Das wunderbare Weihnachtsbuch

Dezember 11 at 2009 9 Kommentare

Anton klopfte sich den Schnee von der Jacke. „Schau mal, was ich gefunden habe“, rief er und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Ferdi blickte erstaunt auf das Buch, das ihm Anton entgegenstreckte. „Das große Weihnachtsbuch“, las Ferdi langsam mit geneigtem Kopf vor und zog die Augenbrauen hoch. „Was ist denn das?“ – „Ich weiß es nicht. Es lag auf einem Baumstumpf mitten im Wald und fiel mir sofort ins Auge. Kein Mensch weit und breit. Nur ein paar winzige Fußstapfen führten vom Buch in den Wald“, erklärte Anton.

Es war in der Tat ein schönes Buch. Goldene Ornamente verzierten den Buchdeckel, und die geschwungene Schrift war umgeben von fein gezeichneten Tannenzweigen. Ferdi blätterte in dem Buch, während Anton seine Stiefel abstreifte und ihm neugierig über die Schulter lugte. Bastelanleitungen für Christbaumschmuck, Rezepte für Lebkuchen, Noten für Weihnachtslieder und das alles mit vielen bunten Bildern ließen sie staunend auf die Treppe sinken. Nun lebten die beiden Holzfäller schon Jahrzehnte in dem kleinen Haus am großen Wald, aber von Weihnachten hatten sie noch nie etwas gehört. Auch im Dorf ging alles seinen gewohnten Lauf. So saßen sie eine halbe Stunde auf den Stufen und studierten den Fund, bis Ferdi anmerkte: „Wollen wir das mal ausprobieren. Klingt doch ganz nett, oder?“ Anton nickte nur mit dem Kopf und schaute mit offenem Mund den Scherenschnitt eines Engels mit Trompete an.

Sie machten sich sofort ans Werk, denn der Kalender verriet ihnen, dass nur noch drei Tage bis Heiligabend blieben. So kaufte Anton rote Kerzen und einen Nussknacker, während Ferdi Schritt für Schritt den Teig für die Lebkuchen zubereitete. Am nächsten Tag brachte Ferdi einen wunderschönen Baum aus dem Wald und in der wohligen Wärme des Kamins entfaltete sich der Duft der Tannennadeln im ganzen Haus und vermischte sich mit Zimt und Schokolade vom Plätzchenbacken. Und erst als der Mond schon über die verschneiten Tannen durch das Fenster leuchtete, war der letzte Strohstern fertig.

Am nächsten Morgen durfte Ferdi nicht in Antons Zimmer, denn dieser verpackte gerade liebevoll eine neue Axt in selbst bemalten Geschenkpapier. Ferdi hatte Anton bereits ein paar Gummistiefel gekauft, die er auf dem Dachboden versteckt hatte. So bereitete er schon das Weihnachtsessen vor. Anton schnitt anschließend noch ein paar Engelchen aus Silberfolie genau nach dem Schnittmuster im Buch und gemeinsam schmückten sie den Baum. So tanzten an jedem Zweig Engel ihren Reigen um die Strohsterne.

Anton hatte zum Abend seinen einzigen Anzug angezogen. Die Krawatte hing etwas schief, aber er hatte bestimmt zehn Jahre keine mehr gebunden. Rauchschwaden abgebrannter Streichhölzer streiften durch das Zimmer, während er Kerze für Kerze am Baum anzündete. Die Zweige warfen Schatten an die Wand, die sich mit jedem weiteren entfachten Licht langsam ineinander auflösten. Ferdi schnitt währenddessen den Hirschbraten. Sie aßen oft Hirschbraten mit Klößen, aber diesmal schmückte ein Spitzendecke von Ferdis Großmutter mit einer glitzernden Kerze den Tisch. Ein festlicher Schmaus, wie es im Buche stand. „Wollen wir?“, fragte Anton. „Ja“, antwortete Ferdi und mit gefüllten Mägen schritten sie zum Baum. Ferdi überreichte Anton sein Geschenk und wünschte mit andächtigem Ton: „Frohe Weihnachten“ – „Danke, auch dir gesegnete Feiertage!“ Anton schaute seinem Freund friedvoll in die Augen und übergab ihm die Axt. Beim Auspacken sangen sie leise „Ihr Kinderlein kommet“. Vor dem Fenster wirbelten einzelne Schneeflocken, als wollten sie hinein. Ferdi stand mit der blinkenden Axt vor dem Baum und die munteren, kleinen Flammen spiegelten sich eine ganze Weile in seinen Augen. „Und nun?“, fragte er. „Keine Ahnung!“, erwiderte Anton und blätterte ratlos in dem Buch.

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Novemberfarben Sehnsucht

9 Kommentare Add your own

  • 1. Silencer  |  Dezember 13 um 2009

    Geht es nicht allen Kinderlosen irgendwie so?

  • 2. Donkys Freund  |  Dezember 13 um 2009

    Ich denke nicht, denn die basteln keine Strohsterne, oder?

  • 3. Max  |  Dezember 20 um 2009

    Welch feine Pointe! 🙂 🙂 🙂

  • 4. Donkys Freund  |  Dezember 20 um 2009

    Schön, dass ich erheitern konnte. 🙂

  • 5. Max  |  Dezember 20 um 2009

    Ich verlinke Deine schöne Geschichte bei mir. Ich hoffe meine fürchterlich faulen Leser wachen irgendwann auf und schaffen es mal die linke Maustaste zu benutzen und neue Welten entdecken…!

  • 6. Nearly Christmas! « Max Fight Club  |  Dezember 20 um 2009

    […] Das wunderbare Weihnachtsbuch […]

  • 7. Donkys Freund  |  Dezember 20 um 2009

    Darüber freue ich mich sehr.
    Kenne ich. Ein Link ist oft ein Klick zu viel. 😉

  • 8. eva  |  Dezember 20 um 2009

    Ich denke wenn Anton und Ferdi das begreifen worum es geht , wird die Frage nicht mehr gestellt „Und nun“ und „Keine Ahnung“ da bin ich mir sicher !!! 😉

  • 9. Donkys Freund  |  Dezember 20 um 2009

    Völlig korrekt.

    Das Ende hat wohl auch den ironischen Unterton, dass Gebimmel, Geschenke und Kekse ob aus Büchern oder sonst woher nicht die Seele des Festes treffen.

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