Worte auf der Goldwaage: Spießer

Februar 25 at 2010 4 Kommentare

Aus der Reihe "Worte auf der Goldwaage":

"Scheiß Spießer!" Gern geraunzt, wenn wieder ein selbsternannter Oberhausmeister die Flusen im Flur sucht oder ein aufgeregter Zettel über Sinn und Zweck von Parkverbotsschildern an der Windschutzscheibe hängt. Oder wenn einfach ein Beamter gesetzestreu den verdammten Bescheid nicht ausstellen will. Spießer. Ein Wort, das meiner Meinung nach viel zu inflationär benutzt wird. Nicht, weil ich um Himmels Willen eine Lanze für die oben genannten Querulanten brechen möchte, sondern wegen der verbogenen Selbstwahrnehmung vieler Nutzer des Wortes. Von wegen Steinen und Glashaus und so.

Vielleicht liegt das am verstaubten Bild eines Spießers: Der verhärmte Sechziger mit Blümchentapete und Kuckucksuhr, der missmutig hinter der Gardine ahnungslosen Mitbürgern mit Bagatellen auflauert, um seine in altmodischen Werten verirrte Unzufriedenheit aufgrund verpasster Gelegenheiten zu rechtfertigen, falls er nicht gerade seinen Benz schrubbt und Kindern dabei den Ball wegnimmt. Nach dem Motto: "Was ich nicht hab, dürft ihr auch nicht." …und all seinen Varianten.

Wikipedia bietet eine etwas allgemeinere Definition, die, wie ich finde, den Begriff  auf den Punkt bringt als

  • engstirnige Personen, die sich durch
  • geistige Unbeweglichkeit (Intoleranz),
  • ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen,
  • Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung und ein
  • starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit

hervortun. Keine Blümchentapete, keine Flusen, kein Benz. Übrigens auch kein Biedermann, der in Abgrenzung zur Reizfigur "Spießer" ganz harmlos nur als altbackender Langweiler mit entsprechenden Außenbild auftritt. Der Schlüssel zu einer neuen Definition eines Spießertyps sind die gesellschaftlichen Normen, an denen er sich orientiert.

In dem Augenblick, wenn sich aber diese Normen ändern, ändert sich zwangsläufig auch das Spießerbild. Womit der Spieß (haha, lustiges Wortspiel) umgedreht wird. Und was vorher als Norm/Wert noch "Sicherheit", "Anstand", "Familie" hieß, schimpft sich heute "Freiheit", "Individualismus" und, tja, doch irgendwie "Familie", nur anders. Paradoxerweise bildet sich so eine Konformität zum Individualismus, die gepflegt werden will.

Was vor 20 Jahren noch der BMW vor der Tür war, ist heute seine Farbe. Mallorca von damals ist heute das Himalaya oder New York, aber beides mit Reiserücktrittsversicherung. Und wenn Mallorca, dann wegen des schönen Hinterlandes. Gestern der Kegelclub-Stammtisch mit Gedeck entspricht heute dem Tennisspiel mit anschließendem Fitnessteller. Klischee, ich weiß, aber darum geht es ja: "Welches Bild will ich bedienen oder eben gerade nicht?" Das Streben nach einem gesellschaftlichen Ideal-Lebensbild weicht dem Streben, genau dieses zu vermeiden. "Ich bin ich und mache, was ich will." Und sei es in den Nuancen wie Freizeit, Hobby, Weltanschauung oder Style, die dann wahlweise einfach etwas höher gewichtet werden. Nur an welchem Gesellschaftstypen kann man sich da überhaupt noch abgrenzen, wenn jeder was anderes darstellt?  Wo bleibt der Normalo? Womit wieder das antiquierte Spießerbild zur Hilfe genommen werden muss. Und deshalb ist der "alte Spießer" auch so beliebt: Weil man ihn für sich selbst braucht.

Um nochmal ein Klischee zu bedienen zur Verdeutlichung des neuen Spießers ein Beispiel, immernoch angelehnt an die Wikipedia-Definition, jetzt nur mit anderen Werten:

Was unterscheidet unseren Meckeropa (siehe oben) von den dynamischen Mittdreißiger-Eltern, die nicht verstehen, wie der Nachbarssohn jeden Tag ab 13:00 Uhr draußen sein kann, in panischem Aktionismus, das der eigene Sprössling bloß die Gymnasialempfehlung für die angesagte musisch-naturwissenschafliche Schule als einzig mögliche Entfaltungschance erhält. Und wenn nicht, waren es die Lehrer. Jeder prüfe die Kriterien mal durch. Gern auch an alten und neuen Bekannten… oder sich selbst.

Ich vermeide deshalb vorsichtshalber das Wort "Spießer". Quasi zum Selbstschutz. Keine Ahnung, wo ich da selbst stehe. Das ist mir zu heikel mit dem Wort, das aus meiner Sicht klammheimlich die Seiten wechselt.  Ich sage lieber "Blödes Arschloch!" oder wenn ich nicht betroffen bin süffisant, aber allgemeingültig "Typisch!".

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LDUNGEN+KURZMELDUNGEN+KURZME Projekt 52: Auf Achse

4 Kommentare Add your own

  • 1. Schonzeit  |  Februar 27 um 2010

    Für mich ist Spießer eher mit einer wenig ausgeflippten Lebensweise in Verbindung gebracht. Wurde schon oft Spießer genannt und es stört mich nicht so sehr. Es zeigt nur einfach, dass meine wilden Zeiten vorbei sind und ich jetzt eher spießige Spieleabende bevorzuge statt bis 6 in nem Club Mädels anzubaggern.

  • 2. Donkys Freund  |  Februar 27 um 2010

    Ja? Für mich Spießer negativ belegt (die Wikipedia-Definition faßt es ganz gut). Was Du meinst, nenne ich biederen Lebensstil. Aber das ist völlig wertfrei, oft sogar spannender (weil authentischer) als aufgesetzter (langweiliger) Aktionismus.

  • 3. Schonzeit  |  Februar 28 um 2010

    ich merke aber immer wieder, dass gern Spießer verwendet wird, wo bieder und gesetzt verwendet werden sollte. von daher ist das ok.

    Spießer kann natürlich auch sehr negativ sein. Ist ähnlich wie das Wort Arschloch. Wenn jemand meiner Freunde zu mir Arschloch sagt, nachdem ich frech war ist das safe. Wenn ein Fremder das zu mir sagt, dann ist das beleidigend. Mich nennen nur Freunde Spießer. 😉

  • 4. Donkys Freund  |  März 1 um 2010

    Ja, stimmt schon, Spießer wird auch oft einfach für vermeintliche Lebens-Langweiler benutzt. Teilweise sogar liebenswert. Samstagabend-Grill, Bausparvertrag und Neckermann-Urlaub.

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