Die Heintzelmennchen

Januar 25 at 2011 2 Kommentare

„Teppiche werden gesaugt und nicht gewischt!“, schrie ich in den Keller. „Und das eins klar ist: Ich habe das letzte Mal auf dem Sofa geschlafen. Wehe, ihr lüftet noch einmal bei Unwetter mein Schlafzimmer! Nie! Am besten überhaupt kein Fenster mehr aufmachen, wenn ich weg bin!“ Ich bückte mich und las entnervt den allmorgendlichen Zettel, der wie üblich auf der Treppe lag: „Sory für das blöde Ding mit der Dusche. Wir haben den Schlauch wider festgeschraubt. Dafür jetzt auch Badezimmer sauber, toll nich? Fiel Spass noch. Die Heintzelmennchen, Angesehn und ungenehm“. Ja, das war am Tag zuvor. Ich erinnerte mich noch genau, als mir der Duschkopf bei eingeseiftem Kopf auf die Nase fiel und das Wasser aus dem Schlauch stattdessen ganz hemmungslos den Duschvorhang überwand. Dass der Duschkopf blitzte wie noch nie, erkannte ich leider zu spät. Ich musste immer auf der Hut sein, seitdem sich die Heinzelmännchen bei mir breit gemacht hatten.

Eines Tages waren sie da, ungebeten. Ich hatte noch nicht einmal eine Telefonnummer. „Auf schöne Zeit zusammen, die Heintzelmennchen, Angesehn und ungenehm“, entdeckte ich früh um 8 Uhr auf einem Wisch gekritzelt, als ich den Kaffee gerade in die Spüle spuckte. Es hätte mich stutzig machen müssen, dass ich selbst gar keinen Kaffee aufgebrüht hatte. 

Dass ich ab dem Zeitpunkt regelmäßig rosa Hemden aus der Waschmaschine zog, trug ich noch mit Fassung. Als ich jedoch einen Steuerbescheid über eine Nachzahlung von 20.000 € erhielt, nur weil die Wichte ungefragt meine Steuererklärung verfasst hatten, war ich das erste Mal wirklich ungehalten. Ich durchsuchte mit hochrotem Kopf den ganzen Keller nach den Biestern, denn ich erinnerte mich noch vage, dass sich diese angeblich bei Sichtung rar machten. Meine Suche endete allerdings schmerzhaft am offen liegenden Stromkabel. Den Hinweis „Neue elektrische Mausefall“ hatte ich übersehen. Auch der Trick mit den Erbsen auf der Kellertreppe mündete nur in einer angebrannten Erbsensuppe mit Müsli als erster Tagesmahlzeit. Ich riss zwar gleich das Küchenfenster auf, aber nur um es direkt gleich komplett in der Hand zu halten. Für kurze Zeit. „Küchenfenster quitscht nich mehr. Sory für loses Schanier, aber dafür gute Luft, nich?“ durfte ich am nächsten Tag als Grund für die diversen Schnittwunden erfahren.

Ich verfasste Abmahnungen und wüste Drohbriefe, aber die Heinzelmännchen blieben hartnäckig hilfsbereit. Zugegeben, die Kleinen konnten ihren Aktionen immer etwas Positives abgewinnen. Nachdem sie den Teppich unter Wasser gesetzt hatten, schlitterte ich zum Beispiel abends barfuß über den Flur. „Sory für Verwexlung mit Fliesen für das Wischen, dafür kannst du die Füsse jetzt besser waschen, nich?“, war der wohlgemeinte Rat auf dem Schmierzettel. „Zumindest etwas!“, dachte ich in einem Anfall von Barmherzigkeit.

Eines Morgens war ich zunächst angenehm überrascht, wie mein Computerbildschirm glänzte und die Tastatur akkurat gereinigt war. Mir stieg jedoch der kalte Schweiß auf die Stirn, als ich das „On“- Lämpchen des PC’s blinken sah. Ich hatte ihnen nach dem Schock mit der Handyrechnung eigentlich verboten jegliche „On“-Tasten zu drücken (was sie jedoch als Aufforderung sahen, dafür sämtliche „Off“-Tasten auszuprobieren, keine gute Idee bei der Gefriertruhe). Aber tatsächlich, ich sah, dass sie diesmal ihren Reinigungsauftrag besonders ernst genommen hatten, als ich den Bildschirm anschaltete. Kreidebleich hämmerte ich minutenlang auf die „Strg“- „Alt-“ und „Entf“- Tasten, während ständig neue ‚Deleted“ Meldungen über den Monitor ratterten.

