Mitten im Leben (Kurzgeschichte)

Oktober 5 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Was darf ich bringen?“, fragte der junge Kellner.
„Hi, was geht ab?“, rief Sven. Als die Bedienung nur stumm lächelte, zeigte mein ehemaliger Schulkamerad auf den Nachbartisch. „Was ist denn das da mit der Zitrone?“
„Corona, mexikanisches Bier.“
„Nehm’ ich eins, man soll ja nie aufhören zu lernen, gell?“ Er schlug mir auf die Schulter und lachte laut.
„Für mich ein Pils, bitte!“, sagte ich.
Nach ein paar Floskeln über Wetter, Verkehrslage und Bierpreise klatschte Sven in die Hände. „So, erzähl’! Du siehst ein bisschen müde aus. Schon vor einer Woche auf der Abi-Party. Was hast du die letzten 25 Jahre so gemacht?“
Sven kam immer gleich zur Sache. So auch, als ich ihm im Suff den Termin in der alten Tanzkneipe zusagen musste. Die Nostalgie hatte mich kurz übermannt.
„Och, Im Augenblick hat mich der Job gut im Griff, aber sonst eigentlich…“
„Ah ja, ich glaub’ ich weiß es!“ Sven unterbrach und zeigte mit wippenden Zeigefinger auf mich.
„Was weißt du?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Warum du so müde aussiehst. Du bist in der Midlifecrisis, stimmt’s?“
„Nö, eigentlich bin ich ganz zufrieden. Sind eben nur paar…“
Sven ließ nicht locker. „..unerfüllte Träume? Du, da musst du weg von. Ich sage mir immer. Gestern war gestern. Heute ist heute. Du musst dich akzeptieren, wie du bist!“
Das hatte ich auch mal gelesen, fragte aber nach: „Du hast keine Träume?“
„Doch schon, denke ich“, grübelte Sven, „aber…“ Er schaute zur Decke, während ich ihn erwartungsvoll ansah, wenn ich nicht gerade mein Bier entgegennehmen durfte.

„…aber man muss ja nur nicht gleich nach Kanada ziehen. Das ist doch was für Spinner. Man ist dann nur auf der Flucht vor sich selbst. Man muss sich nur ein bisschen Freiraum schaffen. Das heißt ja nicht, dass man das Rad gleich neu erfinden muss.“ Ich dachte noch nach, ob er mit man jetzt alle, Mann oder sich selbst meinte, als er weiter ausholte.
„Pass auf! Ich habe zu Kerstin gesagt: ‚So Schluss jetzt. Unten im Keller kommt das ganze Zeug raus.’ Braucht eh’ keiner mehr. Und dann habe ich losgelegt. Estrich neu, gefliest und dann Billardtisch und Bar rein. Du weißt doch noch damals in den Freistunden an der Schule?“ Ja, ich erinnerte mich gut. Sven beherrschte sogar, den Queue hinter dem Rücken zu bedienen. Der Weg der Kugel war da unwesentlich.
„Dann noch Wand getäfelt, feinstes Nussbaum, Bose-Lautsprecher integriert. Die alten Nirvana aufgedreht. Das rockt!“ Nirvana war alt? Ich überlegte und rechnete nach, während Sven noch über integrierte Halogenleuchten, Guinness-Zapfhahn und Budweiser-Kühlschrank plauderte. Nirvana. Tatsächlich 20 Jahre war ‚Nevermind’ schon her.
„…über die Bar eine LED Leiste. Fertig ist mein Reich!“ Er lehnte sich zurück und grinste. Ich schaute ihn fragend an. „Na die immer das Licht so wechselt, verstehst du?“, ergänzte er. „Schon klar!“, meinte ich nur, „und wer spielt mit dir?“
„Kollegen meistens, nach der Arbeit ein, zwei Partien. Leon macht sich auch schon ganz gut.“
„Leon?“
„Mein Sohn.“
„Ach ja, stimmt!“

Sven runzelte die Stirn. „Man kommt ja auch zu nichts!“ Pause.
„Aber…“ Er setzte sich aufrecht hin und meinte betont gelassen: „Seit ich den Spielplatz für unser Viertel mitsaniere, weiß ich ja, wofür ich meine Zeit opfere!“
„Welchen Spielplatz? Etwa den hinten am Schillerdamm?“
„Genau den!“ Sven verschränkte triumphierend die Arme.
„Hängen da nicht immer die Gangs rum?“
Svens Blick verfinsterte sich. „Ja, schon, aber ich habe mich ja speziell um den Zaun gekümmert. Ich denke schon, dass das bald abschreckt und wieder Kinder kommen werden! Außerdem klappt das mit ‚Amnesty’ zurzeit nicht mit dem Lokaltermin. Mittwochs habe ich Triathlon-Training. Da musste was anderes her.“ Er räusperte sich und fragte „Ward ihr im Urlaub dieses Jahr?“

