Tauchfahrt nach Elin

Mai 29 at 2010 19 Kommentare

Schreibprojekt von Donna: Sie gibt einen Anfangssatz vor und die Teilnehmer schreiben ihn als Geschichte weiter. Kreative  Sache, wie ich finde! Diesmal zu: „Perfekt, alles lief wie am Schnürchen…“

Tauchfahrt nach Elin

Perfekt! Alles lief wie am Schnürchen.
Das Boot lag am Rand des Teiches und Donky, die Ente, war auch schon vor Ort, um Red zu Wasser zu lassen. Tage lang hatte der Marienkäfer sein U-Boot vorbereitet. Die Etiketten von dem kleinen Schnapsfläschchen hatte er für eine einwandfreie Rundumsicht sorgsam abgeraspelt und den Verschluss mit etwas Kaugummi aus dem Abfallkorb abgedichtet. Eine kleine Feder steckte als Ruder im Verschluss und ließ sich leicht von innen bedienen.

Alles war fertig für den größten Tauchgang in der Geschichte des Parks: Der Expedition nach Elin. Red, der große Entdecker! Seine Artgenossen lachten ihn aus: „Elin? Das ist doch ein Märchen! Und gerade du willst es finden?“ Sie lachten ihn eigentlich immer aus. Red hatte nämlich keine Punkte auf seinem Rücken. Punkte sind aber sehr, sehr wichtig für Marienkäfer. So dachten es jedenfalls die Genossen mit Punkten, denn eigentlich haben die Punkte wenig Sinn und es ließe sich als Marienkäfer auch wunderbar ohne sie leben. Das sah Red zwar auch so, nur die anderen leider nicht. „Stimmt gar nicht!“, keifte er schnippisch zurück, „Elin gibt es, basta!“ Er hatte eine Mission, er alleine. Wie immer.

Die Legende von Elin, der gewaltigen Arena, versunken auf dem Grund des Ententeiches, war so alt wie der Park selbst. Tausende Insekten hätten einst auf der kreisförmigen Tribüne Platz gefunden, um Wettkämpfe zu bejubeln und ihre Helden zu feiern, nachdem diese unter großen Verlusten die Seile der verhassten Spinnennetze gekappt hatten. Auf der kleinen Anhöhe im Wald soll das Amphitheater gethront haben, nicht weit von der Straße, bevor Riesentrolle es entwurzelt und in den See gekippt hatten. Hunderte Ameisen ertranken nach der Krönungsfeier ihrer Königin. So wurde es seit Generationen jedenfalls überliefert. Und eine Generation dauert bei Insekten gar nicht mal so lang. Da kommen in ein paar Jahren viele Generationen zum Überliefern zusammen. Einige Kaulquappen meinten sogar, Elin schon mal gesehen zu haben, aber wer glaubt schon Kaulquappen? Kaulquappen finden Insekten-Theater auch ziemlich langweilig, so dass sie auch nicht weiter nachforschten.


„Fertig?“, fragte Donky ungeduldig. Red hatte ihm ein paar juckende Läuse aus dem Gefieder geknabbert, aber viel Zeit hatte Donky für die Gegenleistung nicht. „Ja, ja! Du machst zu, okay?“ Die roten Flügel des Käfers zitterten und er atmete tief durch, als er die Flasche betrat. Donkys Schnabel wirkte wie eine Wellpappe, als Red durch den gewölbte Flaschenhals schaute. Die Ente schraubte von außen den Verschluss auf den Flaschenhals. „Gut zudrehen“, versuchte Red ihm noch zuzurufen, doch Donky schnappte sich schon die Flasche und flog zur Mitte des kleinen Teiches. Und ohne großes Drumherum ließ er das U-Boot einfach fallen. So war es verabredet. Red vernahm einen dumpfen Schlag beim Aufprall auf das Wasser. Nur eine einzelne Libelle wunderte sich kurz darauf über die Ringe im Wasser. Sonst nahm niemand Notiz vom Beginn der neuen Ära der Unterwasser-Forschung.

