Pommes für Finkel

Dezember 1 at 2008 5 Kommentare

"Ich beantrage die Aufnahme in den Buchfinkenclub."

"Du bist aber eine Ente!"

Finkels offizielle Buchfinkenlaufbahn begann wenig vielversprechend. Der Oberbuchfink im Allgäu musterte Finkel von unten bis oben. Watschelfüße, grüner Kopf, gelber Plattschnabel. Der Oberbuchfink schüttelte mit dem Kopf und schaute nach oben. "Nein, du bist außerdem zu groß und zu dick."

"Kräftig!", entgegenete Finkel etwas beleidigt. "Meine Mutter ist Buchfink, meine Geschwister sind Buchfinken, dann werde ich wohl auch ein Buchfink sein, oder nicht?" Da hatte er Recht. Es ist bis heute unklar, wie ein Entenei in ein Buchfinkennest geraten kann. Die weit verbreitete Vermutung lautet, es wäre ein Streich der berüchtigten Elsternbande gewesen.

Finkel mag keine Spatzen.

Finkel mag keine Spatzen.

"Ja, das habe ich gehört.", zwitscherte der Oberbuchfink etwas nachdenklich. "Aber du siehst aus wie eine Ente." Er blieb hart. "Kennst du denn den Buchfinkenruf?", fragte er skeptisch.

"Natürlich!", entrüstete sich Finkel. Der Erpel fühlte sich nicht ernst genommen, wie so oft. Seine einzige Freundin war Buchhilde , die Ententante. "Jeder ist, was er fühlt! Basta!", schnatterte sie, wenn sich die anderen Enten am Forggensee wieder mal über Finkel amüsierten.

Als Finkel damals größer und größer wurde, schickte ihn seine Buchfinken-Mama zu den Entenküken zum Spielen. "Da bist du besser aufgehoben.", war ihre einfache Begründung. Sie hatte so eine Ahnung. "Zum Essen kannst du ja noch kommen." Finkel verstand damals die Welt nicht mehr, und die anderen Küken merkten schnell, dass Finkel nicht wie eine echte Ente quakte. Bei jedem "Quäkiki  Quäki" versuchten sie schnell, ihn in der Reihe abzuhängen. Was war das peinlich! Zu allem Übel hasste Finkel seine Watschelquanten und schwamm lieber mit paddelnden Flügeln. So war er immer der Letzte und fühlte sich als das Letzte.

"Natürlich kann ich den Buchfinkenruf.", wiederholte er und hob seinen Kopf. "Quäkiki Quäki", erschallte es laut. "Mit ‚ü’", nicht mit ‚ä‘!", versuchte der Oberbuchfink, die Lage zu retten, denn er hatte etwas Mitleid. "Hmmm…", überlegte er angestrengt und suchte nach einer Lösung: "Eins muss jeder Buchfink können. Wenn du das schaffst, darfst du Sondermitglied im Buchfinkenclub sein." Der Oberbuchfink schüttelte schon jetzt den Kopf über seine eigene Idee.

"Was denn, was denn?", kreischte Finkel und seine Flügelfedern zitterten.

"Du musst im Biergarten einem Menschen einen Pommes klauen!", sprach der Oberbuchfink ernst, "Siehst du dort hinten den Tisch? Du hast fünf Minuten Zeit. Ich gebe dir den Tipp, erst etwas teilnahmslos im Kies rumzupicken, und dann dich unauffällig von der Messerseite zu nähern."

Aber Finkel hörte gar nicht mehr zu. Mit einem wilden "Quükiki Quüki" flog er den Tisch direkt an. Übermütig streifte er einen Sonnenschirm, der mit Gepolter auf ein Tablett mit Aschenbechern fiel. Mit großem Geschrei floh die Kleinfamilie inklusive Oma vom Tisch, als Finkel die karierte Tischddecke beim Landen stürmisch zusammenschob und das Besteck zu Boden schepperte. Es dauerte bestimmt eine viertel Stunde, bis sich die Lage im Biergarten wieder beruhigte und der Ketchup von den Stühlen gewischt war.

Der Oberbuchfink staunte nicht schlecht, als Finkel eine ganze Schale Pommes rot-weiß im Schnabel mitbrachte. Gleichzeitig war er sehr erleichtert, denn mit dieser nicht erwarteten Leistung fiel es im leicht, die anderen Buchfinken zu überzeugen. "Sehr gut! Du bist der beste Buchfink, der mir bis jetzt begegnet ist!", lobte er den stolzen Erpel und lud gleich alle Buchfinken mit einem geschmetterten "Rüttütü Rüttü" zu einer Pommes-Party ein. Finkel konnte es nicht fassen. "Quak, quak, quak!", entfuhr es ihm im Glücksrausch, aber niemand nahm davon Notiz, weil sich alle über die köstlichen Fritten hermachten. Die Geschichte des wagemutigen Buchfinken, der auf einen Streich die Pommes eines ganzen Biergartens erhaschte, breitete sich wie ein Lauffeuer bis nach Österreich aus.

Seit dem ist Finkel anerkanntes Mitglied im Allgäuer Buchfinkenclub. Bei der Disziplin "Nistkasten-Zielfliegen" während der Bundesfinkelspiele kommen manchmal noch leichte Zweifel auf, wenn der Wettkampf unterbrochen werden muss, um den Erpel aus dem Loch zu ziehen. Aber das ist schnell vergessen.

Hier stellt sich Finkel mit neu gelernten Buchfinkenruf vor:

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Logik für Fortgeschrittene LDUNGEN+KURZMELDUNGEN+KURZME

5 Kommentare Add your own

  • 1. Schaps  |  Dezember 1 um 2008

    Haha! Mal wieder eine witzige (diesmal sehr lange) Geschichte..nett nett! 🙂

  • 2. Donkys Freund  |  Dezember 1 um 2008

    Nun, Finkel ist eben auch ein sehr vielschichtiger Charakter. 😀

  • 3. Pfingsten in Kurzform « Donkys Welt  |  Juni 2 um 2009

    […] (Die Ente, die denkt, sie wäre ein Buchfink: Hier die Kurzgeschichte, wie es dazu kam) ist zu Besuch und tritt bei der Wahlkampfveranstaltung der VVV (Vereinigung vielfliegender Vögel) […]

  • 4. Nachschub « Donkys Welt  |  Juli 14 um 2009

    […] noch nicht weiß, wie aus einer Ente ein Buchfink wird, der lese hier. Wie gefährlich treuherzig Pekingenten sein können, wird in dieser Anekdote deutlich. Wer […]

  • 5. Multifunktionsfeier « Donkys Welt  |  Dezember 2 um 2009

    […] Finkel, der Erpel, der sich als Ei nicht ganz freiwillig in ein Buchfinkennest verirrte, ein amtlich anerkannter Buchfink ist, lernen wir die Gewohnheiten auch immer mehr […]

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  • Willkomen in der verrückten Welt von Donky, der Ente, und seinen Freunden!
  • Die meisten Beiträge entstanden aus Handspielen mit meinem Sohn Jan.
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  • Ein Steckbrief des Blogs, Kurzprofile der Figuren und Tipps zur Navigation unter: Neu hier!?
  • Stand der Abenteuer in der Kategorie (Sidebar): Stand der Dinge
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