„Wir waren auf Rügen. Schön entspannt. Leider hat einen der Job ja schnell wieder im Griff.“ Ich seufzte.
„Fiete, Urlaub musst du erleben, da musst du was mitnehmen nach Hause…“
„Hab’ ich auch, zwei schöne Aquarell…“
„Nein, ich meine ideell, von dem du länger zehrst!“ Sven ballte eine Faust.
„Ach! Und wo kriegt man das?“ Ich zehrte gern mal ab und zu.
„Tibet!“ Das klang wie ein Befehl.
„Du warst in Tibet? Wow! Wie habt ihr euch denn da verständigt?“
„Das hat alles die Reiseleitung gemacht. Soviel kann man sich ja gar nicht merken. Nepal, China, und dieses andere Land da. Na, wie heißt’s?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Na, egal, das mit dem Krieg damals. Sieht man aber nichts mehr von“, sagte Sven und winkte ab.
„Ui, wie lange ward ihr denn unterwegs?“
„Vier Wochen. Wenn schon, denn schon. Das macht man nicht zweimal!“ Sven setzte einen mahnenden Blick auf.
„Vier Wochen bekomme ich nie!“, meinte ich deprimiert
„Da musst du ein bisschen auf den Putz hauen, Fiete. Chef, hab’ ich gesagt, wenn das nicht geht, gehe ich!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch und ich hielt mein Bierglas fest.
„Uff, ganz schön mutig!“ Ich wölbte anerkennend die Unterlippe.
„Man muss seinen Wert eben kennen. Ich hab ein bisschen vorgearbeitet und schon ging’s! Außerdem hatte ich eine Reiserücktrittsversicherung, wenn es doch irgendwie schief gegangen wär’. Mein Rücken, du verstehst?“ Er zwinkerte mir zu. „Du darfst dich nicht so treiben lassen, Fiete. Ganz wichtig!“

Sven beugte sich nach vorn. „Guck’ mal: In Tibet zum Beispiel machen die das ganz richtig. Innere Mitte, alles easy. Die haben sich selbst im Griff. Da kommt kein Chef um die Ecke! Nur blöd, dass die da so verfolgt werden. Aber ich habe vorher paar Bücher gelesen, als Vorbereitung. Und glaube mir. Da kann man sich was abgucken!“
Ich horchte auf. „Was denn genau?“
„Hab’ ich doch gesagt. Innere Mitte und so.“
Da könnte was dran sein, dachte ich. So schwiegen wir eine endlose Minute, während ich die Mitte suchte und auf dem Stuhl hin und her rutschte.

„Da, schau dir die jungen Dinger an. Wie sie sich räkeln.“ Sven nickte mit dem Kopf zu drei Studentinnen auf der Tanzfläche und hielt inne. Ich schreckte auf, während ich immer noch ziemlich seitlich saß. Der Themenwechsel kam für mich etwas überraschend, denn eigentlich war die innere Mitte für mich noch nicht ausgereizt. Trotzdem folgte ich instinktiv den lasziven Bewegungen.
„Und? Was ist mit denen?“, fragte ich nach einer Weile.
„Du, auf die gebe ich nichts. Ich habe meine Kerstin. Und das läuft prima.“ Er löste seinen Blick und zwinkerte mir wieder zu. „Man muss sich eben nur ein bisschen was einfallen lassen.Gell?“ Ich nickte, auch wenn ich das gar nicht wissen wollte, und überlegte, wie wohl sein Ordner auf der Festplatte hieß. „In Thailand waren wir übrigens auch“, ergänzte Sven.
„Ach auch noch!“ Jetzt konnte ich den Bogen wieder schlagen.

„Sag’ mal. Fand das Kerstin nicht etwas hektisch? Sie war doch mehr so für Mallorca, oder?“
„Ich war mit meinen Kumpels unterwegs.“
Ich genehmigte mir einen großen Schluck und wünschte mir, dass doch endlich mal die Midlifecrisis beginnen würde.

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