Die (Ohn)Macht des Netzes

April 16 at 2010 5 Kommentare

Nun kann mir jeder vor die Nase halten, dass die ePetition zur Internetsperre von Inderk-Oprno-Seiten (Ihr wisst schon) mit 130.000 "Unterschriften" ja irgendwie (fast) erfolgreich war und dass die Webgemeinde der Blogger und Forenuser politisch etwas bewegt hat, aber ich wage die These:

Es gibt keine Bewegung über das Netz und wird sie auch nicht geben. Es gibt keine Macht des Netzes, die gesellschaftliche und politische Strukturen beeinflussen kann.

Es existieren vielleicht Meinungsbildner in Blogs und unterstützende Instrumente für eine bessere Kommunikation, die vor allem in totalitären Systemen immens wichtig sind. Der Keim eines Wandels, eines Widerstands, einer ideologischen, politischen, kulturellen oder sozialen Idee sprießt jedoch nur in einem Boden, der durch realen Schweiß getränkt wird. Die virtuelle Gesellschaft ist aber nur ein Layer über der realen und bleibt eine diffuse Projektion ohne Bindung.

Dem Argument , dass sich der Widerstand nur von der Straße auf das Internet verlagert, das gern gegen die These einer desorientierten, opportunistischen Gesellschaft (wahlweise auch Jugend) ohne Mumm angeführt wird, kann ich deshalb nicht ganz folgen. Denn abgesehen von seinem Nickname setzt niemand etwas ein. Das Web bietet die Mittel, ein Strohfeuer zu entfachen oder ein real entfachtes Strohfeuer durch kräftiges Pusten ein Weilchen hell lodern zu lassen in der Hoffnung, dass es doch irgend jemanden auf dem falschen Bein erwischt. Zum Nachlegen braucht man jedoch festes Holz, quasi einen echten Keil.

Jedem Politiker sei eigentlich geraten: Sitz ein Problem aus! (wenn es nicht gerade in der heißen Wahlkampfphase auftritt).

Zu wenige Unterstützer haben ihre Zeit, ihr Geld, ihre Identität, ihren Ruf oder ihre Sicherheit in ein Thema gesteckt, so dass für sie  moralisch wie rational ein "Zurück" nicht mehr in Frage käme. Und das geht schnell. Im Netz hört man einfach auf  zu quatschen und verschwindet damit in den Niederungen der Anonymität. Ohne Verlust, ohne Verpflichtung, ohne Identifikation. (Kurz zurück zur ePetition: 130.000 ist eine Zahl ohne Gesichter. Ich will nicht wissen, wieviele von den "Zensur!"-Schreiern bei der Bundestagswahl die CDU gewählt haben oder überhaupt noch den Stand der Diskussion kennen.)

Es ist ein Unterschied, ob man unter dem Pseudonym "Andre445" einen engagierten Kommentar in einem Internetforum verfasst oder als Andre Holtenbusch eine Fahrkarte für einen Sonderzug nach Berlin löst, einer Antifa-Versammlung in einem neonbeleuchteten Gemeindesaal beiwohnt oder mit Räucherstäbchen für eine bessere Welt durch die Fußgängerzone zieht.

Um Missverständniss zu vermeiden: Ich möchte in keinster Weise den Einsatz durch leidenschaftliche Plädoyers, Diskussionen und Netzrecherchen im Web in Frage stellen. Dies ist so wichtig wie sinnvoll für eine formulierte Meinungsbildung und einen Austausch. Sogar kurzfristige Erfolge einer "Netzpolitik" sind durch die Geschwindigkeit der Kommunikation möglich, weil sie Themen hochkocht. Immerhin. Aber das soziale Netz, das hier gesponnen wird, bleibt so flüchtig wie ein angelegter Account und hat nicht das Zeug für eine Bewegung. Spätestens zur Fußball-WM oder zum Tod Michael Jacksons wird das Thema nach unten durchgereicht…

EDIT: Interessanterweise habe ich nach Verfassen dieses Artikels einen Vortrag von Netzwerkpapst Peter Kruse auf der re:publica  angeschaut, der dem Netz durch den Übertrag der Macht auf den Nachfrager und deren Unkontrollierbarkeit "Bewegungen" vorhersagt. Ich bleibe jedoch dabei: Eine Bewegung im Sinne einer gelebten Idee (ungleich kurzfristiger Druck auf Institutionen oder Wirtschaft wegen einer Schlagzeile) erfordern persönliche Bekenntnisse, die durch Aufwand in irgendeiner Form erst nachhaltig gemacht werden.

