Weihnachten im Lotusgarten

Dezember 16 at 2008 10 Kommentare

Sing Lang

Kurz nachdem die Glocke ertönte, konnte er immer einen Blick erhaschen. So postierte sich der Erpel zwischen Abtropfsieb und Knoblauchpresse und wartete. Heute Abend war viel Betrieb und so zappelte er aufgeregt, dass sich endlich wieder die Klappe öffnete.  

„Ding!“, machte es. „Schweinefleisch Kung Pao und gebratene Nudeln mit Krabben für Tisch 33!“. Li, der Koch, öffnete die Luke und stellte zwei Teller in die Durchreiche. Sing Lang schnatterte leise, reckte seinen Hals und lugte durch die Bambuspflanze, die auf der anderen Seite der Durchreiche im Restaurant wucherte. Direkt neben dem Aquarium mit den chinesischen Zierfischen blinkte es bunt. So hell, dass sich für einen kurzen Moment die Lichterkette des Plastikweihnachtsbaums in der Edelstahlwand des mächtigen Küchenblockes spiegelte. So etwas hatte Sing Lang noch nie gesehen. Es war wunderschön!  

„Eigentlich dürfen Enten nicht in der Küche spazieren gehen. Aber weil Du so schön singen kannst, mache ich eine Ausnahme“, hatte der Koch einst gesagt, als Sing Lang noch ganz klein war. ‚Schön’ ist vielleicht etwas übertrieben, aber Sing Lang konnte wirklich lang singen. Der Erpel hatte einen kleinen, überdachten Käfig im geschützten Innenhof des Restaurants ‚Lotusgarten’. Dieser war umgeben mit einer Mauer und ab und zu ruhte sich ein Rabe auf ihr aus, verschwand aber schnell wieder und der Erpel hörte nur noch lange sein Krächzen.  

So ging Sing Lang in der Küche ein und aus und durfte zugucken, wenn Li brutzelnd chinesische Leckereien zubereitete. Natürlich fiel immer wieder das ein oder andere Bambus-Stückchen für ihn ab. „Merke Dir nur, dass Du nie in den Gastraum gehst! Hast Du verstanden? Nie!“, sagte er mahnend. Li lächelte selbst, wenn er mahnte. Es war ein herrliches Leben im Lotusgarten. So stellte er sich China vor. Das war seine Welt. Manchmal waren auch andere Enten zu Gast. Sie wirkten oft sehr verwirrt und lungerten auch nur ein oder zwei Tage in einer Ecke eines grob gezimmerten Stalls. Dann schickte Li sie wieder weg. Jedenfalls waren sie nicht mehr da, wahrscheinlich weil sie nicht so gut singen konnten.  

„Ding!“. Wieder trat Sing Lang nervös von einem Watschelfuß auf den anderen, als er die glitzernden Lametta-Girlanden sah, die über die künstlichen Nadeln gelegt waren. Das war Weihnachten! „Bald ist Dein großer Tag.“, sagte Li neben ihm und lächelte wieder. „Ja, mein großer Tag. Das wird bestimmt schön“, seufzte der Erpel träumerisch in sich hinein.

Drei Tage nach dem großen Weihnachtsbüffet war das Restaurant geschlossen. Alle waren geschafft von der anstrengenden Arbeit und auch Li konnte kurz mal nicht lächeln, aber nur kurz. Schon zauberte er wieder ein paar Köstlichkeiten für die interne Weihnachtsfeier und sang ein Lied. Sing Lang sang mit und Li lächelte. Die ganze Zeit stand die Durchreiche offen. Wie das funkelte. Blau, grün und wieder rot und die Kunststoffherzen tanzen munter unter den Zweigen und spiegelten sich im Aquarium. Wie gern würde er den Baum mal von Nahem bewundern.  

