Die Rollen der Rollen

Oktober 15 at 2008 7 Kommentare

Playmobil, Barbie, wilde Agentenkämpfe oder das Karnevalskostüm: Rollenspiele haben einen festen Platz in der Kinderwelt. Meist aber spielt das Kind allein oder mit anderen Kindern.

Eltern spielen –im wahrsten Sinne des Wortes- nur selten eine Rolle. Vielleicht in ganz jungen Jahren, wenn das Kuscheltier mit piepsiger Stimme einige beruhigende Worte zum Einschlafen murmelt oder Papa als Jens Lehmann im Tor steht und Poldi den Ball in den oberen Winkel semmelt. Aber aus meiner Erfahrung selten als eigenständige Welt oder Figur. 

Dabei haben virtuelle „Kunstfiguren“, ob in Puppenform oder als Schauspielrolle, auch pädagogisch ihren eigenen Charme: 

Dieses Blog ist ja quasi ein Extrakt aus Rollenspielen zwischen meinem Sohn und mir. Eher ein spontanes Ergebnis, meist ohne Plot und Drehbuch. Ich will nun um Himmels willen nicht behaupten, dass diese abgefahrene Welt „pädagogisch wertvoll“ ist. Aber die Dynamik, die sich um die Figuren aufbaut, hat interessante Nebeneffekte neben dem reinen kreativen Zeitvertreib. 

Betonung liegt auf „Nebeneffekte“: Rollenspiele nie instrumentaliseren! Das wird schnell durchschaut, ist nur noch Krampf und kann alles zerstören.

Trotzdem habe ich mal fünf Effekte pseudo-pädagogisch rausgefiltert, wie ich Donky schon „missbraucht“ habe:

Der Dritte-Effekt

Spielt meine Hand Donky, dann ist sie auch Donky und nicht mehr meine Hand. Die Erfahrung habe ich bei allen Kindern, die bisher mit der Bande in Kontakt getreten sind, gemacht. Das hat zur Folge, dass sich Jan mit Donky unterhält und mich dabei (teilweise) vergisst.

Dialoge wie „Hast Du Deine Hausaufgaben gemacht?“ „Jaaaa man!“ hören sich mit Donky anders an. Donky: „Hausaufgaben sind blöd, heute schwimme ich lieber!“ „Du musst die aber machen, sonst lernst Du nichts.“ Jan schlüpft sozusagen in meine Rolle gegenüber Donky, ohne mich zu beachten. Dass ich natürlich Herr über Donky bin und die Unterhaltung etwas steuern kann, ist das fies Gute daran.

Oder einfach, dass ich als Donky und Co mehr erfahre auf die Frage „Wie war die Schule?“ als „Gut!“. Bis ich den Bogen überspanne: Dann ist es doch meine Hand. Die Fantasiewelt hat Grenzen. Jan und andere Kinder können dann wieder ganz klar trennen.

 

Der Labor-Effekt

Mit den Figuren lassen sich Situationen und Gefühle simulieren, seien es Trauer, Hass, Streit oder Spannung, Übermut, Freundschaft. Erfahrungen, Ungewissheiten und Ängste lassen sich so in der behüteten (und gesteuerten) Welt leichter verarbeiten.

Vor unserem Umzug nach Bonn, als Jan aus seinem vertrauten Umfeld in die neue Stadt kam, konnte ich mit Hilfe von Donky etwas vorbereiten. Auch hier gilt: Immer nur ein bisschen! Nicht instrumentalisieren! Aber da Donky das gleiche Schicksal hatte, konnten sie sich „austauschen“ und einige Lösungswege spinnen. Letztendlich lief alles ganz reibungslos. Ob Donky da jetzt eine Rolle gespielt hat, weiß ich zum guten Schluss nicht.

 

Der Support-Effekt

Kinder wollen alles alleine machen. Papa und Mama wissen alles besser und der Stolz wird durch tatkräftige Eltern-Unterstützung bei Bastelarbeiten, Musizieren oder dem Navigieren bei Wanderungen deutlich geschmälert. Auch wenn es nur ein kleiner Fingerzeig war.

