Sosa und die singenden Sardinen

Mai 4 at 2010 2 Kommentare

Ihr meint, Fische können gar nicht singen? Dann kennt ihr die Geschichte des Sardinenschwarms halblinks hinter Island irgendwo auf halber Strecke zum Nordpol nicht.

Was war das für ein Leben dort so halblinks hinter Island. Harmonisch schwammen tausende von Sardinen dicht gedrängt durch Felsbögen oder Algenteppiche. Bog eine Sardine spontan nach links ab, machten die anderen völlig unfallfrei mit. Und hatte tatsächlich ein Exemplar die Idee einer kompletten Kehrtwende: Warum nicht? Und da niemand wusste, wer die Idee eigentlich als Erster hatte, gab es auch keinen Chef. So ein Schwarm ist wirklich eine praktische Sache.

Sosa schwamm gerne außen. So konnte sie mehr sehen als mitten im Schwarm. „Sag mal, Mira, hast du Gunther gesehen?“, rief ihr ein Nachbar zu, als sie gerade eine kleine Melodie flötete. „Ich bin Sosa, aber ich glaube Gunther schwimmt heute ganz hinten, Joe“, antworte Sosa. „Ach, ich dachte, das wäre Udo“, sagte Yve, die gar nicht Joe hieß, erstaunt. „Nein, der schwimmt doch direkt vor dir“. Sardinen verwechseln sich ziemlich regelmäßig, eigentlich immer. Macht aber auch nichts, denn man sah sich sowieso recht selten in der riesigen Masse. Fröhlich summte Sosa ihr Lied weiter, denn sie liebte Wassermusik.

Dort halblinks hinter Island war das Sardinenleben noch unbeschwert, denn merkwürdigerweise waren weit und breit keine Raubfische zu sehen. Vielleicht lag es an der etwas abseitigen, geschützten Vulkanlage weit neben der Hauptströmung oder auch an der Überfischung von Thunfischen zum Beispiel. Was gut für die Sardinen war, hatte nämlich gewaltige Nachteile für die Räuber, die viel zu oft als Pizzabelag enden. Aber da diese Sardinengruppe gar keine Pizza kannte, schwamm sie einfach munter durch die Gegend. Bis Bud kam!

Irgendwie hatte Bud, der Heilbutt, eine Abzweigung verpasst und ohne es zu wollen, gelangte er so ins Schlaraffenland für Heilbutte eben genau dort, halblinks hinter Island. Was war die Panik groß, als Bud Flixy, eine entfernte Verwandte Sosas, bei seiner ersten Jagd ohne Vorwarnung verschluckte. Sosa rief nur noch hektisch „Schnell, rechts!“ und alle zuckten nach rechts. Wie im Rausch wirbelte der Schwarm anschließend durch das Wasser. Hoch, runter, doppelter Salto, und das alles im Gleichtakt. Bud wurde ganz schwindelig. Zum Glück brachte so das Getümmel Bud aus dem Konzept und nach drei Sardinen war er auch erstmal satt. So konnte sich der Schwarm erstmal verkrümeln. So ein Schwarm hat schon gewaltige Vorteile. Aber auch, wenn die meisten bis zu diesem Schicksalstag ganz andere Sardinen für Flixy gehalten hatten, war die Trauer um sie und zwei weitere Leidensgenossen groß. Das war alles sehr schlimm und unerwartet.

Flatsch, die griesgrämige Qualle, witterte endlich ihre Chance. Sie konnte Sardinen nicht leiden, weil die Fische ihr immer in die Quere kamen, wenn sie tagtäglich ihre festen Kreise schwamm. Das machte sie nervös. Sie war vom Typ her wie die alten Damen mit Blümchen-Badekappe, die sich im Freibad beim Bademeister über spritzende Kinder beschwerden, damit ihre Haare nicht nass werden. „Hey, ihr da außen!“, rief Flatsch Richtung Schwarm, „wisst ihr eigentlich, dass ihr außen als erstes dran seid? Ich meine ja nur. Warum schwimmt ihr nicht lieber schön geschützt innen?“ Das war ein Argument! Und bevor Bud aufkreuzen konnte, huschten die Randschwimmer nach innen. Das Dumme an „innen“ ist nur, dass es kein „innen“ ohne „außen“ gibt. Und so befanden die ehemaligen Innenschwimmer nun ziemlich überrumpelt außen. Darauf wies sie Flatsch auch sofort hin. Dieser Akt wiederholte sich ein paar Mal, bis sich Tausende Sardinen gegenseitig anrempelten, weil alle nach innen strebten, aber niemand in dem Chaos mehr wusste, wo „innen“ eigentlich war. Nichts mehr mit geschmeidigem Synchronschwimmen in gemeinsamer Eintracht. „Stopp, das bringt doch nichts!“, versuchte Sosa noch, die Lage zu beruhigen, „Wir müssen zusammenhalten!“ Aber niemand nahm sie wahr. Stattdessen suchte jeder irritiert sein Heil in der Flucht. Verstört paddelte jede Sardine ziellos und allein in eine andere Richtung ins offene Meer, was leider andere als innen war, sondern fast schon ganz weit draußen. Flatsch allerdings hatte ihr Ziel erreicht und schwabbelte zufrieden davon.

