Worte auf der Goldwaage: Man

April 3 at 2009 12 Kommentare

"Man" ist alles nur nicht "ich" allein. "Man" heißt entweder, "alle, nur nicht ich " oder "alle, deshalb ich auch ". Oder "ich, deshalb du auch " (mit der Variante "Die ganze Welt, deshalb du auch ). Der Extremfall lautet "Du, ich eigentlich nicht ." Manche sagen auch "du" anstatt "man".  Allen voran Oliver Kahn. "Du must immer konzentriert sein im Tor!" Wer, ich? Wenn überhaupt "man" und das dann auch nur für Torhüter.

"Man" ist die beste Lösung, Verantwortung aus dem Weg zu gehen. "Man sollte mal…" heißt zum Beispiel oft "OK, wer fängt an? ". Oder hat jemals  "Man sollte sich mal wieder treffen ." zum Erfolg geführt? "Ich" auszusprechen, erschreckt einfach zu sehr, auch Nicht-Torhüter.

Der Klassiker: "Das macht man nicht!". Das ist die Mutter des Gewissens. Das tumbe Gefühl der Ohnmacht oder die Aufforderung, genau das Gegenteil zu machen. Und beides aus einem Grund: Man kennt "man" nicht (Da war es wieder…). "Man" ist das ausgesprochene Überich. Das Wort in diesem Sinne ist Gift. Die Steigerung dieses Universal-"man" bedeutet "die ganze Welt ". Dagegen ist gar kein Kraut gewachsen, höchstens wenn ich erwidere: "Warum eigentlich?".

Es existiert jedoch noch eine Killer-Variante von "Man sollte mal…". Die schlimmste Variante ist nämlich das subtile "man" als Aufforderung. Bedeckte Offenheit. Die Menschen, die das Wort so infiltrieren, fühlen sich komischerweise überproportional oft missverstanden und haben es meistens mit unsensiblen Leuten zu tun. Es bedarf einfach auch höchster Einfühlsamkeit in die Hirnwindungen und Seelenströme dieser Unverstandenen, um ein "Man sollte mal…" als "Mach mal!" oder ein "Man sollte ja nicht.." als "Das war aber doof von dir! " zu interpretieren.

Man hat es schon schwer mit dem "man"!

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2. April Projekt 52: Türen und Tore

12 Kommentare Add your own

  • 1. Schildmaid  |  April 3 um 2009

    Damit hast Du eines meiner Lieblingshassthemen wundervoll beschrieben!
    Ja, hinter einem „man“ lässt sich prima verstecken, was als eigene Meinung anderen unter gejubelt werden soll, ohne sich als eben diese zu erkennen zu geben. Mir kommt das sehr geheuchelt vor. Aber ich bin da wohl sensibel, denn ich möchte nicht allen Personen, die mit mir zu tun haben und dieses Wort so inflationär nutzen, Heuchelei unterstellen. Meistens verwenden sie es aus Bequemlichkeit, oder weil alle es verwenden (nur ich nicht, war ja klar. 🙄 ).

  • 2. bee  |  April 3 um 2009

    Ah, da knipse ich den Sprachgeschichtler in mir an, der das Wort noch in seiner eigentlichen Bedeutung sehen will: der man ist, als generisches Maskulinum, der Mensch an sich, Männlein sowie Weibchen, was mich beim emanzipatorisch korrekt herausgefaselten „Das sieht frau aber anders!“ immer höchst erheitert. Manche Frauen scheinen sich also nicht als Menschen zu sehen 😉

    Es ist gerade eben noch ersichtlich, wie der man in unseren Pronomina herumspukt, wie aus ie man, also „jeder Mensch“, der zum Jedermann und zum damit zu einem Jemand wird und in der Verneinung der nie man zum Nichtjemand, also ein Niemand. (Parallele dazu: „jemals“ und „niemals“, da wird’s noch ein bisschen klarer, weil sich die Aussprache seitdem verändert hat; im Mittelhochdeutschen sprach man die Vokale noch getrennt wie im Russischen njet.)

