Kitty, die Kettensäge

Mai 17 at 2010 2 Kommentare

„Das muss doch nicht sein!“, schimpfte mein Sohn Jan, als Kitty das erste Mal bei uns nach einem Tropfen Öl fragte. „Du hast ja den ganzen Zaun von Nachbarn niedergemäht!“ – „Ach, habe ich gar nicht gemerkt“, erwiderte die Kettensäge kleinlaut. Und ‚kleinlaut’ war bei ihr ohrenbetäubend, so strotzte sie vor Kraft.

Kitty, die Kettensäge, erledigte einen Jägerzaun tatsächlich im Vorübergehen. Auch eine Allee musste sich nach ihrem Besuch als halbe Allee zufrieden geben. Sie konnte einfach keinen Baum links liegen lassen, oder sagen wir besser ‚stehen lassen’.

„Hey, Moment mal“, könntet ihr jetzt einwerfen, „eine Kettensäge kann doch nicht einfach spazieren gehen, so ganz alleine!“ Das stimmt normalerweise auch. Das gilt aber nur für diejenigen, die es noch nicht ausprobiert haben und sich lieber willenlos derben Holzfällern und eifrigen Hobbygärtnern fügen. Aber es gibt immer wieder mal Sägen, die entdecken, dass das Leben mehr bietet außer halbtote Fichten und langweilige Hecken. Und Kitty wollte viel neues Holz entdecken. Das könnt ihr glauben! So knatterte sie eines Tages einfach aus dem Geräteschuppen unseres Försters direkt durch die geschlossene Tür davon.

Kein Gartenstuhl war vor ihr sicher und Geländer schon gar nicht. Die Carports in unserer Umgebung waren als Garage nur noch für besonders flache Cabrios geeignet und vor Weihnachten lagerte niemand mehr seinen Weihnachtsbaum auf dem Balkon. Wer will auch schon einen geschredderten Haufen Nadelholz schmücken? Und je härter das Holz, umso besser! Wir können nur von Glück reden, dass Menschen so weiche Beine haben.


Seit Kitty für uns ein altes Regal sperrmüllgerecht schnetzeln durfte, kam sie öfter mal vorbei. Natürlich nur, nachdem wir unser Wohnzimmer holzfrei geräumt hatten. An die Garderobe hatten wir leider nicht gedacht, als diese nach ihrem Besuch als Bauklötze im Flur verstreut lag. Auf unseren dringlichen Appell, doch bitte nur kaputte Sachen und Gewächse zu zersägen, antworte sie nur: „Ich mach’ kaputt!“ Kitty war die Herrin des Waldes, des ehemaligen Waldes, um genau zu sein. Bäume und Förster fürchteten sie gleichermaßen. Und unser Nachbar mit dem Jägerzaun.

Als sie jedoch selbst mit der Schaukel auf dem Waldspielplatz kein Erbarmen hatte, zitierten wir sie an jenem Abend zu uns. Wir mussten reden. Ich briet ihr eines meiner berüchtigten Steaks, damit sie auch was zu tun hatte und nicht auf dumme Gedanken kam. Jan und ich aßen vorsichtshalber einen Wackelpudding. Kitty war für ihre Verhältnisse aber eigenartig leise und Jan brüllte: „Ist was?“ Kitty brach ihr Schweigen: „Kennt ihr den Film ‚Massaker im Mörderwald 5’?“ Ich schrie mit leuchtenden Augen auf: „ Klar, supe…“ Jan runzelte die Stirn. Verstohlen blickte ich zu meinem Sohn und sagte mit angewiderter Mine: „Du meinst doch nicht diesen barbarischen, ekeligen Schocker?“ – „Doch, ich sollte die Hauptrolle für Teil sechs bekommen und war letzte Woche bei der Vorprobe“, seufzte unser Gast. „Das ist doch prima!“, freute sich Jan, obwohl er Horrorfilme blöd findet. Er dachte aber an die viergeteilten Parkbänke an der Liegewiese und ergänzte: „Das ist doch mal was Sinnvolles.“ Kitty ritzte wütend eine kleine Kerbe in unseren Türrahmen. „Als ich in einer Probeszene ein halbes Schwein zersägen sollte, blieb ich zwischen zwei Rippen hängen. Ist das nicht furchtbar? Rippen!“ Kitty heulte auf. Das ist in der Tat kein gutes Omen, wenn eine Kettensäge an einem Schwein scheitert, soll sie doch eigentlich eine ganze Reisegruppe im Film abmetzeln. So schnappte ihr ein schnödes Küchenmesser die Rolle weg, eine Demütigung für eine talentierte Kettensäge wie sie. Jan grübelte. „Hmm, vielleicht bis du stumpf?“ Kitty jaulte daraufhin nur laut auf und verschwand krächzend in den Wald.