Das hätten fette Tage für Bud werden können. Er brauchte den Schwarm gar nicht zu suchen, denn im ganzen Territorium schlug schon irgendeine verängstigte Sardine wirre Haken. Er brauchte sie nur ins Visier zu nehmen und verfolgen. Schnapp und weg war sie, ohne überhaupt an „innen“ denken zu können. Zum Glück plagte Bud gerade eine Magen-/Darmgrippe, so dass nur wenige der kleinen Artgenossen ihm zum Opfer fielen. Trotzdem war alles sehr traurig für die verwöhnten und anhänglichen Sardinen. Sosa hatte inzwischen mit viel Aufwand ungefähr 100 Artgenossen davon überzeugen können, einen Mini-Schwarm zu eröffnen. Ein genauer Plan regelte jedoch, wer wann innen schwimmen durfte. Extrem unentspannt. „Ich bin dran“, schimpfte Ted und stieß Bob zur Seite. „Ey, Vorsicht!“, wehrte sich dieser mit einem Flossenhieb. Bevor wieder alle ziellos auseinanderstürmten, sagte Sosa bestimmt: „Halt! Freunde, wir müssen was tun. So klappt das nicht. Wenn das mit dem Schwarm nicht mehr passt, muss was anderes her. Ich habe da eine Idee.“ Leicht ungläubig aber interessiert lauschte das Grüppchen ihrem Plan. Was blieb ihnen auch anderes übrig. „Und jetzt holt die anderen zusammen, aber passt bloß auf!“, beendete Sosa ihre Ausführungen und auf ihr Kommando flitzen alle los.

„Was für ein Chor?“, sagte Gunther. „Und warum überhaupt?“ Zustimmung klingt anders. Sosa sah sich einer Front verdutzter Sardinengesichter gegenüber, als sich der Ex-Schwarm in einer Höhle versammelt hatte. Sie holte aus: „Also noch mal: Wenn Bud kommt, werden wir alle gemeinsam ein Lied singen. Dann müssen wir auf jeden Fall zusammen bleiben, sonst klingt das ja nach nichts. Und wer frisst schon einen Chor?“ Schweigen. So richtig durchdacht klang das zwar nicht, aber es war immer noch besser als so ein stressiges Single-Leben mit lauter offenen Flanken. Zumindest interpretierte Sosa das zögerliche Raunen der Fischversammlung als Okay.

„Gut, dann teile ich mal ein“, sagte Sosa forsch, „Du fängst mal an, Ivo.“
„Ich? Ich bin Xenia. Ivo ist da hinten.“
„ Ich heiße Ovi“, tönte es aus den hinteren Reihen.
„Wie auch immer“, murrte Sosa, „Du da jedenfalls: Sing mal!“

Mannomann! Xonia, oder wie sie hieß, gurgelte eine Sonate in Fis-Dur als Sopran, wie man sie selten im Ozean zu hören bekommt. Selbst Buckelwale sind dagegen vergleichsweise nur Drehorgelspieler. „Prima, 1. Stimme, da rechts bitte“, freute sich Sosa. Und anschließend übertrug auch die nächste Sardine als Bariton Schallwellen, die bis tief in den Magen kitzelten. „Fein! Geh du mal nach hinten“, teilte die neue Chorleiterin ein. Es dauerte zwar einige Zeit, bis der ganze Haufen vorgesungen hatte, aber so ein vielstimmiger Chor muss erstmal geordnet sein. Und was noch viel wichtiger war: Jedem war egal, ob er jetzt innen oder außen schwamm. Hauptsache stolz in seiner zugeteilten Stimme. Ein bisschen spürte man plötzlich wieder die Leichtigkeit der heilbuttlosen Zeit, als jeder ein paar Oktaven zum Einsingen vor sich hin trällerte. „Fangen wir jetzt schon an?“, fragte ein stattlicher Tenor ungeduldig. „Klar!“ Sosa räusperte sich kurz und blubberte ein hohes C zum Einstimmen…

