Pagalinis Morgenstunde

Juni 26 at 2010 10 Kommentare

Start frei für meinem zweiten Beitrag zu Donnas Schreibprojekt bei „Donna schreibt!“. Wieder wird ein Anfangssatz für eine Geschichte vorgegeben. Diesmal: „Von Leidenschaft zu sprechen, war vielleicht nicht angemessen…“

Pagalinis Morgenstunde

Von Leidenschaft zu sprechen, war vielleicht nicht angemessen. Zu lustlos spulte Pagalini seine Liederliste ab. Kein Vergleich zu Zeiten, als die Amsel noch von der höchsten Tannenspitze weit und breit mit virtuosen Melodieläufen ihr Revier verteidigte. Die Artgenossen verstummten dann lieber und übten zunächst irgendwo im Maisfeld, um sich nicht zu blamieren. Pagalini war der Herr der Wipfel und Schornsteine, der Popstar unter den Amseln, was den Staren natürlich überhaupt nicht gefiel. Und selbst die Krähen standen etwas früher auf, um verzückt den Morgensonaten zu lauschen, obwohl sie selbst nicht den Hauch eines musikalischen Talents besitzen. Er genoss seinen Ruhm. Aber jetzt? Nein, leidenschaftlich war das monotone Geträller wirklich nicht. Nur noch laut. Und vor allem früh!

Zu früh für Donky, den Erpel, der nur ein Meter entfernt von Pagalini in sein Gefieder reinmeckerte. Er mochte Amseln noch nie, auch keine leidenschaftlichen. Er mochte niemanden, der ihn um 5 Uhr morgens weckt und vor allem nicht direkt neben seinem Ohr. Aber was blieb ihm anderes übrig, als das dröge Gepiepe Pagalinis zu erdulden, das nur noch an schlecht programmierte Handy-Klingeltöne erinnerte? Denn Donky bekam immer kalte Füße, wenn er in sicherer Entfernung im Schilf döste wie die anderen Enten. Also schlief er auf dem kuschelig mit Moos bedeckten Baum mitten im Park. Der Preis dafür war jedoch hoch und kostete drei Stunden Schlaf.

„Muff daf sein?“ Donky zog unwirsch seinen Kopf unter dem Flügel hervor und trampelte wild von einem Fuß auf den anderen. „Jeden Morgen das selbe. Kannst Du da nicht da hinten auf dem Strommast deine Schlager dudeln?“ Pagalini unterbrach den Refrain und erwiderte träge: „Nein, ich muss hier singen.“ – Donky schnatterte lauter: „Wie? Du ‚musst’. Du machst das nicht freiwillig? Das wird ja immer schlimmer! Und warum gerade hier?“ – „Was soll ich machen? Hier ist mein Revier. Hier darf niemand hin“, erklärte der schwarze Vogel und gähnte. Donky schüttelte den Kopf „Mein Lieber, so bekommst du bestimmt keine Freunde“, sagte er ernst.

Sehr kontaktfreudig sind Amseln tatsächlich nicht. Vor allem unter Kerlen herrscht hohes Misstrauen. Nur für Weibchen legen sie sich ins Zeug und setzen dafür zu ausufernden Liebesarien an. Pagalini hatte die Begehrteste von allen an seiner Seite gehabt. Eine, nach der sich die anderen erfolglos die Kehle aus dem Hals geflötet hatten, denn die braune Schönheit wurde von Pagalini durch ein meisterhaftes Solo über drei Oktaven erobert, ganz spontan, einfach so aus dem Gefieder geschüttelt. Stolz flatterte er einst mit ihr im Tiefflug unter den Autos über die Schnellstraße hin und her und präsentierte den Neidern seine Vermählte.

Bis sie ihn für einen Durchreisenden von den Flussauen verlassen hatte. Der komische Landvogel beherrschte nicht einmal drei Töne fehlerfrei, war aber einfach lustiger als der eitle Paganini und konnte sogar Hühner nachahmen. Urkomisch! Das hatte der tief gekränkte Gelbschnabel nicht überwunden. Für drei Töne und albernes Hühnergegacker! Das muss man sich mal vorstellen! Seit dem tat er nur das Nötigste, um sein Terrain zu halten und wärmte ohne Elan alte Schnulzen auf. Wofür auch mehr? Bestimmt nicht für die Weiber!

Donky blieb hartnäckig und meinte nicht ganz uneigennützig: „Wenn dir das Rumgepfeife keinen Spaß macht, dann lass es doch. Such’ dir lieber jemanden zum… zum… na, was Amseln eben sonst so machen, wenn sie den Schnabel zu haben! Eben mal was anderes.“ – „Wer will schon mit mir was machen?“, antwortete Pagalini resigniert. Da hatte er Recht. Vor allem: Was wollten die anderen mit ihm machen? Noch kannte er die Antwort nicht.

