Heutzutage

März 27 at 2009 10 Kommentare

Nun habe ich ja schon einige Worte und Phrasen (Zum Wohl , Mahlzeit , Aber-Und   und Werter als Anrede) durchleuchtet. Alle sind mehr oder weniger gebräuchlich. Ein anderes Wort war bis vor einiger Zeit bei mir nie genutzt, jetzt aber schon und das macht mir Angst: Heutzutage!

Das Pendant zu "Heutzutage" lautet nämlich "Damals" und das ist ganz lange her. Solange her, wie seinerzeit (auch ein schönes Wort) meine Großeltern an Vergleiche zur Vorkriegszeit zurückdachten, wenn sie sagten "Heutzutage ist alles ganz anders…".

Wenn ich "Heutzutage" benutze, heißt das meistens, dass sich etwas ganz, ganz stark geändert hat. So stark, dass ich es nicht mehr verstehe. Meistens schimpfe ich dabei auch ganz fürchterlich. Und das alles ist sehr bedenklich. Halte ich mich doch für einen weltoffenen, dynamischen, flexiblen Vierziger, der auf Höhe der Zeit lebt und die Lage im Blick hat (und die Jugend heutzutage). Mit diesem Wort entlarve ich mich aber selbst. Ich gehöre nämlich nicht zu "Heutzutage". Mit 15-30 Jahren war das noch ganz anders. Da sprachen andere über mich, wenn sie mit einem "Heutzutage…" ihre Ratlosigkeit ausdrückten.

Ich fühle mich zumindest nicht allein gelassen mit dem Begriff. Er nimmt an Stellenwert im Umfeld zu. Vielleicht nicht im Wortlaut, aber auch "Ich erinnere mich noch, als…" oder "Inzwischen ist ja…" sind ein verkapptes "Damals" oder "Heuzutage" . Das beruhigt und schafft Gesprächsthemen. Ist ja auch wichtig.

Man muss sich eben anpassen. Man wird ja auch nicht jünger. (Die nächste Folge von "Das Wort auf der Goldwaage" dreht sich um das Wort "man".)

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Fragestunde im Wald Pariser Besuch aus den USA

10 Kommentare Add your own

  • 1. Wortman  |  März 27 um 2009

    „Ich erinnere mich noch, als…“

    Dieser Satz wird sicherlich mehr genutzt als das „Heutzutage“. Ich benutze den oberen Satz oftmals, wenn ich die schönen Europreise sehe 😉

    Das Problem mit dem Damals-Heutzutage ist wohl auch, es waren teilweise ganz andere Zeiten.
    Mein Vater sagte oft, man ging zu seinem Chef, sagte „Meier zahlt ne Mark mehr pro Stunde und ich kündige“ und Chef dann: „Ok, 1,50 und du bleibst“.
    Heute würde ein Chef sagen. „Bist ja immer noch da“ 😉

  • 2. bee  |  März 27 um 2009

    Der Mensch ist ein nostalgisches Tier, ein Vergangenheitsfetischist – damals, als die Brötchen zehn Pfennige kosteten und die kleinen Mädchen Röcke trugen, da war alles einfacher, sauberer, billiger, schöner, wärmer, und es gab noch keine digitalen Bilderrahmen. Sie wollen alle ihren Kaiser Willem wiederhaben. Oder den Holzmichl. Sie wollen den Fetisch, nicht die Bewältigung.

    Aber heutzutage – tief in unseren Nasenlöchern ist noch immer der Geruch von damals. Es müffelt ein bisschen, aber das will ja keiner zugeben. Heutzutage, da müssen wir uns mit Dingen auseinandersetzen, von denen wir damals noch nicht mal haben wissen können, dass es sie gibt.

    Weil der Mensch auch ein paradoxes Tier ist. Er bastelt sich eine Statistik zusammen, mit der er relativ schlüssig darlegen kann, wie sich in den nächsten dreißig Jahren die Benzinpreise entwickeln – ob es in dreißig Jahren überhaupt noch Benzin gibt, das will er gar nicht wissen. Vorsichtshalber. Dann kann er nämlich in dreißig Jahren sagen: „Ja damals, da hatten wir noch… und da mussten wir doch… aber heutzutage!“ Der Verdränger verdrängt, dann kann er in der Zukunft viel angenehmer nach hinten gucken. Das ist bequem, sichert dem Stammtisch seine Gesprächsthemen und enthebt uns der Verantwortung, wenn wir im dermaleinst aktueller Heutzutage-Zeit sagen können: „Wenn die Brötchen so teuer sind und der alte Holzmichl nicht mehr lebt, was sollen wir denn da noch tun?“ Und so machen sie, was sie am besten können: herumsitzen, lamentieren und besserwissen, was sie schon immer nicht gewusst haben.

