Damals und heutzutage

Juni 8 at 2010 7 Kommentare

Neulich traf ich einen Freund. Und mit neulich meine ich eine noch voll im Saft stehende Erinnerung, wie eine Perle auf meinem aktuellen Lebensstrang. Neulich gehört quasi noch zu heute, nur knapp neben vorhin.

Wir hatten uns lang nicht gesehen. Und wie das bei solch Treffen mit alten Freunden ist, folgte auf das neugierige Abklopfen der Gegenwart mit „Was machst du so?“ schnell das nostalgische „Weißt du noch?“, als wir gemeinsam in der alt vertrauten Musikkneipe zur dämmerigen Tanzecke schauten. Schon allein die Fragestellung deutet darauf hin, dass wir diese Ereignisse, die wir nun wie ein Puzzle im Dialog aufarbeiteten, ja auch vergessen hätten können. So lang ist es her. Das muss man sich mal vorstellen. Und damit nicht genug. Ja, wir nahmen das Wort tatsächlich mehrmals in den Mund: Wir sprachen von damals. Hiermit bekenne ich mich dazu, es benutzt zu haben. Ich bin ein Damals-Sager. Dieses Wort endete lange Zeit für mich irgendwo im Krieg oder knapp danach. Es war fest verbunden mit Schilderungen meiner Großeltern über die dramatische Zeit. Alles danach war eher vor ein paar Jahren, also mehr oder weniger direkt vor neulich. Ansonsten benutzte ich das Wort vielleicht noch für Diskussionen über das Mittelalter oder Napoleon.

Aber jetzt hatte mich der Begriff rechts überholt. Damals. Gut, streng genommen fallen 20 Jahre Rückblick ja auch in diese Kategorie, aber faktisch ist die Existenz von damals ein Indiz, dass mindestens eine Generation zwischen damals und heute passt. Das ist eigentlich auch keine bahnbrechende Analyse, denn schließlich habe ich ja selbst Kinder, die mich täglich auf diesen Umstand stoßen. Damals ist nüchtern gesehen eine vollkommen legitime Zeitdefinition für einen Vierziger. Sie macht zunächst nur etwas älter.

Jedoch philosophierten wir im direkten Atemzug auch über die Jugendlichen. Die Jugendlichen, um genau zu sein, also alle, die ganze besagte Generation. Die, die Rentner zusammenschlagen, FDP wählen, den 3. Oktober nicht mehr kennen, als erstes Auto einen BMW fahren und ganz viel Computer spielen, vielleicht auch alles zusammen. Wir wissen es nicht. So wabert in meinem Kopf nur eine einzige diffuse Generation herum, eben die nächste Generation. Damals bekommt eine neue Dimension: Ich nutze das Wort ausschließlich für eine Zeit, die ich verstehe. Die Jugendlichen dagegen haben mich gnadenlos abgehängt. Doch war ich nicht gerade selbst noch Jugendlicher? Zumindest noch vor 20 Jahren? Die Schwelgerei mit meinem Freund beweist es ja. Ich übertünche diese Ohnmacht manchmal nur noch mit halbherzigen, süffisanten Bemerkungen wie Aus dem Alter bin ich raus! Was anderes bleibt mir nicht mehr übrig.

Und wie wir so mit diesem jämmerlichen Halbwissen Theorien über die Zukunft der Gesellschaft spannen, betraten wir die nächste Stufe der Selbstoffenbarung: Wir zeterten über Heutzutage. Heutzutage ist die gegenwärtige Variante von Früher war alles anders, nur dass sie sich von hinten anschleicht. Wer Heutzutage sagt, gibt nämlich unmittelbar zu, dass er Heutzutage gar nicht mehr versteht. Derjenige, der diesen Begriff in den Mund nimmt, will es aber auch nicht verstehen, da es die eigenen Werte durcheinander würfeln könnte, die Werte von damals eben. So viel zu meiner furchtbaren Selbsterkenntnis an diesem Abend.

„Schluss jetzt“, unterbrach ich die Unterhaltung dann auch vorsichtshalber, „so ist das halt!“ – „Genau!“, bestätigte mein Freund erleichtert und hob das Glas. „Prost, auf die Zukunft!“. So schafften wir gerade noch die Kurve, uns weiterhin für weltoffen halten zu dürfen. Ein paar Minuten lauschten wir etwas entrückt den Klängen aus den Boxen. Vagabounds von New Model Army lief gerade und mein Freund grinste in sein Bierglas. „Juni 1989 in Bremen“, sagte er. Ich nickte mit dem Kopf und erwiderte: „Ja, das waren noch Zeiten!“

Entry filed under: mir & uns, Worte auf der Goldwaage.

WochenrückbliX Donkys Liebeslied

7 Kommentare Add your own

  • 1. Silencer  |  Juni 8 um 2010

    Soll das heißen, ihr verwandelt euch in eurem alter in Waldorf und Stadtler? 😀

  • 2. Donkys Freund  |  Juni 8 um 2010

    Wenn’s so wäre, dann wüsste ich ja, wo ich dran bin. Aber es kommt ganz langsam. Eher eine schleichende Mutation. Warte es nur ab! 😉

  • 3. Doris - Licht & Liebe Blog  |  Juni 9 um 2010

    Sehr schön, ich dachte schon ich wäre alleine. „Ja, das waren noch Zeiten!“ Na dann – PROST … auf die alten Zeiten …
    Ein Trost: Früher oder später erwischt jeden diese Mutation.

  • 4. Raven  |  Juni 9 um 2010

    Im Grunde genommen kommt man praktisch/biologisch gesehen mit den Vierzigern ins Großelternalter. 😉
    Nur in der westlichen Welt hat sich der Blick dafür verzerrt, weil das Kinderkriegen hier mitlerweile auf die lange Bank geschoben wird.

  • 5. Donkys Freund  |  Juni 10 um 2010

    @ Doris: Danke für Dein Verständnis! 😀 Gern stoße ich auf Altbewährtes an… 😉

    @ Raven: Na, das ist ja in schwacherTrost. Als Vater quasii direkt schon Opa, der nichts mehr rafft. 😀

  • 6. paleica  |  Juni 30 um 2010

    ich liebe diesen artikel. ich bin 23. aber ich kann das auch schon, mit dem damals. selbst ‚die jugend von heute‘ kommt schon manchmal in meine gedanken. auch 10 jahre kommt mir schon länger vor als neulich. schrecklich eigentlich. als obs was ausmachen würde.

  • 7. Donkys Freund  |  Juli 2 um 2010

    Ja, ja, das schleicht sich so langsam an. 😀
    10 Jahre sind auf dem Papier lang, aber die Zeit ist noch zu stemmen so im Rückblick. Ansonsten hast Du Recht: Egal! 😉

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