Sein Gegenüber wurde ungeduldig. „Junge, wie bist du denn drauf? Ich stürze mich ja gleich vom Ast. Mann, der Park ist voll mit schrägen Vögeln, die nur auf dich warten. Zum Beispiel da hinter dem Freibad kenne ich einen furchtbar netten Typen deiner Gattung. Der hatte schon drei mal nach dir gefragt.“ Der Erpel fuchtelte mit dem Flügel in eine undefinierte Richtung irgendwo hinter dem angrenzenden Wald. Donky war noch nie hinter dem Freibad gewesen. Herr Amsel aber hielt inne. „Echt jetzt?“ – „Klaaar!“, bestätigte Donky, ohne rot zu werden, „der wird sich bestimmt so was von freuen, wenn du ihn mal besuchst!“ Die Ente witterte ihre Chance auf drei Stunden Schlaf. „Ach, wen juckt’s, ich kann ja mal gucken. Bringt ja auch alles nichts mehr!“, seufzte die Amsel. Donky nickte eifrig mit dem Kopf und pflichtete bei: „Genau, alles Mist sonst!“ Er schubste die Amsel mit seinem Watschelfuß an und ergänzte schroff: „Ab!“ Erleichtert blickte er Pagalini hinterher, bis dieser hinter den Baumkronen verschwand. Dann träumte er süß von zwei Dutzend schluchzenden Amseln, die sich nacheinander über die Freibadrutsche ins Wasser stürzten, bis die Sonne ihn sanft weckte.

Was war das eine entspannte Zeit! Manchmal wachte Donky um 5 Uhr auf und erschrak vor der Ruhe. Die restlichen Parkbewohner wunderten sich über seine gute Laune, aber auch nur bis zur täglichen Geburtstagsfeier des Erpels. Dann wurde getanzt und nicht gewundert. Warum auch nur einmal im Jahr Geburtstag feiern, wenn es so ein Spaß macht? Donky kannte da nichts.

So saß er eines Morgen wieder eingekuschelt auf seinem Ast. Aber nur bis er plötzlich laut quiekend aufflatterte und anschließend steil in den Ententeich plumpste. Ein fürchterliches Getöse hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Nachdem sein Husten etwas nachließ und er sich die Algen vom Kopf geschüttelt hatte, traute er seinen Augen nicht. Sein Baum war schwarz und vibrierte! Ein ohrenbetäubender Kanon in d-moll erfüllte den Park. Nach fünf Minuten mit schmerzverzerrter Mine endete das Spektakel in einem gewaltigen Schlussakkord. Hundert Amseln (oder waren es tausend?) sahen Donky erwartungsvoll an. „Maestro, ist er das?“, fragte neugierig ein Vogel von rechts außen Pagalini, der mitten im Baum noch seine Federn vom temperamentvollen Dirigieren ordnete. „Ja, das ist er. Donky! Er gab mir den Tipp, doch mal was anderes zu machen. Prima Kerl!“ Er nickte anerkennend. Der Erpel schnatterte irgendetwas Wirres und blickte hastig von einem besetzten Zweig zum anderen. Pagalini drehte sich einmal um die eigene Achse und präsentierte stolz den ersten Amselchor des Parks. „Voila! Ist er nicht wunderbar? Klingt doch wirklich anders als diese eintönigen Solos, oder?“ Pagalini schaute sich zufrieden um und flötete: „Schöner Baum hier! Und für jeden ein Zweig!“

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„Buchfinken“ Amtliches Endergebnis der Parkwahl

10 Kommentare Add your own

  • 1. chinomso  |  Juni 26 um 2010

    Na der Schuß ging für Donky aber gehörig nach hinten los.

    Vielen Dank für deine lustige Geschichte, die ich hier sogar vor dem eigentlichen Startschuß gefunden habe.

    Der frühe Vogel fängt den Wurm. Was?

  • 2. Donkys Freund  |  Juni 26 um 2010

    Schön, dass ich unterhalten konnte.

    Na, so viele Würmer gab es ja noch nicht. Hat eher was mit dem Wetter zu tun. 😉

  • 3. Eva  |  Juni 26 um 2010

    *hihi* super Schluß! Danke!

  • 4. Follygirl  |  Juni 26 um 2010

    Ja, das gefällt mir und ich muß echt lachen, denn ich habs gestern wirklich erlebt… nur die Vorgeschichte kannte ich noch nicht.

    Doch wenn ich richtig überlege waren es bei mir doch eher Krähen und ihr Gesang war gar fürchterlich und auch sie waren so zahlreich, das sie mehrere Bäume besezten und einige Hausdächer.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Petra

  • 5. Nervensäge  |  Juni 27 um 2010

    diese geschichte ist wirklich schön, genau nach meinen geschmack.
    der arme donky 😀
    liebe grüße, Jenni

  • 6. Jorge D.R.  |  Juni 27 um 2010

    Schöne Geschichte. Der Schluß ist das beste.
    Liebe Grüße
    Jorge D.R.

  • 7. Donna  |  Juni 27 um 2010

    Armer Donky, dabei wollte er so schlau sein!

    Danke für eine weitere wunderschöne Geschichte aus Donkys Welt.

    Liebe Grüße an dich und an Donky, der sich bestimmt etwas Neues einfallen lässt.

    Donna

  • 8. Donkys Freund  |  Juni 28 um 2010

    @ all: Danke Euch für das Feedback! 😀
    In Kürze mache ich mal die Runde. Bin gespannt auf die Beiträge!

  • […] spendierte Pagalinis Chor-Partei großzügig ein Minus (zum eigenen […]

  • 10. Sunday special: 2 x BLOG AWARD | PABUCA  |  Mai 18 um 2014

    […] Habe ich gar nicht. Bis 2011 schrieb ich Geschichten, davor machte ich Musik (Gitarre). Ich fotografiere erst seit 2011 wieder intensiv, weil ich […]

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  • Willkomen in der verrückten Welt von Donky, der Ente, und seinen Freunden!
  • Die meisten Beiträge entstanden aus Handspielen mit meinem Sohn Jan.
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  • Ein Steckbrief des Blogs, Kurzprofile der Figuren und Tipps zur Navigation unter: Neu hier!?
  • Stand der Abenteuer in der Kategorie (Sidebar): Stand der Dinge
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