Der erste freie Feldlauf

Oktober 23 at 2010 12 Kommentare

Neue Runde in Donna’s Schreibprojekt. Diesmal wurde der Anfangssatz „Niemand hatte damit gerechnet“ vorgegeben.

Der erste freie Feldlauf

Niemand hatte damit gerechnet. Da war er sich sicher, so oft wie sie ihn übersehen hatten. Nur weil er keine Beine hatte, wie er meinte. Gefesselt blickte Kolumbi die goldene Dose empor. Mit glänzenden Augen kroch der Holzwurm die Trophäe hoch, schaute über die große Wiese und wartete. Vor ein paar Tagen war er buchstäblich meilenweit von diesem Triumph entfernt gewesen…

„Ich stürze mich jetzt vom Ast!“, rief Kolumbi in die Menge. „Aber weint nicht um mich!“ Der Holzwurm lugte vom Kastanienbaum in die Tiefe. Die anderen Tiere, die sich aus dem ganzen Park versammelt hatten, tuschelten aufgeregt. „Aaaah!“, schrie der Wurm und ließ sich fallen, bis er federnd ins Gras plumpste. Während er langsam erkannte, dass der Sprung doch nicht so lebensbedrohlich war wie gewünscht, tuschelten die Tiere munter weiter. Mühsam rappelte er sich auf und seufzte. Noch nicht mal seinen Tod hätten sie zur Kenntnis genommen. Stattdessen war ihnen sogar eine Pappe am Nachbarbaum wichtiger, die schon minutenlang für regen Gesprächsstoff sorgte.

Kolumbi kroch zur Gruppe. „Was ist denn hier los?“, fragte er neugierig. „Der erste freie Feldlauf“, antwortete eine Spinne dem Mistkäfer, der gerade dieselbe Frage gestellt hatte. „Hä?“, war die verdutzte Reaktion. Die Libelle las vor: „Guck, hier steht: Aufruf zum ersten freien Feldlauf am nächsten Sonntag. Der Treffpunkt an der Weide vor der Weide. Die Weide ist das Feld. Zum Sonnenaufgang geht es los. Der Gewinner kriegt den Pokal am anderen Ende. Der Veranstalter, die BBB.“

„Na, dann mal her mit dem Pokal!“, bemerkte der Hase und dehnte seine Läufe wie Usain Bolt. Zwei Igel grübelten, wie sie eine Blamage verhindern könnten und die Käfer fachsimpelten, ob sechs Beine die Siegeschancen um 50% gegenüber den Vierbeinern erhöhen oder nicht. Die Bachstelze traute ihren dünnen Stelzen selbst nicht so ganz und Bonzo, der Pitbull, hoffte dass sein Herrchen am Sonntag seinen Morgenspaziergang wie üblich ansetzte. Die Leine dürfte dann kein Problem sein. „Freu dich nicht zu früh!“, raunzte das Wiesel das Langohr an. Es war bekanntlich sehr flink. Nur Bubu, die Blindeule, schüttelte nachdenklich den Kopf und grummelte: „Ich weiß nicht recht.“

„Au ja, ich mach auch mit!“, warf der verhinderte, kleine Selbstmörder in eine Atempause ein. Eine arg zerzauste Perserkatze mit zerfransten, aber guten Ohren musterte Kolumbi kurz, wies mit dem Buschelschwanz auf den Aushang und beugte sich herunter. „Erster freier Feldlauf. Verstehste? Lauf! Laufen gleich Beine. Verstehste? Beine! Du kriechst. Verstehste?“, lispelte sie hastig und die noch verbliebenen Strasssteine vom abgeschabten Lederhalsband funkelten dem Holzwurm direkt vor der Nase. Kolumbi stammelte nur: „Äh, wieso?“ Soviel Aufmerksamkeit erfuhr er das letzte Mal von einem Specht, der in seinem Holzloch stocherte. Sonst hätte er sich gefreut, zumindest mal unterschätzt zu werden. Aber dafür müsste man sich erst einmal an ihn erinnern. „Ja, Beine sind Pflicht!“, pflichtete der Hase dem ehemaligen Schmusekätzchen bei und drehte sich zum Rebhuhn. „Hey, du da, du hast aber Flügel, du!“, nörgelte er, denn er fürchtete eine ernsthafte Konkurrenz bei zu weiter Regelauslegung. „…und Beine“, konterte das Rebhuhn schnippisch, „mit denen ich bestimmt auch mal laufen werde. Also zwischendurch irgendwann.“ So entwickelte sich eine lautstarke Diskussion um Sinn und Unsinn von Beinen für das Laufen, an deren Ende ein ausgetüftelter Kompromiss formuliert wurde. „Okay, ich wiederhole“, sagte das Wiesel, „Für den Feldlauf sind mindestens zwei und maximal acht Beine erlaubt, die mindestens alle zwei Sekunden den Boden berühren müssen.“ Da die Schnecken dem Wettkampf sowieso mangels Erfolgsaussicht gleichgültig gegenüber standen, hatte Kolumbi wenig Verbündete. Er lag sowieso schon wieder abseits der Versammlung. Enttäuscht drehte er sich weg. Es wäre seine Chance gewesen, einmal im Mittelpunkt zu stehen. Daran glaubte er fest. Holzwürmer sind tatsächlich schneller als Hasen, aber nur mitten im Baum. Kolumbi machte da jedoch keinen Unterschied. Nur eines war klar: Er war völlig beinfrei, da konnte er sich noch so oft auf den Schwanz stellen.

