Hans IV

September 2 at 2009 3 Kommentare

„Gestatten, Hansi, meine Freunde nennen mich Hans“, stellte sich der grüne Vogel dem Holzwurm vor, als er ihn gerade ausgewürgt hatte.

Eigentlich mögen Wellensittiche gar keine Holzwürmer, aber er hatte Hunger und noch keinen Cracker-Baum mit Honig und Vitamin D im Park gefunden. Kolumbi nahm es ihm nicht krumm, schüttelte sich kurz und sagte. „Willkommen im Park, Hans! Wo kommst du denn her?“ Hans flatterte aufgeregt von Ast zu Ast und zwitscherte: „Zwei Jahre saß ich im Käfig und schubste einen langweiligen Plastikvogel von rechts nach links. Jetzt will ich die Welt sehen. Das ist doch hier die Welt, oder?“- „Eigentlich der Park.“, grübelte Kolumbi. Für einen Holzwurm ist schon ein Park ziemlich groß und so wusste er auch nicht, dass Hans nicht der erste entflogene Wellensittich mit Namen Hansi war. Der vierte, um genau zu sein.

Der erste saß eine Woche verängstigt in einer Astgabel, bis er einfach erschöpft ins Gras plumpste und dort auch liegen blieb. Die anderen Parktiere dachten, er wäre ein Durchreisender. Das war auch am einfachsten, denn er störte ja niemanden. Der zweite entpuppte sich als pingeliger Möchtegern-Papagei und zupfte alle Herbstblätter von den Zweigen für eine freie Sicht und mehr Ordnung. Er versammelte eine Schar Spatzen um sich herum, die in den ganzen Tag vergötterten und bedienten. Zu gern wären sie auch so schön blau gewesen. Außerdem erzählte er immer so aufregende Geschichten von Mäusen, die Kater verprügelten oder einem Fisch, der mutig bis Australien in ein Aquarium einer Arztpraxis geschwommen war, um seinen Sohn zu retten. So musste sich der Schnösel um nichts kümmern außer um sein Gefieder. Bis der Winter kam und Hans II plötzlich keine Geschichten mehr erzählen konnte und er schließlich bibbernd auf dem frei gezupften Zweig langsam hinwegdämmerte. Der dritte Hans lebte nur einen Tag im Park. Er hätte nicht mit der Katze spielen sollen, wie er es zu Hause immer mit dem dicken Langhaardackel tat. Katzen sind da nicht zimperlich, aber woher sollte Hans III das wissen? Und dabei wollte er doch nur einen kurzen Ausflug machen.

„Herrliche 22 °C habt ihr hier. So mag ich es!“, rief Hans IV. „Wie bitte?“, entgegnete Kolumbi verdutzt, denn er hatte nicht wie der Wellensittich jahrelang ein Zimmerthermometer neben sich stehen. Eigentlich wusste der Holzwurm noch nicht einmal, was ein Thermometer ist. „Ich meine, hier ist gut geheizt“, versuchte Hans zu erläutern. „Ist ja auch Sommer!“, warf Hotz, der Hirschhase, ein. Inzwischen waren einige Parkbewohner hinzugekommen, um neugierig den neuen Gast zu beäugen. Er war im Vergleich zu seinen Vorgängern ein wirklich munterer und aufgeschlossener Geselle. „Sommer?“ Nun war Hans etwas verwirrt, denn Jahreszeiten kannte er nicht. Nur 22°C eben. „Ja, Sommer! Noch!“ – „Aha“, murmelte der Sittich und verstand kein Wort.

Hans lebte sich schnell ein und fand in Kolumbi einen echten Freund. Kolumbi half ihm beim Suchen eines Cracker-Baums. Zwar fanden sie keinen, dafür aber unzählige Abfallkörbe mit vertrauten Leckereien wie Reste von Brötchen oder Müsliriegeln. Hans wagte sich sogar an einige Gräser und Samen, vorausgesetzt, diese sahen Hirse einigermaßen ähnlich. Abends lauschte Kolumbi mit leuchtenden Augen den Anekdoten über Eichenvitrinen und Baumkuchen aus Hansis altem Leben. So ganz konnte sich Hans noch nicht von seinen Gewohnheiten lösen und fand deshalb auch das Trinken aus Pfützen ziemlich ekelig. Zumindest ersetzten diese Lachen seinen heißgeliebten Käfigspiegel ein wenig. Bis er seinem Spiegelbild das übliche Küsschen gab. Dann war es weg. Gemeinsam erforschten die beiden den ganzen Park. Der Wellensittich flog und der Holzwurm übergab sich dabei auf seinem Rücken mit Sägespäne. Ein Riesenspaß! „Frei wie ein Vogel!“, schrie Hans über den Park, wobei er fast vergaß, selbst einer zu sein.