Hat Donky jedoch einen Vorschlag, so sieht das anders aus. Meist drücken diese Vorschläge das Gegenteil aus, was ich tatsächlich einbringen wollte. Beispiel: „Drück doch die ganze Tube Uhu auf das Blatt, dann klebt es besser!“  Jans Antwort: „Nein, nur wenig, sonst verschmiert es!“ Aha! Das meinte ich.

Weiteres Einsatzgebiet: Wenn auf Wanderungen doch die Beine zwischenzeitlich mal schwer werden, dienen die Figuren nicht nur zum kurzweiligen Zeitvertreib (Das halte ich nicht lange durch und will es auch nicht.), sondern teilen das Leid kurz, um mit neuem Elan das Abenteuer wieder anzugehen. Oder man macht einen Treffpunkt aus: „Bis gleich, ich fliege schon mal vor auf dem Berg und spanne schon mal das Bungee-Seil!“ „Hä?“. Und weg ist er.

 

Der Vormach-Effekt

Ehefrau schrieb kürzlich über die kreative Energie (hier Taucherbrille), die manchmal nötig ist, um Kindern das Schwimmen beizubringen , wenn diese noch einige „Vorbehalte“ haben. Das Thema hatten wir auch vor drei Jahren.

Und wie kann es anders sein: Donky war auch mit (und zwangsläufig ich als notorischer Schwimmhasser). War zunächst an „Kopf unter Wasser“ und Schwimmzüge, ohne stehen zu können, gar nicht zu denken, so war Holland in Not, als Donky unterging (Auch Enten müssen üben!) und er den Erpel retten musste. Da war schnell die Scheu verschwunden, auch wenn anfangs noch ganz real „Ist doch nur Deine Hand!“ lamentiert wurde. Der entgangene Spaß überwog. Donkys spektakulärer Sprung vom Ein-Meter-Brett war dann auch sehr vorbildlich. Solche lapidaren Beispiele lassen sich durch den Alltag durchziehen. Für große Komplexe taugt das als Hauruckaktion eher nicht.

 

Der Kreativ-Effekt

Basteln, Fotografieren, Schreiben bekommt einen anderen Sinn, wenn sie konkret für die „Verbesserung“ der Welt –der Parallelwelt- geeignet sind. Das gilt übrigens nicht nur für meinen Filius, sondern auch für mich. „Foto-Aufträge“ bringen mehr als zielloses Umherstreifen. Spinnen-Fotos hatte ich zum Beispiel bisher nicht so im Repertoire.

Jan hat Blut geleckt für das Fotografieren, seitdem er für Donky oder einen anderen aus der Bande auf Motivsuche geht (Bald mehr davon). Dass er hier im Blog schreibt, ist natürlich auch nur den Rollenspielen zu verdanken (Also, bitte immer kommentieren, damit das Feuer nicht erlischt!!). Dieser Effekt ist natürlich etwas mehr dem Blog als dem Rollenspiel geschuldet. Das Geschichten-Ausdenken allerdings nicht.

 

Soviel zu den Nebeneffekten der Rollenspiele. Das soll jetzt keine wissenschaftliche Einordung werden. Grundsatz bleibt nämlich immer „Locker bleiben!“, denn der Haupteffekt liegt darin, dass Eltern (oder Väter im Besonderen) etwas kontinuierliches Eigenes mit Kindern erleben können, das nicht allzu viel Aufwand erfordert, flexibel in fast jeder Situation einsetzbar ist, begeistert und trotzdem organisch wachsen kann, ohne gleich perfekt sein zu müssen. Aber nur, wer Lust und Energie dazu hat! (Zeit ist hier nur Thema, wenn Vater und Sohn tatsächlich nur eine Wochenendbeziehung haben)

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Stand der Dinge (1) Mückentanz