Es dauerte ein paar Tage lange, bis Bud keine Bauchschmerzen mehr hatte, ihn aber gleich ein kräftiger Hunger überfiel. Er war schon einen ganzen Tag unterwegs, weil ihm zu seinem Ärger kein einziger Fisch mehr als Zwischenhappen begegnete, als plötzlich ein Soundschwall über den Meeresgrund rauschte. Verwundert folgte er dem eigenartigen Klang. „Was ist den hier los?“, sagte er verwundert, als der Sardinenschwarm keine Anstalten machte wegzudriften, kaum war er hinter einer Koralle auftaucht. Ein bisschen Spaß wollte er ja schon haben beim Jagen. Hunger hin oder her. „Wir singen gerade!“, antwortete Sosa mutig und schwang ihre Flossen beim Dirigieren. Der Chor verstummte aber vorsichtshalber mal und zitterte stattdessen, dass es nur so flimmerte. „Hä?“ So quirlig Bud durch die Strömung flitzen konnte, so träge waren manchmal seine Gedanken. „Ich habe aber Hunger!“, war das einzige, was ihm dazu einfiel. Anders als eigentlich verabredet wollten ein paar einzelne Sopran-Sardinen sich in unsichere Gewässer davon stehlen, als Sosa dem großen Fisch entgegen schwamm: „Pass auf! Hör doch erst einmal zu. Vielleicht gefällt es dir ja!“ Der Heilbutt juckte sich leicht verwirrt ein paar Schuppen und meinte: „Aber danach spielen wir fangen, ja?“

Es war göttlich! Aus tausend Fischkehlen verwoben sich engelsgleiche Stimmen in einem Kanon, der sich über ein minutenlanges Wechselspiel von Harmonien in einem Klangteppich von Moll-Akkorden auflöste. Und wäre es im Meer nicht so nass, hätte man eine Träne Buds Wange hinunterlaufen sehen.

„Und?“, fragte Sosa vorsichtig.
„Wunderschön!“, seufzte Bud völlig aufgelöst. „Leider habe ich aber immer noch Hunger.“
„Aber dann klingt der Chor doch nicht mehr so phantastisch. Willst du das wirklich?“ Die Sardine setze ihren Mitleidblick auf. „Hmm“, überlegte Bud, der noch nie darüber nachgedacht hatte, ob er lieber Tenor- oder Altstimmen geschmacklich bevorzugte. Und ein bisschen schade wäre es ja schon, so ein mitreißendes Konzert zu verhindern. „Hier gibt es doch bestimmt auch andere Leckereien“, setzte Sosa nach. Bud wurde weich. „Na schön, was denn zum Beispiel?“ –„Äh, Plankton vielleicht?“ Diese Winzlinge waren allerdings bei Heilbutten verpönt. „Babybrei“, meinte Bud auch nur missmutig, „nichts für echte Kerle!“ Sosas Vorschlag verpuffte sang- und klanglos und Bud wurde zunehmend ungeduldiger. Sein Magen krempelte sich gerade um und er schwang seine Flossen schon mal in Position zum Angriff. "Tut mir leid", seufzte er schließlich, als er durchstartete. Sosa kam gerade noch Zentimeter vor dem offenen Heilbuttschlund die rettende Erinnerung: „Blauwale!“, schrie sie Bud in den Hals. „Blauwale!“ Bud schloss das Maul und unterdrückte ein fieses Magenknurren. Wieder meinte er nur: „Hä?“ – “Blauwale sind die größten Kerle des gesamten Ozeans, die Herren der Meere, und fressen nur Plankton und Krill!”, sagte Sosa und wäre sie nicht gerade im Wasser gewesen, hätte sie bestimmt nach Luft geschnappt. „Echt jetzt?“, fragte Bud und kratzte sich am Kopf. Sosa nickte eifrig. „Klar, ich schwöre bei meiner Großmutter (die auch irgendwo verängstigt im Schwarm ausharrte.) Plankton ist absolut in.“ – "Hmmm."

Das saß! Seitdem ist Bud auf Plankton umgestiegen und ist stolz wie ein Wal, natürlich erst nachdem er argwöhnisch einen durchreisenden Blauwal nach seinen Essgewohnheiten befragt hatte. Da der Bass etwas unterbesetzt war, singt er seitdem sogar im Chor mit. Zwar immer mit etwas vereinbarten Sicherheitsabstand zum benachbarten Tenor, aber er durfte sogar schon ein Solo übernehmen. Die Seesterne waren überwältigt. Und wer jetzt immer noch nicht glaubt, dass dieser Schwarm singender Sardinen mit Heilbutt existiert, der schaue doch bitte selber nach: Halblinks hinter Island!

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Projekt 52: Flowerpower Dinge am Rande des Lebens (1)

2 Kommentare Add your own

  • 1. freidenkerin  |  Mai 7 um 2010

    Klasse! Du kommst schon auf geniale Ideen, mein Lieber!
    Wünsche dir, der Bande, dem Sardinen-Chor und deinen Lieben ein schönes Wochenende! 😀

  • 2. Donkys Freund  |  Mai 11 um 2010

    Danke, Frau Freidenkerin! 😀
    Wieder aufgetaucht grüßt Donkys Freund…

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