    Übrigens gab es in der guten alten Zeit wirklich nur Dinge, die wirklich gut waren – mit Ausnahme der Sachen, die genau so beschissen sind wie heutzutage.

  • 3. Donkys Freund  |  März 27 um 2009

    @ wortman: Das ist eben die Frage, ob es ganz andere Zeiten waren, oder ob wir die Änderungen einfach nicht fassen können oder gar wollen. Bee hat das wunderbar zusammengetragen. Herrlich! Du hast auch schon ein gan einfaches Synonym für „Heutzutage“ direkt genutzt: „Heute“ 🙂

    @ Bee: Ganz super beobachtet. 🙂 Der Mensch braucht eine Wahrheit, weil er sich sonst unwohl fühlt. Für die Zukunft ein Modell und für die Gegenwart eben eine möglichst gute Rechtfertigung für Einstellung und Verhalten. Und da muss eben die Vergangenheit für ein möglichst bequemes Wertegerüst herhalten. Was nicht passt, wird passend gemacht.

  • 4. Schonzeit  |  März 27 um 2009

    Damls ist nicht zwingend lange her. Denn bereits einige Monate nach der Euro Einführung hörte ich zum ersten mal: Damals, als wir die D-Mark noch hatten…

    Damals kann auch letzte Woche gewesen sein, wenn es nur darum geht, den Leuten klarzumachen, dass heutzutage ja alles Schrott ist. 😉

  • 5. Wortman  |  März 27 um 2009

    So manche Änderungen wollen wir auch nicht fassen… sei mal ehrlich, ab und an rechnest du auch nochmal in D-Mark, oder? 😉

    Ob „früher“ wirklich alles besser war, wage ich ebenso zu bezweifeln, denn viele von uns waren zu den Zeiten entweder noch sehr klein oder gar nicht auf der Welt… in dem Sinne definieren wir dann das „gute damals“ wohl eher aus den Erzählungen unserer Eltern/Großeltern…

  • 6. Donkys Freund  |  März 28 um 2009

    @ Schonzeit: Richtig, damals ist relativ. Die Zeit zu damals nimmt proportional zur empfundenen Veränderung ab. 😉

    @ Wortman: „Damals“ = Gute Erinnerungen. In dem Sinne ist zwangsläufig alles besser. 🙄

  • 7. semmy  |  März 28 um 2009

    Merkwürdigerweise dachte ich eine ganze Weile, dass ich nach wie vor einen Draht zur Generation nach mir habe. Doch seit dem Jugendwort des Jahres und meinem gestrigen Ausflug mit ein paar Bundies ahne ich, dass ich schon entfremdet bin und das gerade mal mit einem Unterschied von 10 Jahren.

    Und tatsächlich verwende ich „Heutzutage“ und „Damals“ auch nur dann, wenn ich zum Ausdruck bringen will, wenn sich etwas geändert hat, was meiner Ansicht nach früher besser war. Und ich stimme Schonzeit dabei zu. Die Zeit ist dabei wirklich relativ. Beispielsweise reicht in der Arbeitswelt derzeit ein Jahr schon aus, um gravierende Mängel/Unterschiede festzustellen.

    Sehr spannend alles. Sehr gute Beobachtung, bin schon sehr neugierig auf deine nächste Abhandlung zum Thema.

  • 8. bee  |  März 28 um 2009

    @ Schonzeit:

    Damals kann auch letzte Woche gewesen sein

    Also noch gehöre ich nicht zu den Leuten, die „damals“ und „heutzutage“ nehmen statt „vor der Party“ und „nach der Party“ 😉

  • 9. Donkys Freund  |  März 29 um 2009

    @ semmy: Die Frage ist, was eigentlich „besser“ ist. Was wirklich besser ist, oder was nur besser passt.

    @ Bee: Da ist die Welt ja noch in Ordnung. Apropos Party: Gute Ergänzung zu „Heutzutage “ ist: „Habe ich nicht mehr nötig…“ 😉

  • […] Freund schreibt auf Donkys Welt über „Heutzutage“. Und dass sich der aktive Wortschatz wohl doch mit den Jahren ändert. Dass er heutzutage ein […]

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