Die Schaukel

Januar 3 at 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Nur bis knapp unter die Uhr. Mehr ging beim besten Willen nicht. Ich hatte es nie geschafft, die Rathaustür zu erblicken. Dafür konnte ich schaukeln, so hoch ich wollte. Auf der Wiese hinter dem Feld vom Bauer Enke hing die Schaukel an einer einsamen Buche. Ich habe bis heute keine Ahnung, wer sie dort befestigt hatte. Regelmäßig fuhr ich mit meinem Bonanza-Rad auf einem schmalen Feldweg aus unserem Dorf, allein oder mit Freunden. Alles war so vertraut. Von den zwei Zaunpfählen, die als Tor herhalten mussten bis zu Bauer Enke, der es gar nicht mochte, wenn wir das gesammelte Altpapier direkt neben seinem Feld anzündeten.

Ich wollte immer wissen, was hinter dem Hügel lag. Die Rathausspitze lugte gerade noch über die Kuppe. Wie sah es darunter aus? War dort gerade mehr los als hier? Und so schaukelte ich bis ins Laub. Der Ast knarrte und manchmal verloren die Seile in der Waagerechten ihre Spannung, so dass ich mich nur knapp auf dem schmalen Brett halten konnte. Die Schaukel taumelte wie ein wild gewordenes Pendel vor und zurück, unbeherrschbar. Aber ich schaffte es gerade noch einen Blick auf die Uhr zu erhaschen. Sie ging immer knapp drei Minuten nach.

Irgendwann setzte ich mich nicht mehr auf die Schaukel. Wir lehnten dafür umschlungen am Baum und zählten die Sterne. Manchmal standen auf der Schaukel auch ein paar leere Bierdosen von uns, später nutzte ich sie als Ablage für meine Aktenordner. Dann vergaß ich sie.

Vorhin stand ich vor dem Rathaus und schaute empor. Ich hatte noch ein paar Formalitäten in meiner alten Heimatgemeinde erledigen müssen. Schön sah das alte Gebäude aus, frisch saniert, die Uhr ging wieder drei Minuten nach und auf dem kleinen Rathausplatz schoben sich die Menschen über den Flohmarkt. Aber es war seit meiner Kindheit nie mehr so aufregend wie von der Schaukel aus gesehen, als ich Stein für Stein des Gemäuers entdecken lernte. Es war nur ein Rathaus wie jedes andere, tausend Mal gesehen und ignoriert. Aber ich erinnerte mich und schaute in Richtung des Hügels.

Mit einem Taschentuch versuche ich nun, die Moosflechten vom verwitterten Brett zu wischen und stütze mich auf. Ich blinzle skeptisch nach oben durch die Blätter. Ja, sie scheint tatsächlich noch zu halten. Die Rinde des knorrigen Baumes ist um das Seil gewachsen und nur die zerfaserten Seilenden lugen hervor. Ich hänge mein Sakko an einen Zweig, setze mich auf eine Tüte, um meine Hose nicht schmutzig zu machen. Doch ich kenne inzwischen jeden Fleck hinter dem Hügel. Gesehen, geprüft, archiviert. Also warum sollte ich das Risiko eingehen, die alte Schaukel noch einmal ächzen zu lassen? Hält sie wirklich? Lohnt sich das? Lange wippe ich leicht mit den Zehenspitzen im Gras und höre nur das Rauschen der Baumkronen aus dem kleinen Wald hundert Meter hinter mir, in einer leichten Senke versteckt. Ich drehe mich um und schüttle den Kopf. Nie war ich beim Schaukeln Richtung Wald gewandt. Komisch. Mein Blick hatte sich immer zum Rathaus gerichtet. Das galt es zu erobern. Aber kann man eigentlich über die Bäume gucken? Wurde dort endlich das neue Freibad gebaut? Hängt vielleicht ein Drachen in der Hochspannungsleitung? Oder kann man den Reitstall erkennen? Fragen, die ich mir bis heute noch nicht gestellt habe. Ich setze mich um und hole wieder Schwung.

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