Aber immer wenn er den anderen Parkbewohnern übermütig die Riesenfete zu seinem Jahrestag in Freiheit ankündigte, vernahm er nur betretenes Schweigen. Außer Kolumbi, der vor Freude hüpfte, wie ein Holzwurm eben hüpfen kann. Er kannte das Schicksal von Hans II nicht. „Was ist? Wollt ihr nicht? Ach egal, dann feiern wir eben jetzt schonmal!“, trillerte der Ex-Hausvogel und zeigte auf einen dicken Hamburger, den er im Abfall gefunden hatte. Die Tiere ließen sich nicht zweimal bitten und die Stimmung hellte sich auf. Hans’ Partys hatten sich inzwischen weit herum gesprochen. „Ich bleib’ noch ein bisschen oben“, rief der kleine Maulwurf ins Loch und kroch schnell zum Baumstumpf, auf dem Hans wieder einen neuen Menschenwitz zum Besten gab. Zum Brüllen, diese Menschen! Es war dank Hansi der beschwingteste Sommer, den es je im Park gab…

Hans IV beschwerte sich immer öfter über die kaputte Heizung. Auch gingen die Spaziergänger immer eiliger über die blätterbedeckten Wege, ohne irgendwelche Picknickreste in die Abfallkörbe zu werfen. Wieder hatte jemand das Licht so früh ausgemacht und Hans zitterte, egal wie aufgeplustert er auch in der inzwischen kargen Baumgabelung kauerte. „Was ist mit mir los?“, wisperte er verzweifelt, „Kolumbi, was ist bloß mit mir los?“ – „Das ist ganz normal, keine Angst, das ist der Herbst“, beruhigte ihn Kolumbi und knusperte ein Stück Rinde. Hans sah ihn mit großen Augen an: „Herbst?“

Die Lage war heikel: Hans, der Wellensittich, wollte die Klimaschwankungen in Deutschland nicht wahrhaben. Sein Freund Kolumbi, der Holzwurm, hatte den Ernst der Lage noch nicht erkannt, wie sensibel entflogene Wellensittiche auf Kälte reagieren. Und „sensibel“ ist noch milde ausgedrückt.

Bubu, die Blindeule, machte sich zunehmend Sorgen um das ungleiche Paar. Wenn jemand die Lage überblickte, war es Bubu. Wobei „Überblicken“ vielleicht das falsche Wort ist, denn Bubu konnte vor allem nachts sehr schlecht sehen. Das kann eine Eule, die vorwiegend nachts ihrer Beute auflauert, sehr behindern. So jagte sie lieber mit Taschenlampe. Die arglosen Eichhörnchen konnten ja nicht ahnen, dass das Licht der Taschenlampe nicht von einem verirrten Wanderer geführt wird. Deshalb knusperten sie meist leichtsinnigerweise weiter an ihren Nüssen. Ein folgenschwerer Irrtum.

Die Blindeule war so weise, dass sie wirklich auf jede Frage eine Antwort parat hatte, und sei es „Ja!“ oder „Nein!“. Manchmal wusste sie sogar schon eine Antwort auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. Diesmal zum Beispiel auf die Frage: „Überlebt Hans den Winter?“ Das ist eine wirklich wichtige Frage, vor allem für Hans, aber sie hatte tatsächlich noch niemand offen gestellt. Also fragte sie Hans in einer ruhigen Minute (und sie hatte wirklich viele ruhige Minuten): „Überlebst du den Winter?“ Die Frage war dann doch etwas voreilig, denn Hans entgegnete entrüstet: „Na klar, ich habe noch jeden Winter, wie ihr ihn nennt, überlebt! Ist doch dasselbe wie der sogenannte Sommer, nur etwas weißer. Und wenn die Heizung erstmal wieder geht…“ Er drehte sich beleidigt weg. Kolumbi hörte aufmerksam zu. „Im Park gibt es keine Heizung. Das habe ich dir doch schon erzählt!“, warf er ein und wandte sich an Bubu: „Aber wir überleben doch auch ohne Heizung, glaube ich, oder?“ Bubu schüttelte den Kopf: „Wir schon, aber Hans lebt eigentlich in Australien!“ – „Das ist mir neu“, meckerte Hans IV schnippisch. Bubu nickte mit dem Kopf, breitete ihre Flügel über die beiden und flüsterte: „Ich glaube, du hast dich schon entschieden, stimmt’s, Hans? Pass gut auf ihn auf, Kolumbi“. Dann segelte sie ins Dickicht des Waldes, während Kolumbi ihr staunend hinterherblickte.

So vergingen einige Tage und die beiden Freunde wechselten kaum ein Wort. Der Kanten vom Christstollen, den Hans vor einigen Tagen im Gebüsch fand, war fast aufgefuttert und die restlichen Krümel wurden von einem heftigen Windstoß von der Parkbank weggefegt, als Kolumbi sagte: „Du musst wieder zurück!“. – „Warum?“, entgegnete Hans mit schwacher Stimme, „wenn es hier wirklich keine Heizung gibt, dann überlebe ich eben ohne. In Australien gibt es ja auch keine Heizung.“ Er wusste inzwischen, dass er sich selbst etwas vorgaugelte, denn er hatte über Bubus Worte lange nachgedacht. Ja, er hatte sich entscheiden. Hans sah Kolumbi mit wässerigem Blick an und rief: „Ich bin doch frei, oder?“ Der Holzwurm schluckte und schwieg.