Am Sonntag vor Sonnenaufgang trainierte ein Eichhörnchen noch ein paar letzte Bergsprints, direkt senkrecht den Baum hinauf, während die restlichen Park- und Waldbewohner ihre Beine vor der hohen Weide ausschüttelten. Kolumbi knusperte sein Rindenmüsli und beobachtete traurig das sportliche Treiben. Noch zehn Minuten blieben, bis die Sonne ihre erste Rundung hinter der Kuppe zeigen würde, quasi der „Startstrahl“ zum Wettkampf. „Dann wollen wir mal loshoppeln!“, kicherte ein unglaublich süßes Kaninchenmädchen. Der Igel kniff die Augen zusammen und meinte plötzlich: „Laufen, nicht hoppeln, das ist ein FeldLAUF! Laufen!“ – „Ach, wenn das so ist. Warum dürfen die da mitmachen?“, keifte das Kaninchen überhaupt nicht mehr süß zurück und zeigte auf die Spinnen, „Die krabbeln! Ist das etwa ‚Laufen’?“ Und als dann in der um sich greifenden Diskussion noch die Meinungen vertreten wurden, dass Hasen springen, Spatzen hüpfen, Mäuse tippeln, Enten watscheln und Salamander kriechen, wurde es langsam eng mit dem Sonnenaufgang, denn die ersten Grashalme schimmerten schon rot. „Stopp, stopp!“, brüllte ein Marder dazwischen. „Wir haben keine Zeit, sonst verpassen wir alle den Start. Nennen wir das doch einfach den ersten Feld-krabbel-hüpf-spring-roll-watschel-schlängel-tippel-kriechlauf, okay?“ Hastiges Kopfnicken aller Teilnehmer.

Kriechlauf? Kolumbi hatte der eiligen Regeländerung gut zugehört und hob den Kopf. Er kroch doch, oder etwa nicht? Das hatte doch diese Katze gesagt. „Ich komme!“, rief er strahlend nach unten und ließ sich einfach wieder fallen. Das hatte ja schon einmal geklappt und so prallte er günstig unmittelbar vor die eilig gezogene Startlinie auf. Inzwischen war jedem egal, mit wie vielen Beinen die Wettkämpfer ausgerüstet waren, Hauptsache man stand in der ersten Reihe für einen guten Startplatz. Kolumbi hatte Mühe, nicht unter einer Pfote kleben zu bleiben und verzog sich in ein freistehendes Grasbüschel. Dann ging auch schon die Sonne auf.

„Ruhig, Brüder, ruhig!“, fauchte Femo und hob beschwichtigend einen Flügel im Schutz der Baumkronen hinter dem Feld, „Sie müssen erst in der Mitte des Feldes sein.“ Sein strenger Blick nahm vor allem Goyan ins Visier, der schon mit nervösen Flügelschlägen das Versteck zu verlassen drohte. Die anderen Mitglieder der BBB hielten sich an die Anweisungen ihres Vorsitzenden und wippten bedächtig mit dem Kopf, die eng stehenden Augen konzentriert zur Weide gerichtet. Die Buteo Blutsbrüderschaft hatte lange auf den Tag hingearbeitet. ‚Buteo’ ist lateinisch und heißt ‚Bussard’. Bussarde mögen Kaninchen sehr, aber auf ihre Art. Sie hatten zwar gehofft, dass auch ein paar Rehe mitmachen würden, aber diese wurden von Bubu, der Blindeule, noch rechtzeitig überzeugt, dass hier etwas faul war. Aber Hasen, Kaninchen, Rebhühner, Wiesel und Marder taten es ja auch. So geballt waren sie noch nie auf der Feld ohne Schutz versammelt. Zu groß war der blinde Ehrgeiz der Tiergemeinde auf Ruhm und Ehre durch einen belanglosen Pokal. Einen Jubiläumsfestschmaus zum ersten Jahrestag der BBB sollte es geben.

„Tut mir leid. Aber der Marder gehört mir!“ Goyan hielt es nicht mehr hinter dem Laub und segelte geradewegs auf den rempelnden und flatternden Haufen zu, der gerade hinter der Weide auftauchte. „Narr!“, schimpfte ihm Femo hinterher und hob seine Schwingen vom Ast. „Jedem, was er jetzt noch greifen kann!“ Augenblicke später kreisten Schatten über das Feld, ohne dass ein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen war. In Panik zerstreute sich die Tierschar ziellos in alle Himmelsrichtungen und jeder suchte verzweifelt Schutz in Schlammlöchern von Traktorreifen oder hoffte auf Gnade oder den Zufall. Dank Goyans Gier war für die meisten noch ein rettendes Gebüsch in Reichweite und wer klein genug war, verkroch sich unter Löwenzahnblättern, um dem bösen Hinterhalt zu entkommen. Nur Kolumbi mühte sich noch über das erste Grasbüschel und bekam von dem Gejammer fünfzig Meter vor ihm nichts mit. So erklomm er unbeirrt Maulwurfshügel für Maulwurfshügel…