Die Sicht war gut, und unter Reds Beinen schwamm eine staunende Forelle. Red purzelte in seinem Gefährt wild hin und her, als der Fisch versuchte, den Käfer als Zwischenmahlzeit zu vertilgen, bis er wieder unverrichteter Dinge hungrig in den Tiefen des Sees verschwand. Der Käfer rappelte sich auf und krabbelte hektisch zum Ruder. Sein U-Boot sank Zentimeter um Zentimeter und die Wasseroberfläche glitzerte immer schwächer in der Sonne. Es war gespenstisch und berauschend zugleich. Er war das erste Unterwasser-Insekt! Neben den armen Kumpanen in diversen Froschmägen natürlich.

Das U-Boot neigte sich nach links, als der Käfer das Ruder umriss. Es näherte sich einem Schatten und Red glaubte, auf ihm ein „i“ durch die wehenden Algen zu erkennen. Sollte dies schon Elin sein? Er beschleunigte seine Tauchfahrt und sein Atem ging schneller. Zu spät entpuppte sich der Schatten als Tüte eines Supermarktes, die sich plötzlich wie eine Qualle um ihn herum schloss. Es wurde dunkel. Den Marienkäfer ergriff die Panik, aber machtlos rüttelte er am Ruder und wurde mit der Plastiktüte ohne Orientierung in die Tiefe gezogen. Hätte nicht eine Strömung Red aus den Fängen der Tüte befreit, wäre er wohl mit ihr später an einem Abflussgitter hängen geblieben.

So aber erstarrte er angesichts des majestätischen Anblicks, der sich ihm eröffnete, als die Tüte ihn wieder ausspuckte. Ein großer, runder Koloss breitete sich vor ihm aus, wie er es nur aus seinen Träumen kannte. Schwarz und erhaben lag es da. Kunstvoll geriffelte Muster schlängelten sich an der Außenseite des Monuments. Ein paar Wasserschnecken hatten sich einen Platz in der inneren Wölbung gesucht, wo vor Jahren noch unzählige Sechsbeiner tosend applaudiert hatten. Der Marienkäfer erkannte einige verschwommene Fragmente auf dem verzierten Dach: e l i n. Red flog vor lauter Aufregung gegen den Flaschenboden, um näher heranzukommen. Ja, elin, genau so hatte ihm Flitz, die alte Schnecke, die überlieferten Zeichen auf eine Baumrinde geschleimt. Diese Runen hatte er sich tagelang Strich für Strich eingeprägt. Und hätte Red lesen können, hätte er auch das von Algen bedeckte Mich vor elin erkannt. Der Käfer schwebte wie ein Herrscher über einem gigantischen Reifen und schwang mit nun sicherem Griff das Ruder für eine gute Landeposition in die Manege.

Die Luft im Boot war stickig und erste Tropfen bahnten sich ihren Weg durch den Schraubverschluss, als das U-Boot in der Mitte des riesigen Rundes aufsetzte. Etwas Schlick wirbelte auf, aber die gewaltigen Tribünen schimmerten noch durch das trübe Wasser. Hoch türmten sie sich vor ihm auf und Red japste in kurzen Atemzügen. Der Sauerstoff in seinem Gefährt nahm ab.

„Wie kommst Du denn wieder hoch?“, hatte Donky vorhin ungläubig gefragt, als Red sein Boot kontrollierte. „Daran habe ich schon gedacht“, hatte Red nur leise erwidert. Ja, daran hatte er tatsächlich gedacht. Das Boot lag still auf dem Grund des Teiches und keine Leine vermochte es mehr hochzuziehen, kein Ballast konnte für einen Aufstieg abgeworfen werden, kein Helfer wartete in der Nähe. So sollte es sein.

„Ich bin der Entdecker und Meister von Elin“, murmelte der Marienkäfer stolz und schloss die Augen. Er hörte den Jubel der Insektenscharen, die zu Reds großem Spektakel ins Theater geströmt waren.
Perfekt! Alles lief wie am Schnürchen.

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Kitty, die Kettensäge WochenrückbliX

19 Kommentare Add your own

  • 1. Donna  |  Mai 29 um 2010

    Wie schade, dass ich mich erst jetzt so richtig auf deinem Blog umgesehen habe… Was ist mir da bis jetzt an Gute-Laune-Katalysator entgangen…
    Kurzum: Ich glaube, du hast einen neuen Fan!

    Die Donky- Geschichte ist genial und freue mich sehr, dass du damit am Schreibprojekt teilnimmst und hoffentlich viele neue Leser gewinnst.