An einem Montagmorgen war Hans weg. Einfach weg. Raureif bedeckte den Platz, auf dem er die letzten Tage fast regungslos gesessen und Kolumbis Vorträgen über die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen von Buchenarten gelauscht hatte. Kolumbi schwante Übles. Elli, die Elster, erzählte wenig später, dass sie beobachtet hatte, wie Hans in den dunklen Wald geflogen war, aber Elstern darf man keinen Glauben schenken.

Kolumbi war todunglücklich. Er vermisste seinen besten Freund und alle tröstenden Worte halfen nicht. Er überließ sogar Borkenkäfern kampflos seine Holzlöcher und selbst die feinste Edeltanne schmeckte ihm nicht mehr. Die Maulwürfe schlugen Saltos zu seiner Unterhaltung. Das sieht wirklich lustig aus, denn Maulwürfe schaffen nur halbe Saltos und bleiben kopfüber in der Erde stecken. Lustig für alle, nur nicht für Kolumbi. Hätte doch Hans auf ihn gehört. Ein Käfig ist doch immer noch besser als der Tod. Meinte er.

Kolumbi mümmelte gerade lustlos eine morsche Zaunlatte, als Bubu sich zu ihm setze. „Hast du Lust auf einen Ausflug?“, schlug sie vor. „Ach, nee!“, nuschelte Kolumbi. „Doch komm, ich habe von einem prima Aussichtspunkt gehört und brauche dich, damit ich mir nicht den Kopf stoße.“ Der Holzwurm zögerte. Doch die Eule blieb beharrlich sitzen und schaute Kolumbi unentwegt an. „Wenn es sein muss!“, seufzte Kolumbi schließlich und kroch in Bubus Gefieder. Nach einem kurzen Flug mit einigen Beulen ließ sich Bubu auf einem Jägerzaun nieder. „Und jetzt?“ Kolumbi bahnte sich einen Weg aus den Federn. Bubu sagte: „Weiter können wir nicht, hier beginnt Menschenland. Das ist zu gefährlich. Ich kann doch so schlecht sehen. Schau doch mal dort über den Rasen!“ Der Holzwurm mühte sich auf Bubus Kopf und lugte angestrengt über einen Garten. In zwanzig Metern Entfernung stand ein kleines, gelbes Haus und durch das Fenster funkelte ein Weihnachtsbaum mit wohligem Licht. Ein kleines Mädchen kam gerade auf das Fenster zu. Auf dem Fensterbrett standen ein Porzellanengel und ein Käfig. Ein Käfig? „Ein Käfig!“, schrie Kolumbi auf, „und Hans pickt an seinem geliebten Spiegel!“. Der grüne Wellensittich schien sehr zufrieden. „Er lebt!“, überschlug sich die Stimme des kleinen Holzwurmes und er purzelte Bubus Rücken hinunter. „So, so, wenn das so ist“, bemerkte die Eule und lächelte milde. Kolumbi fragte aufgeregt: „Darf ich zu ihm?“ – „Das ist nicht unsere Welt!“, mahnte Bubu, „Lass uns wieder fliegen!“ – „Sein geliebter Spiegel…“, flüsterte Kolumbi und lächelte das erste Mal seit Wochen. Er verstand zwar die Blindeule nicht, vertraute ihr aber und kuschelte er sich wieder in Bubus Kleid. Bubu schwang ihre Flügel und flog wieder in den Wald.

„Spekulatius!“, zwitscherte der Vogel fröhlich, als das Mädchen ihm einen kleinen Teller in den Käfig stellte. Er liebte es, gemütlich durch das Fenster das Treiben im Garten zu beobachten und dabei Spekulatius zu knuspern. Doch kurz hielt er inne, als eine Eule vom Jägerzaun abhob und etwas ungelenk in den Wald verschwand. „Für dich, Pucki, aber friss nicht so schnell!“, sagte das Mädchen. Pucki hörte sie aber nicht und seine Flügel fingen zu zittern an, als er der Eule nachschaute. Leise flötete er in seinen Bart: „Wie es wohl da draußen so ist? Ob es da draußen im Wald wohl einen Spekulatiusgarten gibt?“

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Erfolgsrezept Hans IV (Fortsetzung)

3 Kommentare Add your own

  • 1. Miki  |  September 3 um 2009

    Lieber Hans IV, Du brauchst Dich vor dem Herbst und dem Winter nicht zu fürchten. Hier in der Stadt gibt es einen Schwarm grüner Sittiche – da ist vor x Jahren mal ein Pärchen aus dem Käfig entwischt, und jetzt vermehren sie sich fröhlich und leben jahrein, jahraus draußen.

  • 2. Donkys Freund  |  September 3 um 2009

    Nett, dass Du Hans IV Mut machst, aber ich bin da etwas pessimistischer. Die Halsbandsittiche am Rhein sind keine Wellensittiche und selbst diese dezimieren sich im Winter von selbst. Hier der traurige Artikel. Aber vielleicht gibt es ja eine andere Lösung.

  • 3. Donkys Freund  |  September 4 um 2009

    So, inklusive Fortsetzung.

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