Die Kellner und Putzhilfen saßen schon an einem Tisch und plapperten laut. Es war eine entspannte Weihnachtsfeier und gern hätte Sing Lang dabei gesessen, direkt beim Baum. „Ach, heute sind ja keine Gäste da“, machte er sich selbst Mut und sprang in den Gastraum. Er watschelte um das Aquarium und wollte gerade nach oben blicken, als er einen festen Griff am Hals spürte, der ihm die Luft nahm. Panisch flatterte er und hörte nur: „Eine Ente, eine Ente!“. „Was macht die denn hier? Der Ententeich ist doch hundert Meter hinter dem Haus? Raus mit ihr!“. Die Aufregung war groß und er strampelte um sein Leben. Langsam wurde der Ente  schwarz vor Augen und sie nahm nur noch eine Tür wahr, die laut ins Schloss fiel.  

Sing Lang kam langsam zu sich. Es wehte ein kalter Wind und der Drache vor dem Restaurant schaute ihn bedrohlich an. Der Gehweg war mit einer dünnen weißen Schicht überdeckt. Weit entfernt krächzten die Raben auf einer Hochspannungsleitung. Sing Lang kannte den Himmel nur als quadratischen Ausschnitt über seinem Innenhof und war erstaunt und erschreckt zugleich, wie weit er die Straße hinunterblicken konnte. Er wich flatternd zurück als ein einsames Auto vorbeibrauste. Eine Windböe erfasste ihn und mit einem bis zwei Flügelschlägen mehr hätte er über die Garage zum Ententeich sehen können, wo sich zwei Artgenossen gegenseitig zwischen den Schilfblättern wärmten. Stattdessen landete er unsanft auf dem Fensterbrett. Schemenhaft konnte er die Lichter des Weihnachtsbaumes durch die Gardinen erkennen. Verwirrt drängte er sich an die kalte Backsteinwand. Lange Zeit verharrte er zitternd vor dem Fenster. Und es wurde kälter und kälter.  

„Habt Ihr Sing Lang gesehen?“. Li rannte aufgeregt aus der Küche in den Gastraum. „Wen?“, kam als erstaunte Antwort zurück. „Eine Ente, meine Ente!“, rief der Koch barsch. „Wir haben hier vorhin eine verirrte Ente rausgeschmissen. Können wir denn wissen, dass Du eine Ente hast?“. Li hatte schon die Tür aufgeschlossen und „Sing Laaang!“, schallte durch die leeren Straßen. Nur Stille war die Antwort. Hätte Li sich nicht mit verzweifelter Mine am Drachen abgestützt, wäre ihm der regungslose Erpel auf der Fensterbank nicht aufgefallen. „Sing Lang, was machst Du? Habe ich Dir nicht verboten, in den Gastraum zu gehen? Bald ist doch Dein großer Tag!“, atmete er erleichtert auf.   Aber Sing Lang’s Kopf nickte nur nach vorn.   

Als er die Augen langsam öffnete, sah er einen Engel. So wie ein Engel aussehen muss, mit weißen Flügeln und Trompete, sah dieser ihn friedlich an. „Hast Du wieder Blut in den Adern?“, hörte er eine vertraute Stimme. Li lächelte, nein, er lachte fast. Sing Lang schaute sich um. Er saß in einer karierten Decke direkt neben dem Weihnachtsbaum, dessen LED-Lampen schillernd ihre Farben wechselten. Und der Engel schaute in Plastikgestalt von der Spitze herab. Vor ihm stand ein Schüsselchen mit Morcheln und die Angestellten des Lotusgartens unterhielten sich angeregt. „Das ging ja noch mal gut. Schon am 1. Januar ist doch dein großer Tag! Ruhe dich erstmal aus und mach’ es dir gemütlich“. Sing Lang hielt inne und genoss den lebhaften Frieden, die sanfte Musik und vor allem das Lichtermeer neben ihm. Mehr benötigte er nicht. „Großer Tag? Was kann es schöneres geben als im Warmen Weihnachten unter einem wundervollen Plastikbaum zu sitzen, gemeinsam mit Li’s Freunden?“, dachte er sich nur und wackelte mit dem Hinterteil, um sich noch mehr in die Decke zu kuscheln.  

Doch Sing Lang hatte bereits die Antwort auf seine Frage. Als er vorhin frierend vor der Tür stand, las er „Großes Neujahrsbuffet mit Pekingente“ auf einem Zettel neben dem Aushang der Speisekarte. Eine Pekingente sollte er also werden. Das klang sehr wichtig. Eine echte Pekingente! „Was ich da wohl machen muss?“, murmelte er stolz und seine Augen funkelten bunt im Schein der Lichter des prachtvollen Plastikweihnachtsbaumes.