Seit diesem Tag sahen wir Kitty nur noch selten. Man erzählte sich im Wald, dass selbst Kiefern von ihr unvollendet blieben. Von der tausendjährigen Eiche auf dem Marktplatz, die lange Zeit in akuter Gefahr schwebte, redete schon niemand mehr. Stumpfe Kettensägen schlittern in eine echte Lebenskrise. Bei Menschen nennt sich dieser Zustand Midlifecrisis, falls ihr das Wort mal hört. So ritzte sie nur niedergeschlagen traurige Gesichter in Baumrinden und verkroch sich in dunkle Erdhöhlen ohne Holz. Plötzlich hatte sie Angst vor Bäumen, nicht umgekehrt. Wir versuchten sie noch mit einer feinen Laubsägearbeit für unseren Tischschmuck zu ermuntern, aber selbst das bereitete ihr solch starke Gliederschmerzen, dass Jan ihr sogar riet, auf eine Nagelschere umzuschulen.

Eines Morgens kroch sie quietschend vor unsere Tür und bat um einen ‚letzten Tropfen Öl’. Uns schwante nichts Gutes und baten sie erstmal hinein. Ich holte mit zitternden Knien das Ölkännchen aus dem Keller. Jan wollte gerade ein Tomatenbrot essen und versuchte dafür mehr schlecht als recht, ein wenig Petersilie aus dem Kräutertopf zu zupfen. „Warte, ich helf’ dir“, seufzte Kitty. „Wow!“, staunte Jan, als Kitty in einem Zug fünf Petersilienpflänzchen sauber abschnitt. Ich wiederhole: Fünf! Der Jubel war groß. So ein leckeres Tomatenbrot hatte Jan lange nicht mehr gegessen, auch wenn das Brot eher einem Petersilienbrot mit unterlegter Tomate glich. Auch ich bestellte sofort etwas Petersilie für mein Quarkbrötchen und Kitty knatterte vor Freude, endlich mal wieder etwas Sinnvolles geschafft zu haben. So mampften wir den ganzen Topf Petersilie an diesem Morgen weg. Kitty fragte sofort: „Habt ihr noch mehr?“ Sie surrte fast. „Klaffe, wir brauffen immer Hilfe in der Kücheff. Mff!“ Ich spuckte aus Versehen etwas Grün auf den Tisch und versteckte schnell das Kräutermesser unter einer Zeitung.

Wir forderten sie für jede Suppe an und sie erfüllte ihre Schnippelaufgaben mit Bravour. Selbst Schnittlauch haben wir in Sägelauch umbenannt. Feierlich taufte Jan sie um in Pitty, die Petersiliensäge, damit sie sich nicht mehr an die schweren Zeiten erinnern musste. Die gefürchtete Kitty, die Kettensäge war ab jetzt Geschichte. So lecker zubereitete Kräuter gab es vorher nie bei uns.

Irgendwann jedoch merkte Pitty, dass ihr auch Grashalme keine Mühe machten. Seitdem arbeitet sie nebenbei als Rasenmäher. Rasenkanten sind ihre besondere Spezialität, mit der sie so manche Gartenschere schon in den Wahnsinn getrieben hat. Wir sehen sie auch oft, wie sie stolz die Grasbüschel von den Parkwegen zupft, damit ‚niemand darüber stolpert’, wie sie sagt. „Sehr gut!“, bestätigen wir dann und nicken eifrig mit dem Kopf. Jan fällt dann vorsichtshalber gekonnt über einen verirrten Löwenzahn in einer Wegfuge. So kommt Pitty zwar immer seltener zu uns, aber das ist auch gut so, denn es gibt wirklich viel Wiese im Park.

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Dinge am Rande des Lebens (1) Tauchfahrt nach Elin

2 Kommentare Add your own

  • 1. Raven  |  Mai 18 um 2010

    Hat dir schon jemand erzählt, dass du ’ne blühende Phantasie hast? 😉

  • 2. Donkys Freund  |  Mai 18 um 2010

    Ich fürchte. Alles lebt! 🙂

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