )

  • 7. Raven  |  Oktober 19 um 2011

    Beides. Ich bin launisch und entwickel mich gleichzeitig. 😛

    »Wenn du dich mehrmals um 180°drehst, guckt du übrigens eventuell wieder in die selbe Richtung«

    Hast du nicht manchmal das Gefühl dich im Kreis zu drehen?! 😉

  • 8. Donkys Freund  |  Oktober 20 um 2011

    Ja, das stimmt, meistens wird mir dann schwindelig und ich lege mich hin… 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Ausgewählt

Kurz und bündig

  • Willkomen in der verrückten Welt von Donky, der Ente, und seinen Freunden!
  • Die meisten Beiträge entstanden aus Handspielen mit meinem Sohn Jan.
  • Hintergründe gibt es hier: Intro
  • Ein Steckbrief des Blogs, Kurzprofile der Figuren und Tipps zur Navigation unter: Neu hier!?
  • Stand der Abenteuer in der Kategorie (Sidebar): Stand der Dinge
  • Die Handfiguren sind im Text mit einem Link hinterlegt. Bei >Click< wird in einem neuen Fenster der Charakter vorgestellt. Alle kompakt unter: Akteure
  • Per Mouse over im Beitrag erhält man eine Kurzbeschreibung der Charaktere im Kästchen.

In Monaten

Kategorien

Immer aktuell

Kalendersuche

Oktober 2011
M D M D F S S
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  
__________

Fotos (Press red button)

Press button
free hit counters
Add to Technorati Favorites

%d Bloggern gefällt das: