Hans IV (Fortsetzung)

September 4 at 2009 7 Kommentare

Fortsetzung von Teil 1

Die Lage war heikel: Hans, der Wellensittich, wollte die Klimaschwankungen in Deutschland nicht wahrhaben. Sein Freund Kolumbi, der Holzwurm, hatte den Ernst der Lage noch nicht erkannt, wie sensibel entflogene Wellensittiche auf Kälte reagieren. Und „sensibel" ist noch milde ausgedrückt.

Bubu, die Blindeule, machte sich zunehmend Sorgen um das ungleiche Paar. Wenn jemand die Lage überblickte, war es Bubu. Wobei „Überblicken" vielleicht das falsche Wort ist, denn Bubu konnte vor allem nachts sehr schlecht sehen. Das kann eine Eule, die vorwiegend nachts ihrer Beute auflauert, sehr behindern. So jagte sie lieber mit Taschenlampe. Die arglosen Eichhörnchen konnten ja nicht ahnen, dass das Licht der Taschenlampe nicht von einem verirrten Wanderer geführt wird. Deshalb knusperten sie meist leichtsinnigerweise weiter an ihren Nüssen. Ein folgenschwerer Irrtum.

Die Blindeule war so weise, dass sie wirklich auf jede Frage eine Antwort parat hatte, und sei es „Ja!" oder „Nein!". Manchmal wusste sie sogar schon eine Antwort auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. Diesmal zum Beispiel auf die Frage: „Überlebt Hans den Winter?" Das ist eine wirklich wichtige Frage, vor allem für Hans, aber sie hatte tatsächlich noch niemand offen gestellt. Also fragte sie Hans in einer ruhigen Minute (und sie hatte wirklich viele ruhige Minuten): „Überlebst du den Winter?" Die Frage war dann doch etwas voreilig, denn Hans entgegnete entrüstet: „Na klar, ich habe noch jeden Winter, wie ihr ihn nennt, überlebt! Ist doch dasselbe wie der sogenannte Sommer, nur etwas weißer. Und wenn die Heizung erstmal wieder geht…" Er drehte sich beleidigt weg. Kolumbi hörte aufmerksam zu. „Im Park gibt es keine Heizung. Das habe ich dir doch schon erzählt!", warf er ein und wandte sich an Bubu: „Aber wir überleben doch auch ohne Heizung, glaube ich, oder?" Bubu schüttelte den Kopf: „Wir schon, aber Hans lebt eigentlich in Australien!" – „Das ist mir neu", meckerte Hans IV schnippisch. Bubu nickte mit dem Kopf, breitete ihre Flügel über die beiden und flüsterte: „Ich glaube, du hast dich schon entschieden, stimmt’s, Hans? Pass gut auf ihn auf, Kolumbi". Dann segelte sie ins Dickicht des Waldes, während Kolumbi ihr staunend hinterherblickte.

So vergingen einige Tage und die beiden Freunde wechselten kaum ein Wort. Der Kanten vom Christstollen, den Hans vor einigen Tagen im Gebüsch fand, war fast aufgefuttert und die restlichen Krümel wurden von einem heftigen Windstoß von der Parkbank weggefegt, als Kolumbi sagte: „Du musst wieder zurück!". – „Warum?", entgegnete Hans mit schwacher Stimme, „wenn es hier wirklich keine Heizung gibt, dann überlebe ich eben ohne. In Australien gibt es ja auch keine Heizung." Er wusste inzwischen, dass er sich selbst etwas vorgaugelte, denn er hatte über Bubus Worte lange nachgedacht. Ja, er hatte sich entscheiden. Hans sah Kolumbi mit wässerigem Blick an und rief: „Ich bin doch frei, oder?" Der Holzwurm schluckte und schwieg.

An einem Montagmorgen war Hans weg. Einfach weg. Raureif bedeckte den Platz, auf dem er die letzten Tage fast regungslos gesessen und Kolumbis Vorträgen über die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen von Buchenarten gelauscht hatte. Kolumbi schwante Übles. Elli, die Elster, erzählte wenig später, dass sie beobachtet hatte, wie Hans in den dunklen Wald geflogen war, aber Elstern darf man keinen Glauben schenken.

Kolumbi war todunglücklich. Er vermisste seinen besten Freund und alle tröstenden Worte halfen nicht. Er überließ sogar Borkenkäfern kampflos seine Holzlöcher und selbst die feinste Edeltanne schmeckte ihm nicht mehr. Die Maulwürfe schlugen Saltos zu seiner Unterhaltung. Das sieht wirklich lustig aus, denn Maulwürfe schaffen nur halbe Saltos und bleiben kopfüber in der Erde stecken. Lustig für alle, nur nicht für Kolumbi. Hätte doch Hans auf ihn gehört. Ein Käfig ist doch immer noch besser als der Tod. Meinte er.