    Ganz herzliche Grüße – Donna

  • 2. Donkys Freund  |  Mai 29 um 2010

    Hallo Donna, dann willkommen in Donkys Welt. Hier ist es nie zu spät einzutauchen. Stand der Dinge gibt einen guten Einstieg ab.

    Ich freue mich sehr über das Lob, vor allem, wenn es von jemanden kommt, der selbst gern und gut Geschichten schreibt.

  • 3. Nervensäge  |  Mai 29 um 2010

    Wie schön… und so traurig… aber eine tolle Idee mit Elin… gefällt mir sehr
    lg Jenni

  • 4. Follygirl  |  Mai 29 um 2010

    Eine reizende Geschichte… aus einer interssanten Blickhöhe. Mir hats sehr gefallen.
    Liebe Grüße. Petra

  • 5. chinomso  |  Mai 29 um 2010

    Klasse. Es gibt noch Helden, die für ihre Ideale auch bereit sind zu sterben. Das freut mich.

    Eine ganz bezaubernde Geschichte ist das. Schade, dass sie hier scheinbar endet. Kann man da nicht noch eine Fortsetzung (Red im Jenseits) drauf aufsetzen?

    Wie auch immer. Ich geh mich hier mal umschauen, denn ich glaub, hier war ich noch nie.

  • 6. chinomso  |  Mai 29 um 2010

    …ach ja….was ich noch sagen wollte.
    Ne Schnecke, die Flitz heisst. **gröhl** Das ist der Burner überhaupt.

  • 7. Doris - Licht & Liebe Blog  |  Mai 29 um 2010

    Ich bin sprachlos, das geschieht ausgesprochen selten ! Einfach TOLL, ich bin jetzt ein DONKY-Fan und habe mich bereits zum Newsletter angemeldet.

    Was bin ich froh, dass ich auf Donna’s „Schreib-Projekt“ gelandet bin und jetzt auch hier auf diesem Blog, auf dem ich in Zukunft sicher häufiger landen werde.

    Eine tolle Geschichte und RED ist mein Held (heißt der mit Nachname etwa Butler?) und so schnell sterben Helden doch nicht, oder ? Ich bin gespannt – weiter so. Mir macht das Lesen und das Ansehen HIER richtig Freude, da lebt mein inneres Kind richtig auf. Schön, dass es diesen Blog gibt.
    Von Herzen
    Doris
    P.S. Da fällt mir ein, Irene Wolk, hat einen „Online-Geschichten-Blog“ und ist immer auf der Suche nach schönen Geschichten, die sie dann online vorliest und auch sehr schön – YouTube mäßig – umsetzt. Vielleicht mögt ihr Irene einmal kennenlernen? Ist nur so eine Idee.

  • 8. Sterntalerchen  |  Mai 29 um 2010

    Oh ich liebe solche Geschichten….und nun habe ich hier zu deinem Blog gefunden…einfach traumhaft schön.

    Es erinnert mich daran das ich früher als meine Kinder noch sehr klein waren, die Gute Nacht Geschichten selber für die drei schrieb….auch so ungefähr in diesem Stil…ach himmlisch

    ich werde dich sogleich in meinem Blogroll vermerken

    alles liebe und Gratulation zu deinem Beitrag

    Sterntalerchen

  • 9. gori  |  Mai 29 um 2010

    Ganz toll, da muss ich mich den anderen anschliessen. Schön, dass Du mit von der Partie bist.

    Liebe Grüße,
    gori

  • 10. felicitylebensspirale  |  Mai 29 um 2010

    Beeindruckende Geschichte!

    Der Entdecker bereit zu sterben – vielleicht gibts eine Fortsetzung …

    Danke!