Das war zu viel. Ich schrieb einen seitenlangen Beschwerdebrief und warf ihn, da ich keine andere Adresse kannte, einfach in meinen eigenen Briefkasten. Dann geschah erstmal nichts. Und das war gut so! Ich genoss meinen eigenen, köstlichen Kaffee, konnte unfallfrei auf der Toilette pinkeln und aß hervorragende Omeletts anstatt versalzenes Kartoffelpüree mit Stachelbeeren. Ein paar Tage später fand ich die Nachricht „Sory für die doofe Zeit für dich, müssen jetzt woahnders hin. Du bist sauer, nich? Die Heintzelmennchen, Angesehn und ungenehm“.

„Woahnders“ war ab jetzt mein Lieblingswort. Ich torkelte vor Freude mit einer Wodkaflasche durch die Nachbarschaft und grölte: „Ich kann Kaffee kochen, endlich kann ich Kaffee kochen!“ Die Nachbarn nahmen diese Information mit einem flüchtigen Lächeln zur Kenntnis. Es dauerte jedoch nicht lange, als mir ein blütenweißes Kuvert auf der Kellertreppe ins Auge fiel. Misstrauisch las ich den Inhalt, sorgsam formatiert auf edel geprägtem 120g-Papier:

Sehr geehrter Kunde,

wir entschuldigen die Unannehmlichkeiten, die durch unsere Mitarbeiter entstanden sind. Ihr neues Team wird alle Arbeiten ab jetzt zu Ihrer vollen Zufriedenheit verrichten.

Für besondere Wünsche füllen Sie bitte das angefügte Formular aus und legen es täglich bis 20:00 Uhr auf die Kellertreppe.

Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Mit freundlichem Gruß

Ihr hauseigenes Service-Team
Die Heinzelmännchen
Ungesehen und angenehm

„Au backe!“, dachte ich nur, „geht das wieder von vorne los“ und sank deprimiert auf die Treppe. Aber von wegen! Jeden Morgen stand frisch gebrühter Cafe Latte mit Karamellaroma auf dem Tisch und die Hemden wurden völlig überraschend ohne Brandflecken gebügelt. Sogar auf meinem PC waren die neuesten Updates ohne Fehlermeldungen installiert. Und immer lag ein abgezeichnetes Erledigungsformular neben dem liebevoll inszenierten Schinkenbrötchen mit Gurke und Petersilie.

„Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht. Wir würden uns freuen, wenn Sie sich etwas Zeit nehmen, den beigefügten Bogen auszufüllen, um Ihre Wünsche noch besser berücksichtigen zu können“, wurde mir monatlich höflich offeriert. Ich seufzte jedes Mal lauter und konnte überall nur „Uneingeschränkt zufrieden“ ankreuzen. Ich musste beim Schuhe anziehen noch nicht einmal mehr auf verlorene Stecknadeln achten. Unglaublich!

Aber ich ertappte mich immer öfter, dass ich mit feuchten Augen über die jämmerliche Yukkapalme strich, die die Wichtel-Vorgänger ertränkt hatten. Ich vermisste den täglichen Kurzschluss und einmal mogelte ich sogar absichtlich eine rote Socke in die Waschmaschine. Manchmal blickte ich verloren in nostalgischen Gedanken durch das milchige Küchenfenster, einst Opfer einer Scheuermilch-Frühjahrsaktion. Mit anderen Worten: Mir war langweilig. Ich war diese Dauerbewirtung leid, wie in Watte eingelullt, wenn auch äußerst professionell. Ich war nicht mehr auf Zack. Ich rechnete nicht mehr mit dem Schlimmsten.

So vergingen trostlose Monate, bis ich eine wichtige Entscheidung traf. Ich tupfte mir noch die blutige Stirn mit einem Taschentuch ab, nachdem ich mir selbst ein Bein gestellt hatte, um im eingeübten Ritual frontal den Geschirrspüler zu erwischen. Dieser blubberte nur bedrohlich weiter, weil ich absichtlich die Zeitung zwischen den schmutzigen Tellern vergessen hatte. Ich hoffte auf eine Überschwemmung nach meiner Rückkehr vom Briefkasten, damit zumindest etwas Leben in die Bude kam. Nach einem Löffel selbst pürierten Marmeladencroissant nickte ich noch kurz, bevor ich mein rosa Hemd zuknöpfte, in der Hand den Brief mit dem Kündigungsschreiben für meinen Vermieter. Ich schaffte es selbst einfach nicht mehr. Es wurde Zeit für eine neue Wohnung. Woahnders.

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Über kurz oder lang Ich bin so glücklich

2 Kommentare Add your own

  • 1. mohrle  |  Februar 26 um 2011

    wunderbar!

  • 2. Donkys Freund  |  März 12 um 2011

    Danke!!!

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