Kolumbi mümmelte gerade lustlos eine morsche Zaunlatte, als Bubu sich zu ihm setze. „Hast du Lust auf einen Ausflug?", schlug sie vor. „Ach, nee!", nuschelte Kolumbi. „Doch komm, ich habe von einem prima Aussichtspunkt gehört und brauche dich, damit ich mir nicht den Kopf stoße." Der Holzwurm zögerte. Doch die Eule blieb beharrlich sitzen und schaute Kolumbi unentwegt an. „Wenn es sein muss!", seufzte Kolumbi schließlich und kroch in Bubus Gefieder. Nach einem kurzen Flug mit einigen Beulen ließ sich Bubu auf einem Jägerzaun nieder. „Und jetzt?" Kolumbi bahnte sich einen Weg aus den Federn. Bubu sagte: „Weiter können wir nicht, hier beginnt Menschenland. Das ist zu gefährlich. Ich kann doch so schlecht sehen. Schau doch mal dort über den Rasen!" Der Holzwurm mühte sich auf Bubus Kopf und lugte angestrengt über einen Garten. In zwanzig Metern Entfernung stand ein kleines, gelbes Haus und durch das Fenster funkelte ein Weihnachtsbaum mit wohligem Licht. Ein kleines Mädchen kam gerade auf das Fenster zu. Auf dem Fensterbrett standen ein Porzellanengel und ein Käfig. Ein Käfig? „Ein Käfig!", schrie Kolumbi auf, „und Hans pickt an seinem geliebten Spiegel!". Der grüne Wellensittich schien sehr zufrieden. „Er lebt!", überschlug sich die Stimme des kleinen Holzwurmes und er purzelte Bubus Rücken hinunter. „So, so, wenn das so ist", bemerkte die Eule und lächelte milde. Kolumbi fragte aufgeregt: „Darf ich zu ihm?" – „Das ist nicht unsere Welt!", mahnte Bubu, "Lass uns wieder fliegen!" – „Sein geliebter Spiegel…", flüsterte Kolumbi und lächelte das erste Mal seit Wochen. Er verstand zwar die Blindeule nicht, vertraute ihr aber und kuschelte er sich wieder in Bubus Kleid. Bubu schwang ihre Flügel und flog wieder in den Wald.

„Spekulatius!", zwitscherte der Vogel fröhlich, als das Mädchen ihm einen kleinen Teller in den Käfig stellte. Er liebte es, gemütlich durch das Fenster das Treiben im Garten zu beobachten und dabei Spekulatius zu knuspern. Doch kurz hielt er inne, als eine Eule vom Jägerzaun abhob und etwas ungelenk in den Wald verschwand. „Für dich, Pucki, aber friss nicht so schnell!", sagte das Mädchen. Pucki hörte sie aber nicht und seine Flügel fingen zu zittern an, als er der Eule nachschaute. Leise flötete er in seinen Bart: „Wie es wohl da draußen so ist? Ob es da draußen im Wald wohl einen Spekulatiusgarten gibt?"

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7 Kommentare Add your own

  • 1. Raven  |  September 4 um 2009

    Puh, hast du Glück, dass die Geschichte doch noch gut ausgegangen ist, sonst hätte ich vor lauter Flennen hier einen See hinterlassen. *schnief*

  • 2. Donkys Freund  |  September 4 um 2009

    Tja, einige Fragen bleiben jedoch offen:

    Wo ist Hans IV?
    Wusste Bubu von Pucki?
    Ist Pucki der nächste Wellensittich im Wald?

  • 3. Raven  |  September 4 um 2009

    Wie jetzt? Ist Hans nicht Pucki? Mach mich bitte jetzt nicht fertig.

    Ich bin in solchen Dingen wie: Tiere hilflos in der bösen fremden Menschenwelt, höchst sensibel und nah am Wasser gebaut.

    Wenn das kein gutes Ende nimmt, garnatiere ich für nichts!

  • 4. Donkys Freund  |  September 4 um 2009

    *Reich‘ ein Taschentuch*
    Tapfer sein: Nein, Pucki ist nicht Hans, sieht ihm aus 20 Meter nur zum Verwechselkn ähnlich. Wobei es natürlich sein könnte, dass Hans dem Mädchen zugeflogen ist und jetzt Pucki heißt… hmmm. Wirklich ziemlich offen das Ganze.

  • 5. Donkys Freund  |  September 4 um 2009

    …so, ich fürchte, jetzt ist es eindeutiger…

  • 6. Silencer  |  September 8 um 2009

    Ach wie traurig. Eine schöne und erwachsene Geschichte, die insb. Bubu mehr Charaktertiefe verpasst. Ich musste das Ende zwei Mal lesen, weil ich dachte „Hans ist doch nicht wirklich…“. Ist er aber. Mutig.

  • 7. Donkys Freund  |  September 8 um 2009

    Vielen Dank. 😀 Taugt so etwas als eigenständige Geschichte für nicht Eingeweihte (z.B. Buch)?

    Wäre es weniger traurig gewesen, wenn der freiheitsliebende Hans wieder unglücklich in seinen verhassten Käfig zurückgekehrt wäre? Außerdem wurde durch dieses Missverständnis (?) die Trauer Kolumbis deutlich gemildert.

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