    Das ist die Mutter des Gewissens. Das tumbe Gefühl der Ohnmacht oder die Aufforderung, genau das Gegenteil zu machen.

    Das stimmt. Man ist zum einen die Mehrheit und zum anderen der vernünftige, moralisch idealisierte Mensch als Endprodukt der göttlichen Schöpfung, einsortiert in das strenge Denksystem einer Philosophie, die keine Ausnahmen kennt und sich durch bloße Anwesenheit begründet und stabilisiert. Der man ist der, der wir eigentlich alle sein wollen, sein sollten oder müssten, wenn’s ihn denn überhaupt gäbe. Und so wird das Wörtchen für die Mehrheit gerne auch als Mehrzahl verwendet; da heißt es im spätmittelalterlichen Mainzer Hof zu Erfurt etwa: szo man den mastschwynen gersten malen – „Wenn sie [die Bauern] den Mastschweine Gerste [zu Futter] mahlen“. Und noch mal aus dem Mainzer Hof: szo man die pferde beschlagen hott, sal er mit dem schmit aneschnyden – „Wenn [ein Oberackerbauer] die Pferde beschlagen hat, muss er dem Hufschmied eine Kerbe [ins Kerbholz] schneiden.“ Das macht „man“ eben so, denn es handelt sich um eine Vorschrift, die das Vertragsrecht zwischen Bauer und Schmied regelt. Und wer sich nicht an Vorschriften hält, der ist entweder ein Depp oder ein Verbrecher – beides nicht gerade wünschenswert im Mittelalter.

    Wie weit diese mittelalterliche Weltordnungslehre noch bis in die Neuzeit hineingriff, zeigen Julius Wilhelm Zinkgrefs Apophtegmata, der Deutschen scharfsinnige kluge Sprüch (1625): Wie man gottselig leben, christlich regieren, Land und Leuten wol fürstehen soll – und der Jemand ist hier ein Fürst, der sich seine Portion Überich anholen soll, damit er keinen Unsinn anstellt.

    Die Sprache unserer Zeit individualisiert; nur im äußersten Notfall würde einer noch zugeben, ein Mensch sei wie der andere ein Herdentier. Im Gegensatz zu der einen, moralisch unumstößlich feststehenden Mehrheitsmeinung, aus der sich keiner ausschließen darf, ohne gleich völlig geächtet zu werden, können wir heute innerhalb gewisser Grenzen denken, sagen und tun, was wir lustig sind. Nur in moralischen Momenten sind wir wieder die Alten: das macht man nicht heißt eigentlich „Du bewegst Dich außerhalb der vorfabrizierten Kategorien“. Gerade da, wo wir es nicht hören wollen, guckt der Idealmensch durch und hebt den Zeigefinger zum kategorischen Imperativ: Man sollte viel mehr Obst essen. „Vernünftige Menschen“, sagt der Alte, „kauen täglich Grünzeug, Du aber stopfst Dich mit Schokolade voll und bist folglich doof“. Auf unmoralisches Verhalten kommt es nicht mehr an, heute kann man auch anders differenzieren – da ist der andere eben geschmacklos, ein Lahmarsch oder nicht auf der Höhe der Zeit. Und schon ist er nicht Teil der Mehrheit.

    Schön sichtbar wird es in einer Textsorte, die zu den interessantesten Kulturdokumenten in Bezug auf den Imperativ gehört, in den Kochbüchern. Da hat sich mit Beginn der Bürgergesellschaft das sanft empfehlende Man nehme einen Topf durchgesetzt. Du, anonymer Suppenschmied, setzt jetzt das Ding aufs Feuer! (Heutige Kochbücher klingen wie eine Mischung aus Bastelanleitung und Marschbefehl: 1. Topf nehmen und auf den Herd stellen.) Die Rezepte bis zum ausgehenden Mittelalter begannen mit einem klaren Imperativ: Nimm einen Topf. Das differenziert nicht. Das sagt nur aus, weil’s hier eben nichts zu moralisieren gibt.