7 Kommentare Add your own

  • 1. Schaps  |  Oktober 15 um 2008

    Wow…sehr interessanter Text muss ich sagen. Ich hab es nicht so mit Rollenspielen. Mal sehen ob ich das mit meinen Kindern hinbekommen kann, da ist das dann ja doch immer etwas anderes und macht Spaß. Aber wie du Eingangs schon erwähntest, sowas machen hauptsächlich Kinder und Kinder mit ihren Eltern. Eine Erwachsener der einen imaginären Freund hat oder eine Rolle spielt, der würde mir Angst machen 😀

  • 2. Donkys Freund  |  Oktober 15 um 2008

    Ja, ist schon klar. Erwachsenen-Rollenspiele sind etwas anderes 😉

  • 3. Schildmaid  |  Oktober 15 um 2008

    „pädagogisch wertvoll“ ist etwas für Baumumarmer, imho. :mrgreen: Damit kann ich auch nichts anfangen.

    Ich mag diese Rollenspiele mit meiner Tochter. Habe allerdings nie versucht, sie zu instrumentalisieren. Ich fürchte, dabei bleibt der Spielspass ganz schnell auf der Strecke, weil die Kinder das so fix durchschauen. Die sind ja nicht dumm. 😉

    Ich habe noch nicht erwähnt, dass meine Tochter hier gerne mitliest, nein? Dann wird es aber Zeit! 😀

  • 4. Donkys Freund  |  Oktober 15 um 2008

    So ist es. Bei unseren Rollenspielen gibt es nie eine Absicht. Manches ergibt sich nur mal so.

    „pädagogisch wertvoll“: Gern wird das Prädikat als Alibi für den Kauf eines Kinderbuches von Elternteilen gebraucht, die ihre Neffen beschenken müssen und kurzfristig schnell bei Amazon stöbern. Mit einem „Habe gelesen, soll gut sein.“ lässt sich dann schnell der Wunsch des beschenkten Kindes nach einer gewaltverherrlichenden Wasserpistole pulversieren. 😉

    Ich denke, Spaß am Lesen oder Kreativität, ohne was kaputt zu machen, ist erstmal wesentlich. Die pädagogische Leistung liegt noch bei den Eltern.

    Ich würde ja gern mal Mäuschen bei Deinen Rollenspielen spielen („Rolle“: Eigentlich auch ein abgegriffenes Wort…)

    Ja, toll, Gruß an die Tochter. Sie soll mal ein bisschen Werbung in der Schule machen 😉

  • 5. Schildmaid  |  Oktober 16 um 2008

    Mäuschen spielen – möchtest Du wirklich dabei zusehen, wie Trudi (die Ente) ihren letzten Rest street credibility verliert, indem sie sich die Fransendecke über den Kopf zieht und behauptet, eine Rastafari-Ente zu sein und dabei „I shot the sherrif“ singt?
    😀
    Singen kann sie zwar nicht, aber der Jamaikanische Akzent ist schon nicht schlecht. 😉

  • 6. Schaps  |  Oktober 16 um 2008

    Haha, so hab ich das noch garnicht betrachtet, Donky 😀

  • 7. Donkys Freund  |  Oktober 16 um 2008

    @ Schildmaid: JA, genau dabei möchte ich gern zusehen!!

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  • Willkomen in der verrückten Welt von Donky, der Ente, und seinen Freunden!
  • Die meisten Beiträge entstanden aus Handspielen mit meinem Sohn Jan.
  • Hintergründe gibt es hier: Intro
  • Ein Steckbrief des Blogs, Kurzprofile der Figuren und Tipps zur Navigation unter: Neu hier!?
  • Stand der Abenteuer in der Kategorie (Sidebar): Stand der Dinge
  • Die Handfiguren sind im Text mit einem Link hinterlegt. Bei >Click< wird in einem neuen Fenster der Charakter vorgestellt. Alle kompakt unter: Akteure
  • Per Mouse over im Beitrag erhält man eine Kurzbeschreibung der Charaktere im Kästchen.

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