Wie Hotz ein Hirschhase wurde

Januar 30 at 2009 3 Kommentare

"Wie kann man nur den ganzen Tag still den Kopf durch das Loch stecken? Was für ein Job! Und wie bekommt er das sperrige, unnütze Kopfgestell abends zurück durch die Wand?" Hotz, der Hase, schüttelte mit dem Kopf. Fröhlich machte er öfter mal einen kleinen Umweg, um auf das Fensterbrett des grünen Häuschens am Waldesrand zu springen und durch die Scheibe zu schauen.

Hotz

Hotz

Rechts auf dem Regal thronte ein Waldkauz auf einem kleinen Sockel mit einem goldenen Schildchen ‚Waldkauz‘. "Angeber!", rief Hotz durch das Fenster, aber der Vogel rührte sich nicht. Bewundernd schaute er auf die andere Seite des Zimmers, wo ein Mauswiesel auf zwei Beinen auf einem Holzast balancierte. Der Hirsch schaute gegenüber ziemlich dämlich aus der Wand, auch wenn sein Geweih recht imposant wirkte. Hotz konnte Hirsche nicht leiden, weil sie so wichtig taten. Er fand Wichtigtuerei angeberisch. Seine Mutter hatte immer mit beschwichtigendem Tonfall gesagt: "Hirsch ißt man lieber als Hase.", nachdem sie regelmäßig laute Gewehrschüsse in den Bau gescheucht hatten.  Das verstand er überhaupt nicht. Warum ißt man Hirsch lieber als Hase? Hotz musterte den Hirschen missmutig. Er wollte gerade vom Fensterbrett springen, als er nur einen dumpfen Schlag vernahm. Dann wurde es um ihn herum dunkel.

Herr Gerbenbeck klingelte an der verschnörkelten Klingel am grünen Häuschen. ‚Wilhelm Franke, Präparator‘ stand in geschwungender Schrift auf dem Schildchen. Es hatte lange gedauert, bis er seine Frau überreden konnte, ein ausgestopftes Tier über den Kaminsims zu hängen oder darauf zu stellen. Als passionierter Jäger hatte er aufgrund einer Sehschwäche leider noch kein geeignetes Tier erlegt. Also hatte er ein paar Euro für den Kauf eines Exemplars bei Herrn Franke zurückgelegt. Seine Frau fand die Idee eigentlich widerlich und verlangte zumindest ein Mitspracherecht.  Ein Kompromiss eben.

"Herr Gerbenbeck? Einen Moment. Ich mache auf!", hörte das Ehepaar einen Ruf durch die Tür. Herr Franke öffnete beherzt und führte nach einem kurzen Plausch die beiden in seinen Ausstellungsraum. Ein  ganzer Zoo schien hier auf engem Raum zusammengestellt zu sein. Selbst unter dem Tisch breitete ein Bussard seine Flügel aus, abgedeckt mit einer Plastikfolie. "Voila, bitte schön! Suchen Sie sich was aus. Nur die feinsten Präparationen." Frau Gerbenbeck rümpfte die Nase.

Als Hotz mit dickem Schädel seine Augen öffnete, fand er sich in einer grob gezimmerten Kiste wieder. Diese roch neu nach Harz und Leim. Er erschrak, kannte er doch gar keinen Leimgeruch. Vor der offenen Kiste war ein Drahtgeflecht gespannt. Der Leim tropfte aus einer Ecke auf ein Salatblatt, ein anderer Tropfen war schon darauf getrocknet. Etwas entfernt erblickte er durch die Drahtmaschen einen Schotterweg hinunter einen Wegweiser in Richtung des grünen Häuschens, neben dem sein kleines Gefängnis stand. ‚Ausgestopfte Tiere für jedermann‘ konnte er schemenhaft erkennen. Der Hase konnte kaum atmen. Ausgestopft! Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Schnell ahnte er, was dieses Wort bedeutete. Der Kauz, das Wiesel, der Hirsch: Alle waren also tot und wahrscheinlich mit Stroh gefüllt und er saß in einem Stall neben dem Haus mit eben diesen toten und mit Stroh gefüllten Kreaturen. Das war kein gutes Zeichen. Er verschwendete keinen Gedanken mehr daran, über den Hirschen zu spotten. Langsam stiegen ihm die Tränen in die Augen.

"Schatzi, was willst du denn jetzt?" Herrn Gerbenbecks Stimme klang verzweifelt. "Auf jeden Fall kommt mir kein Geweih ins Haus. Was denken denn die Nachbarn. Und auch nichts mit Federn, die nur vor sich hin stauben!", erwiderte seine Frau schnippisch. Herr Gerbenbeck fasste sich an den Kopf:  "Dann bleiben ja nur noch Wiesel und Marder. Das sieht doch so was von hässlich aus!" – "…und Hasen!", entgegnete die Gemahlin. Herr Gerbenbeck drehte übertrieben den Kopf hin und her und jammerte: "Siehst Du hier einen Hasen, meine Liebe?"

Hotz hörte die Unterhaltung durch das Fenster. Er versuchte sich besonders klein zu machen und kauerte in einer Ecke, als aber schon die Hintertür des grünen Häuschens quietschte und eine Stimme sagte: "Da habe ich was für Sie!" – "Aber nichts mit Geweih!" wiederholte Frau Gerbenbeck mit forderndem Ton. Herr Franke beruhigte: "Nein, einen Hasen! Wie gewünscht, nur noch nicht präpariert". In den Stall lugten nun zwei skeptische Blicke und Hotz zitterte inzwischen am ganzen Leib. "In einer Woche wäre er fertig. Die Pose können Sie sich sogar aussuchen: sitzend, springend, aufrecht.", erklärte Herr Franke. Herr Gerbenbeck seufzte resigniert, als ihn seine Frau fragend mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute: "Na gut, dann eben einen Hasen." Dann verschwanden die drei wieder im Haus.