  • 11. Himmelhoch  |  Mai 29 um 2010

    Außenseiter haben es immer schwerer als die anderen, auch unter Marienkäfern. Und er hat so heldenhaft für seine Idee gekämpft, an die offenbar nur er glaubte.
    Konnte Red auch die Gesetze der Physik außer Kraft setzen und mit einer luftgefüllten Flasche zu Boden sinken? Dann ist er nicht nur ein Held, sondern auch noch ein Zauberheld.
    Wird er uns noch seine Geheimnisse und Erkenntnisse preisgeben können?
    Lieben Gruß von Clara

  • 12. Donkys Freund  |  Mai 30 um 2010

    Erst einmal @ all ein mobiles Danke für Eure Kommentare. Ich werde mich allen bald näher widmen. 🙂

  • 13. Jorge D.R.  |  Mai 30 um 2010

    Ich mag Leute, die gegen den Strom schwimmen. Ich mag Leute, die ihren eigenen Weg suchen, ohne andere anzurempeln oder -noch schlimmer- anderen das Heil zu predigen. Ich mag Leute, die über sich selbst lachen können. Bei solchen Menschen schaue ich immer genauer hin. Sie interessieren mich. Schön, dass ich jetzt deinen Blog kenne. Es gefällt mir hier.

    Liebe Grüße
    Jorge D.R.

  • 14. Donkys Freund  |  Mai 30 um 2010

    So, zurück aus dem Wochenende fühle ich mich geschmeichelt von der Resonanz auf Red, den Marienkäfer.

    Ich werde in Kürze Eure Beiträge durchforsten und freue mich schon sehr darauf! Auf jeden Fall an alle „Neuen“: Herzlich willkommen in Donkys verrückten Welt!

    @ Nervensäge (Toller Nick): Ja, auch traurige Geschichten können schön sein.

    @ Follygirl: Der Perspektivwechsel schafft manchmal ganz neue Ideen. Danke für Dein Feedback!

    @ chinomso: Meinem Sohn musste ich auch schon eine Fortsetzung versprechen (Der Plot steht sogar schon grob)… Hmmm, eigentlich gefällt es mir aber so ganz gut, aber wer weiß, was noch passiert…

    @ Doris: Freue mich wirklich, so begeistert zu haben. Nur zu und umschauen, auch anfassen ist erlaubt. Der Online Geschichten Blog klingt interessant. Wo finde ich den?

    @ Sterntalerchen: Eigene Geschichten leben noch viel intensiver. Bei uns passiert recht viel spontan über die Rollenspiele (Handpuppen), die hier im Blog in Kurzprosa gefasst wird. Von niedlich bis anarchisch. Alles ist erlaubt.

    @ gori: Ja, dieses Projekt öffnet neue Pforten. Ich freue mich auch, da bald tiefer eintauchen zu können.

    @ felicitylebensspirale: Vielleicht, vielleicht… Danke für das Lob!

    @ Clara: Knifflige Fragen 😉 Ich lasse sie zunächst mal offen. Leider ist unser Held kein Zauberheld. So manches, 2cl kleines Schnapsfläschen (Underberg oder ähnliches) ist durch das dicke Glas mit wenig Inhalt tatsächlich auch leer schwerer als Wasser…

    @ Jorge: In diesem Sinne… Ich freue mich, sei immer eingeladen!

  • 15. freidenkerin  |  Mai 30 um 2010

    Klasse! Und ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung! Denn so ganz mag ich bei all dem Zauber und der Spannung nicht daran glauben, dass Red’s letztes Stündchen schon geschlagen hat.
    Liebe Grüße!

  • 16. april  |  Mai 31 um 2010

    Eine ganz zauberhafte ungewöhnliche Geschichte.

  • 17. Donkys Freund  |  Juni 4 um 2010

    @ freidenkerin: Fortsetzung… Ich dachte da an so eine Art Auferstehung a la Bobby in Dallas. Was alles nur ein Traum. Nein, besser nicht! 😉

    @ april: Schön, dass die Geschichte „verzaubert“ hat. Als ich sie schrieb, bin ich so ein bisschen mitgefahren.

  • 18. sayuris-exile  |  Juni 6 um 2010

    Mich hat Deine Geschichte auch umgehauen. Eine tolle Unterwasserwelt hast Du Dir da für Red ausgedacht und ein schönes tapferes Marienkäferlein. Ob es wirklich sein Ende sein wird? Ich bin gespannt, wie Deine nächste Geschichte aussehen wird und mich noch etwas weiter hier umschauen, wenn es recht ist 🙂

  • 19. Donkys Freund  |  Juni 7 um 2010

    Vielen Dank und willkommen. Schau‘ dich ruhig um, hier gibt es einige seltasame Figuren! 😀

    Tja, die nächste Geschichte… Der Anfangssatz fordert diesmal noch mehr heraus.

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