Stolz harrte Kolumbi nun schon eine Viertel Stunde auf der achtlos weggeworfenen Dose ‚Kronenberger Urpils’ aus. Das musste der Pokal am anderen Ende des Feldes sein. Wie von der BBB versprochen. Der weit entfernte Waldesrand warf lange Schatten über die Wiese und er blinzelte angestrengt in die tief stehende Abendsonne, ob er schon den Zweitplatzierten erkennen konnte. Er überlegte sich schon eine Dankesrede zu seiner Siegesfeier. „Die werden Augen machen!“, träumte er. „Dich habe ich hier ja noch nie gesehen.“ Kolumbi erschrak und schaute sich verdutzt um. „Wer, ich?“, fragte er. Eine grün schillernde Weidenraupe musterte ganz interessiert den Holzwurm von einem benachbarten Löwenzahnstängel und hakte neugierig nach: „Wirst du etwa auch ein Schmetterling?“

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Nussknackerrevolte Klassentreffen

12 Kommentare Add your own

  • 1. Donna  |  Oktober 23 um 2010

    Herrlich!!! Wo nimmst du nur immer deine Ideen her???

    Sehr einfühlsam geschrieben sind deine Episoden aus diesem besonderen Fleckchen Erde mit seinen Tier-Bewohnern.

    Danke für das Mitschreiben!

    Liebe Grüße zu dir – Donna

  • 2. chinomso  |  Oktober 23 um 2010

    Eine schöne Tiergeschichte mit interessanten Charakteren.
    Sehr fantasievoll.

    Da bekommt der Ausdruck Beinfreiheit eine völlig neue Bedeutung.

  • 3. Quer  |  Oktober 23 um 2010

    Da ist tierisch was los und ein Happy-End ist auch angedeutet.
    Damit hatte wohl wirklich niemand gerechnet… 😉

    Gruss, Quer

  • 4. Jorge D.R.  |  Oktober 24 um 2010

    Wo nimmst du nur diese Ideen her?!?
    Die Weidenraupe mit Humor imponiert mir am meisten 😉
    Habs mit Vergnügen gelesen.

  • 5. Donkys Freund  |  Oktober 24 um 2010

    Danke an alle für’s lesen!

    @ Donna: Tja, die Ideen… Letztendlich bin ich so irr und kann mich tatsächlich in diese Welt hineinversetzen (bei „Vierloch“ siehe unten sogar in die Gedanken eines Knopfes). Ob das wirklich so gut ist? 😉

    @ chinomso: Ja, beinfrei ist für Spinnen sogar ein Reizwort in der Parkgemeinde seit der Einführung der Beinsteuer. 😀

    @ Quer: Das ist die Light-Version. Es existiert auch noch die FSK 18 Variante. Die ist etwas tragischer. 🙂

    @ Jorge: Danke sehr: Keine Ahnung, wo die Ideen, herkommen. Muss ich gleich mal die weise Blindeule Bubu fragen… 😉

  • 6. Nervensäge  |  Oktober 25 um 2010

    wie niedlich 😀
    donna hat recht, auf deiner seite finde ich für mein Flämmchen eine ganze menge freunde 😉
    die geschichte ist auch toll. auf so eine idee muss man erst mal kommen
    Viele Liebe Grüße
    Jenni

  • 7. Sterntalerchen  |  November 1 um 2010

    Ich hab diesmal nicht mitgeschrieben, aus Zeitgründen leider.

    Deine Geschichte ist wirklich wieder vom feinsten .Ich hab sie mit Spannung gelesen und muss sagen deine Geschichten beeindrucken mich immer wieder aufs neue

    alles liebe und eine schöne Woche wünscht Sterntalerchen

  • 8. Sterntalerchen  |  November 7 um 2010

    Huhu….ich nochmal

    Hast du Lust einen Beitrag für mein Adventskalenderprojekt zu machen?

    schau mal hier:
    https://sterntalerchenslyrik.wordpress.com/2010/11/07/adventskalender

  • 9. Donkys Freund  |  November 8 um 2010

    @ Nervensage & Sterntalerchen: Sorry erstmal für die späte Meldung. Ich freue mich sehr über Euer Feedback. Das macht Mut für weitere Abenteuer.

    @ Sterntalerchen: Schon angemeldet! Feine Idee!

  • 10. Paramantus  |  Dezember 9 um 2010

    Sehr unterhaltsam! 😀 Tiergeschichte nach meinem Geschmack 🙂

  • 11. Bejaner  |  Dezember 14 um 2010

    Eine wunderschöne, fantasiereiche Geschichte. Habe sie mit grö0tem Vergnügen gelesen.
    LG Götz

  • 12. Donkys Freund  |  Dezember 14 um 2010

    Danke euch beiden, habe mich sehr gefreut, dass ihr euch hierhier „verirrt“ habt! 🙂

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