Hotz erfasste die nackte Panik. Mit aller Wucht sprang er gegen die Holzwände, immer und immer wieder. Die Kiste wackelte zwar, aber es bot sich keine Lücke für die Flucht. Stattdessen verschmierte ihm der Leim seine Blume. Niedergeschlagen legte er sich ramponiert auf das spärlich verteilte Stroh. "Aber nichts mit Geweih!", schoss ihm immer wieder durch den Kopf. "Aber nichts mit Geweih!", hatte die Frau vorhin gesagt. Er leckte sein geschundenes Fell, als er den ekligen Geschmack eines Leimtropfens auf der Zunge spürte. Er stockte kurz. "Das ist es! Kein Geweih!" Hotz sprang erregt auf. Er blickte sich hektisch um und wenig später rieb er seine Ohren an jeder Wand, bis sie ihm schrecklich weh taten. Jeder Tropfen Leim und Harz benetzte seine Lauscher mehr, bis diese nur so trieften. "Ich habe ein Geweih! Ich habe ein Geweih!" wimmerte Hotz verwirrt und schlief wenig später völlig erschöpft wieder ein.

"Was ist das denn?", weckte ihn ein Schrei."Ich habe ein Geweih!", krächzte Hotz noch im Tran, als ob ihm die Kehle zugeschnürt wäre. "Das ist ja eklig! Das kriege ich doch nie mehr aus dem Fell raus", rief Herr Franke entsetzt, als er den Hasen sah. Dessen Ohren und auch Teile des Fells waren hart verkrustet mit einem Harz-Leim-Gemisch. "Ich muss Herrn Gerbenbeck anrufen. Das wird nichts mit dem Hasen! Mist, verdammter!", fluchte er. "Ich habe ein Geweih!", wiederholte Hotz monoton, als Herr Franke unwirsch den Stall öffnete. Er packte Hotz an den Hinterläufen und schleuderte ihn über den Zaun auf den harten Schotter. "Schade um jedes Salatblatt.", rief er ihm hinterher. Dann stampfte er wütend in das grüne Häuschen und schlug mit lautem Knall die Hintertür zu.

Als Hotz nach dem schweren Aufprall zu sich kam, torkelte er Stunden benommen durch den Wald. Das grüne Häuschen, das noch durch die Bäume schimmerte, war dem Hasen fremd. Er wusste nicht mehr, wo er war und vor allem warum. Kein Gedanke war noch an seinem Platz. Seine Ohren waren steif wie ein Brett. "Ich habe ein Geweih! Ich habe ein Geweih!", murmelte er mit dünner Stimme immer und immer wieder in sich hinein.  "Ich bin kein Hase mehr, sondern ein Hirschhase.", bestimmte er. Endlich verstand er seine Mutter. "Hirsch ist man lieber als Hase", hatte sie  doch immer gesagt. So war das also! "Guck mal, Mama!", flüsterte Hotz noch etwas schwach, "Jetzt habe ich sogar ein Geweih."

Langsam wurde sein Gang sicherer. Entfernt sah er einige Rehe grasen. Plötzlich beschlich ihn ein seltsam wichtiges Gefühl. Ein sehr wichtiges. Er blickte einmal rund um sich auf Wald und Wiese und nickte. Stolz hob der Hirschhase den Kopf, streifte noch ein paar Harzkrümel vom Fell, und während sein Ohrengeweih wippte, hoppelte er humpelnd, aber zielstrebig auf die nichts ahnenden Rehe zu.

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Abflug verpasst (mit Skizze) Diebe im Park!

3 Kommentare Add your own

  • 1. Nachschub « Donkys Welt  |  Juli 14 um 2009

    […] Wer noch nicht weiß, wie aus einer Ente ein Buchfink wird, der lese hier. Wie gefährlich treuherzig Pekingenten sein können, wird in dieser Anekdote deutlich. Wer schwache Nerven hat, sollte jedoch nicht wissen wollen, dass Hirschhasen eine Vergangenheit haben. […]

  • 2. Projekt 52: Hallo Welt « Donkys Welt  |  Januar 17 um 2010

    […] Januar 17 Es war ein hartes Stück Arbeit, Hotz zu überzeugen, als Maskottchen des Projekts 52 mitzumachen. Kein Wunder, denn anstatt eines Maskottchens fühlt er sich als König des Waldes. Mit dieser Einschätzung  steht er zwar ziemlich allein und die Hirsche als rechtmäßige Herrscher buddeln ihn auch regelmäßig im Laub ein, aber was hilft es. Er ist eigentlich ein Hase, aber um sich mehr Respekt zu verschaffen, hat er seine Ohren mit Haarspray eingesprüht, um mit diesem Geweihimitat als Hischhase durchzugehen. (Treue Leser kennen den durchgeknallten Typen schon länger. Er war aber nicht immer durchgeknallt. Das hat eine tragische Vorgeschichte.). […]

  • 3. Projekt 52: Verwandtschaft « Donkys Welt  |  März 21 um 2010

    […] Hotz hat grundsätzlich auch starke Hirnstromschwankungen, wenn er Feldhasen begegnet. Zuviel böse Erinnerungen, die er mit Nachdruck verdrängt. “Kenn’ ich nicht”, kreischt er bei jeder Begegnung und rennt in die nächstgelegene Höhle. Zu tief sitzt das Trauma, als er erst durch einen instinktiven Trick einem Präparator entkam, der ihn für einen Kaminsims herrichten wollte. Wer mehr hierzu wissen will, der lese hier. […]

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