Klassentreffen

November 17 at 2010 8 Kommentare

„Ich hoffe, mein Unterricht hat Ihnen was gebracht“, bemerkte mein ehemaliger Deutschlehrer mit fast bettelndem Blick.
„Klar, ich spreche immer noch deutsch“, meinte ich verlegen.
Er bohrte tiefer. „Und Faust?“
„Habe ich auch noch, sogar zwei.“ Ich ballte selbige in den Taschen und räusperte mich. ‚Jetzt bloß nicht auf’s Sonett oder Werthers Leiden kommen’, dachte ich, ‚dann wird’s peinlich.’
Lehrer auf Klassentreffen sind wirklich arme Schweine, wenn sie erkennen müssen, dass das Resultat ihrer aufopferungsvollen Arbeit in den Niederungen der hintersten Gehirnwindung ihrer Ex-Schüler verschollen ist. Aber auch ich hatte wenig Lust, dies gleich schonungslos zu offenbaren.
„Ich muss dann mal“, sagte ich und zeigte auf das WC.

Gerade inhalierte ich beim Durchatmen den WC-Stein vor mir, als sich Herr Reimer neben mich stellte. Seine grauen Haare waren inzwischen weiß.
„Was macht der Pythagoras?“, fragte er schmunzelnd zum Einstieg.
Ich hielt unverrichteter Dinge inne. „War…war der auch in unserer Stufe?“, stotterte ich und scannte mein Gedächtnis nach ausländischen Mitschülern. Herr Reimers Blick verfinsterte sich.
„A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat, meine ich, wissen Sie das nicht mehr?“
Ich schluckte und errötete. „Ach so, doch, klar, aber ich arbeite mit Excel.“
„Den kenne ich jetzt nicht.“ Er seufzte und ergänzte: „Manchmal weiß ich nicht, für was ich das eigentlich gemacht habe.“
Schnell schloss ich meinen Reißverschluss und versuchte zu trösten:
„Kurvendiskussionen gehören zu meinem täglichen Ritual.“ Ich dachte da zwar mehr an mein letztes Gespräch mit Martin über Sandra und Yvonne, aber ich stahl mich mit einem flüchtigen Winken schnell aus der Toilette, bevor sich Herr Reimer für gezielte Rückfragen komplett entleert hatte.

Ich tupfte mir noch die Schweißperlen von der Stirn, als Frau Fronhaus um die Ecke bog. „Scheiße, Bio!“, murmelte ich und drehte mich weg.
„N’abend, Herr, Herr…“, ertönte es schon in meinem Rücken. Es nahm kein Ende.
„Rössler“, erwiderte ich und zog die Mundwinkel hoch, „der mit der Fünf.“ Der einzige übrigens.
„Ach ja, so war der Name. Ja, das war nicht so doll, aber ach…Was machen Sie denn so?“
Meine Gesichtszüge entspannten sich und ich holte aus: „Ich arbeite bei Gröne AgraTech im …“ ‚Controlling’ konnte ich nicht mehr aussprechen, als meine Ex-Lehrerin schon jauchzte: „Kaum zu glauben! Sie? Also, was das Leben so bereithält…Gröne war doch kürzlich erst im biologischen Fachblatt mit dieser frostresistenten Bohnenstaude. Höchst interessant!“
Und so kramte ich tief in meinen verbliebenen Grundkursfragmenten nach ‚DNA’ und was sonst noch entfernt mit Genen zu tun haben könnte, während sich unser Gespräch lawinenartig auf die Zucht und Kreuzung von manipulierten Nutzpflanzen ausweitete. Ich fühlte mich mikrobiologisch sehr unwohl, so dass ich selbst die Sendung mit der Maus geistig zu Rate zog. Auch wenn der Bienchen-Blümchen Vergleich nicht wirklich fachdienlich war.

Als das Thema ‚Zellteilung’ aufkam, versuchte ich geschickt die Kurve zu kriegen: „Klappt hervorragend mit der Zellteilung bei uns!“, warf ich ein.
„Ach!?“ Frau Fronhaus zog die Augenbrauen hoch.
„Sechster Monat, meine Frau ist schwanger!“, erklärte ich stolz.
„Ja, herzlichen Glückwunsch! Das ist ja toll. Die Entstehung von Leben ist schon ein Wunder der Natur. Man muss sich nur vorstellen, wenn ein Spermium auf die Eizelle trifft, wird ja ein Prozess in Gang gebracht, der…“
„Stopp!“ Ich hob die Hand. „Frau Fronhaus, Sie mögen entschuldigen, aber daran hatte ich in dem Augenblick wirklich nicht gedacht. Und danach auch nicht“, sagte ich bestimmt und in mir reifte beim Anblick der beleidigten Mine meiner Biolehrerin die Erkenntnis, dass ich auf diesem Gebiet doch eher der Praktiker war. Zum Glück tippte mir in dem Moment mein langjähriger Tischnachbar auf die Schulter.

Um peinlichem Gelächter auszuweichen, hatte ich mich zur Diashow der Klassenfahrtsorgien an die Theke zurückgezogen. Nach diversen Retroplauschrunden fühlte ich mich noch etwas mundfaul, als mir plötzlich jemand von hinten ins Ohr spuckte. „Kandinsky?“ Ich blickte verdutzt über die Schulter und stammelte: „Äh, nein, Rössler mein Name!“ Als ich Herrn Dr. Rebenkamp einordnen konnte, versuchte ich noch reflexartig, meinen Bierdeckel mit den Kritzeleien umzudrehen.

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Der erste freie Feldlauf Chinese Domino Day

8 Kommentare Add your own

  • 1. Schildmaid  |  November 17 um 2010

    Sehr mitreißender Text! Bei „Kandinsssky“ habe ich mir reflexartig übers Ohr gewischt. 😀
    Und jezz weiß ich auch wieder, weshalb ich niemals zu Klassentreffen gegangen bin. :mrgreen:

  • 2. Donkys Freund  |  November 19 um 2010

    Siehst Du! Ich muss jedoch sagen, dass wir unsere Lehrer bei Klassentreffen immer erfolgreich ignoriert haben, und sie deshalb beim zweiten Mal auch nicht mehr kamen. :mrgreen:

  • 3. fischfresse  |  November 19 um 2010

    @ Schildmaid:
    Kannst Du den „Kandinsky-Marsch“ auch nicht mehr hören? Immer diese Musiklehrer …

  • 4. Schildmaid  |  November 21 um 2010

    @fischfresse: Uh, unsere Musiklehrerin war so eine esoterische Baumumarmerin und quälte uns mit dieser niederländischen Gutmenschencombo namens Bots. Grauenvoll.

  • 5. nussundpoint  |  Dezember 27 um 2010

    Genialer Text 😀 Sehr amüsant.

    Der Point.

  • 6. Donkys Freund  |  Dezember 28 um 2010

    Danke, so soll’s sein! Liebe Grüße 🙂

  • 7. mohrle  |  Dezember 31 um 2010

    *lachanfall hat*

    http://mohrle.wordpress.com/2010/12/31/ich-wunsche-euch/

  • 8. Donkys Freund  |  Januar 1 um 2011

    Ich, hoffe, es geht wieder! 🙂
    Und danke: Auch Dir ein munteres neues Jahr!

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