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5 Kommentare Add your own

  • 1. Schaps  |  April 16 um 2010

    Das Problem fürdie gerade von dir angeführte Politiker ist doch aber, dass durch das Internet schnell gegen sie mobil gemacht wird und sie so in die Ecke gedrängt werden, dass sie sich äußern MÜSSEN.

  • 2. Donkys Freund  |  April 16 um 2010

    Schon korrekt. Nur: Wie lange muss sie sich äußern? Ich sage ja auch nicht, dass solche Aktionen keine Wirkung haben und sinnlos sind, je nachdem, wann sie die Politiker erwischen. Im ersten Jahr einer Legislaturperiode hätte unsere Ursula nicht solchen Druck gehabt. Die Kurzfristigkeit ist Segen und Fluch zugleich.

    Solche Aktionen haben nicht die Güte einer „Bewegung“, die zu gesellschaftlichen Umwälzungen führen kann. Es gibt keine Internet-Community, sondern wenn überhaupt viele kleine bindungslose Communitys. Was einen gerade bewegt.

  • 3. ultimalatet  |  April 23 um 2010

    Vielen Dank für den wirklich sehr interessanten Artikel – der ein sehr unschönes Thema zum Anlass hat. Ohne zu widersprechen möchte ich fragen, ob Du das geschriebene Wort (stärker als das Schwert!?) als geeignetes Mittel des Protestes siehst? Denn wenn ja, wenn das Wort die „Revolution“ beflügelt, sie anfacht oder gar erst ermöglicht, dann ist das Internet mächtig! Und die Menschen, die nicht als Pseudonym ihre Meinung äußern, sondern als reale Personen, können etwas bewirken. Denke ich, hoffe ich. Bei ihren LeserInnen. Ich halte „Das Netz“ nicht für einen völlig zahnlosen Tiger. Es trägt zumindest ein (gutes) Gebiss …

    Herzliche Grüße,
    Ralph

  • 4. Donkys Freund  |  April 23 um 2010

    Danke, Ralph, für die gute Ergänzung.

    Ich möchte das Internet auch nicht als zahnlosen Tiger hinstellen:

    1.) Kurzfristige Proteste bekommen viel schneller Verbreitung und wirken sofort. Sie können Feuer entfachen, verlöschen aber leider auch oft genauso schnell. Ein festes Bündnis eines „Social Networks“ entsteht nicht, weil niemand etwas zu verlieren hat und von Network zu Network hoppen kann, je nach präferiertem Thema.

    Es entsteht keine „Front“, kein Gesicht. Das ist zwar irgendwie auch gefährlich für Politik, weil der vermeintliche „Gegner“ unsichtbar bleibt un schwer zu attackieren ist, aber es gibt auch kein echtes „Miteinander“, das nachhaltig nach vorn wirken kann.

    2.) Richtig. Das geschriebene Wort füttert eine Bewegung, oder gar eine Revolution, erst Recht, wenn jemand sein Namen und seine Identität dafür hergibt. Aber zuerst ist die Bewegung da, dann erst können die „Jünger“ durch das Internet schnell bedient werden. Das Web bleibt ein Medium (mit gutem Gebiss).

  • 5. Schaps  |  April 30 um 2010

    Das stimmt auch wieder. Es sind eher Möchtegerncommunitiys. Ich mein, das sieht man ja schon an Leuten in den Sozialen Netzwerken. Die jede Gruppeneinladung akzeptieren und ne Liste von 100 Gruppen haben in denen sie drin sind. Viele verlieren wirklich den Überblick was das Internet ist…die wirklich organisierten waren vorher auch schon organisiert.

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