    Aber das darf man ja heute kaum noch sagen, es klingt alles so… unkorrekt 😉

  • 3. Donkys Freund  |  April 3 um 2009

    @ schilldmaid: nein, ich denke auch, dass das Wort einfach schon zu tief drin ist. Aber „ich“ zu sagen, ist eben deutlichverbindlicher und das ist unbequem.

    @ bee: Das ist wirklich eine interessante Abhandlung! 🙂
    Die Individualisierung geht aber rein taktisch nur so weit, wie sie auch individuell nutzt. Ansonsten weichen wir gern auf Regeln aus, die ein „man“ rechtfertigen.

  • 4. Silencer  |  April 3 um 2009

    Das man „man“ nicht sagt, habe ich als Konfirmand irgendwie von unserem Pastor gelernt. Wenigstens das. Seitdem versuche ich mich präszise auszudrücken und reagiere auf „Man sollte…“ gar nicht mehr.

  • 5. juf  |  April 4 um 2009

    Wenn manche „Du“ statt man sagen, sagen die dann auch „duche“?

  • 6. Donkys Freund  |  April 4 um 2009

    @ Silencer: Dass Pastoren dies beibringen ist schon selten! Alle Achtung! „Man sollte…“ ist tatsächlich Schall und Rauch.

    @ juf: Nein, aber Dusche… 😉

  • 7. bee  |  April 4 um 2009

    @ Donkys Freund: Ja, da hast Du recht. Ich dachte hier auch eher an Fragen wie „Was trägt man denn heute so?“ (heißt: „Bin ich unmodern, wenn ich keinen gestreiften Einreiher im Schrank habe?“). Hat auch etwas mit Regeln zu tun, der Anpassungsdruck (Schneckeneier in Safrantrallala lecker finden, ein iDings besitzen usw.) trägt ja fast Züge zu einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit, wie man sie früher nur für moralische Fragen fand.

    Wenn ich es jetzt noch mal lesen, das mit der „Mutter des Gewissens“ und dem Überich fand ich wirklich sehr treffend formuliert, voll auf den Punkt 🙂

  • 8. Ulf Runge  |  April 5 um 2009

    Man könnte jetzt einiges erwidern auf diesen Beitrag.
    Aber ob man das dann so rüberbringt.
    Man könnte ja falsch verstanden werden.
    Man-chmal.

    Ich finde Deinen Beitrag sehr gut, sehr witzig, und doch ernst zugleich. Sprache ist verräterisch.

    Und da ich mich nicht verraten will, sage ich nicht mehr, „Man sollte den Mülleimer runter bringen.“ Ich sage statt dessen: „Der Mülleimer ist voll.“
    Vielleicht sage ich aber auch: „Wenn Du das Gefühl hast, dass der Mülleimer zu voll ist, bla bla bla“

    Alles man-frei.

    Es geht.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  • 9. Donkys Freund  |  April 6 um 2009

    @ bee:Interessanter Gedanke, wenn man ihn mal trivial weiterspinnt: Konsum = Mora

    @ Ulf: Danke.
    Klasse Alternative zu „man“ hast Du Dir da ausgedacht. Funktioniert bestimmt immer! 😉

  • 10. alexandra  |  April 7 um 2009

    hach, ich versuche es ja auch zu vermeiden, aber zwecklos. das wird einem in die wiege gelegt 🙂

  • 11. Donkys Freund  |  April 8 um 2009

    Da ist was dran. So ein bisschen Selbstkontrolle tut mir persönlcih aber ganz gut, weil es zu mehr Verbindlichkeit anspornt.

  • […] 26, 2009 "Müssen " ist das verbalisierte Pendant zu "Man ". "Du  musst mal mein Fahhrad reparieren" (Family) oder "Wir müssen wieder […]

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