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10 Kommentare Add your own

  • 1. Renee  |  Dezember 16 um 2008

    ne oder?! wo sind die lammkottlets? hoffe doch sehr, dass donky rechtzeitig eintrifft 😉

  • 2. Donkys Freund  |  Dezember 16 um 2008

    Nun, Du weißt ja, dass Sing Lang inzwischen Parkbewohner ist. 😉

  • 3. Silencer  |  Dezember 16 um 2008

    Ein wenig Hintergrund, sehr fein. Bitte unbedint auch für Hotz, das ist einer meiner persönlichen Lieblinge.

  • 4. Renee  |  Dezember 17 um 2008

    ich bin ja froh, dass es ein rückblick ist und kein SiFi *hehe*

  • 5. Donkys Freund  |  Dezember 18 um 2008

    Hotz‘ Hintergrund? Der will nur in den Vordergrund! Aber ich frag‘ mal. 😉

  • 6. Schocktherapie « Donkys Welt  |  März 12 um 2009

    […] Und wir dachten, die Gefahr sei gebannt! Nachdem Sing Lang aus dem ach so gemütlichen, aber für Pekingenten gefährlichen (Restaurant) Lotusgarten gelockt wurde, hatte die Pekingente immer noch eine allzu leichtgläubige Bindung an den Koch, als […]

  • […] ich beim 7,90 € – Buffet im Lotusgarten diese schicken Schlabbergefäße gesehen hatte. Moment, Lotusgarten ist einigen ein Begriff? In Kürze mehr von einem aufregenden Besuch in der Höhle des Löwen… 13. April: […]

  • 8. Hausgeist in Gefahr! « Donkys Welt  |  April 23 um 2009

    […] im Hals oder beschwört Mungo. Und wenn sie Mungo beschwört, hat sie meistens Angst. Li, ihr Ex-Kochim Restaurant Lotusgarten  hatte ihr einst offenbart, dass sie irgendwann eins sein wird mit den Mungo-Keimlingen. […]

  • 9. Nachschub « Donkys Welt  |  Juli 14 um 2009

    […] ein Buchfink wird, der lese hier. Wie gefährlich treuherzig Pekingenten sein können, wird in dieser Anekdote deutlich. Wer schwache Nerven hat, sollte jedoch nicht wissen wollen, dass Hirschhasen eine […]

  • 10. Christbaumschmuck  |  November 24 um 2011

    […] #split {}#single {}#splitalign {margin-left: auto; margin-right: auto;}#singlealign {margin-left: auto; margin-right: auto;}#splittitlebox {text-align: center;}#singletitlebox {text-align: center;}.linkboxtext {line-height: 1.4em;}.linkboxcontainer {padding: 7px 7px 7px 7px;background-color:#CFCFD1;border-color:#CFCFD1;border-width:0px; border-style:solid;}.linkboxdisplay {padding: 7px 7px 7px 7px;}.linkboxdisplay td {text-align: center;}.linkboxdisplay a:link {text-decoration: none;}.linkboxdisplay a:hover {text-decoration: underline;} function opensplitdropdown() { document.getElementById('splittablelinks').style.display = ''; document.getElementById('splitmouse').style.display = 'none'; var titleincell = document.getElementById('titleincell').value; if (titleincell == 'yes') {document.getElementById('splittitletext').style.display = 'none';} } function closesplitdropdown() { document.getElementById('splittablelinks').style.display = 'none'; document.getElementById('splitmouse').style.display = ''; var titleincell = document.getElementById('titleincell').value; if (titleincell == 'yes') {document.getElementById('splittitletext').style.display = '';} } Der Tannenbaum als Weihnachtsbaum oder Christbaum – garteninfo-blog – Gartentipps für Sie vom GärtnermeisterKabellose Christbaumkerzen Krinner Lumix Deluxe Basis-Set bis 26% reduziertWeltgrösste Tiergeschichtensammlung Weihnachten im Lotusgarten […]

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  • Willkomen in der verrückten Welt von Donky, der Ente, und seinen Freunden!
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