Archiv für Oktober, 2011
Grau statt Gold
Vor kurzem wurde im wahrsten Sinne des Wortes noch “gewettert”: “Ui, der Herbst! Wie blöd, jetzt wird wieder alles dunkel und grau. Ich auch. Und der Rest sowieso.” Doch kaum macht der Oktober mit etwas Himmelblau bei der alljährlichen Miesmacherei nicht mit, wirbeln die fröhlichen Herbstbilder durch die Blogs wie goldenes Laub.
Das ist ja auch in Ordnung, keine Frage. Ich will am Wochenende sogar auf den alten Friedhof gehen und erwarte dabei, ganz muntere Fotos zu erhaschen. Mild leuchtende Grabsteine in buntem Mantel. In die Sonne blinzelnde Statuen. Flackernde Grabkerzen mit Schattentanz. Nach dem Motto “Alles tot, aber glücklich.”
Aber nur, dass niemand meint, dass es so bleibt: Es ist bald vorbei. Es wird tatsächlich alles trist und öde. Wahrscheinlich nur noch unerwarteter und deshalb viel brutaler als sonst. Die Vergänglichkeit narrt uns nur kurz mit aufgesetztem Farbenspiel. In Wirklichkeit ist schon jetzt alles grau. Lieber rechtzeitig auf schwarz/weiß umschalten! Ich wollte es ja nur mal gesagt haben…
Spiele für den Herbstabend
Die dunklen Abende des Herbstes rücken näher und wenn draußen der Wind pfeifft, kuschelt man sich gemütlich bei einer Tasse Tee in eine Decke und liest ein Buch. Wem aber ständig jemand beim Lesen dazwischen quatscht, sei es Freund oder Verwandtschaft, dem sei ein munterer Spieleabend ans Herz gelegt. Diese sind allerdings meist nur gesellig bis zum Zoff, wenn jemand mal wieder die Regeln zu seinen Gunsten verbogen hat.
Deshalb möchte ich (auf Anregung einer Blogparade von Stachelbeere) heute drei Spiele vorstellen mit ganz präzisen und dennoch einfachen Regeln.
1. Nimm weg!
In akribischer Kleinarbeit wird eine Dominokette durch die ganze Wohnung gebaut. Dabei fängt der eine Mitspieler an einem Ende an und der zweite am anderen Ende. So kommt man nicht in Verlegenheit, sich unnötig unterhalten zu müssen. Trifft man sich schließlich in der Mitte, sucht sich jeder einen eigenen Stein aus und gibt ihm einen Namen.
Dann stößt ein Spieler die Kette an einem Ende an. Wer ist völlig egal. Jeder entfernt jetzt rechtzeitig seinen Stein aus der Kette, damit dieser nicht umfällt. Den Namen des Steines behält man besser für sich, da es völlig albern ist, Steinen einen Namen zu geben.
Wessen Stein zum Schluss nicht umgefallen ist, hat gewonnen. Dieses Spiel ist sehr harmonisch, da auch Unentschieden möglich sind. Und wenn wieder mühsam alle Dominosteine in der Schachtel verstaut sind, ist der Abend auch schon zu Ende. Wer Gast ist, sollte unbedingt schon vorher gehen und sich zu Hause gemütlich bei einer Tasse Tee in eine Decke kuscheln und ein Buch lesen.

Zwei weitere fantastische Spiele, die auch ohne Tee und Buch funktionieren: (weiterlesen…)
Kellernostalgie
Was haben wir in Erinnerungen geschwelgt, lagen uns in den Armen oder Beinen, kramten Bilder aus dem Schuhkarton und erzählten uns alte Anekdoten.
Einfach herrlich, als Igitte, unsere 5-beinige Spinne, auf dem Bauernhof meiner Schwiegermutter mit Hilfe Dutzender Kellerspinnen einen Eimer (!) Fliegen fing. (Sing Lang, die Pekingente, musste bekehrt werden, nicht auf einen Snack zu ihrem Ex-Koch im Restaurant Lotusgarten zu watscheln. Zu groß war die Gefahr, der Snack zu sein. Also musste eine delikate Gourmet-Alternative her. Was bietet sich da besser an als Fliegenmus?) Es war das einzige Mal, dass jemand auf Igitte hörte (Okay, ein bisschen Bestechung war auch mit im Spiel).
“Ach, Igitte”, sagte ich und wischte mir eine Träne aus den Augen, “dass du trotz deiner fünf Beine mal zu was nutze bist außer zum Topflappen weben!”. Man muss wissen, dass wir zu Hause in jeder Ecke Topflappen hängen haben, weil die Amputation Igitte etwas destabilisert für filigrane Netze. Seitdem kochen wir sogar zum Frühstück Kartoffeln mit Schinken-Sahne-Soße , um ihr etwas Selbstwertgefühl zu geben. Wir haben inzwischen neben Frühstückskochlappen auch Eierkochlappen, Pfannenkochlappen, Linkshänderkochlappen, Ganzkörperkochlappen, Kochlappen für Lachsschnittchen und “Kochlappen” für danach (Klopapier brauchen wir nämlich auch nicht mehr).
“Das war nicht einfach, die anderen zu überzeugen, was Igitte?” Ich zeigte ihr das Bild von der kleinen Werkstatt neben der Dehle. “Ja, ja, die waren sowas von sauer.” Igitte kicherte. “Immer wurde an ihren Netzen gezottelt. Die kamen ja zu nichts. Aber ich habe das ja geregelt.” Na ja, der Preis war schon hoch: Hinter Igittes Rücken vereinbarte ich mit meinem Schwager, dass ich später das Wohnzimmer tapeziere. Habe ich zwar nicht, aber er ließ für eine Woche Fahrrad und Werkzeug, wo es war. Daran ließ sich im wahrsten Sinne besser anknüpfen. Ein guter Deal, dachten sich die heimischen Kellerspinnen und gönnten uns eine Handvoll Schnaken (Ein bisschen faserig).
“Du bist schon eine tolle Spinne”, meinte ich mit großen Augen und nickte eifrig. “Guck mal, ich habe noch ein paar andere Bilder: Den Dachboden, wo die leckeren Obstfliegen schwirrten, den noch leeren Fliegeneimer, den tragischen Zwischenfall mit der Spinne, die sich aus Versehen selbst fing…”
Als Jan aus dem Nebenzimmer einwarf, dass ich das alles doch nur erzähle, um die alten Fotos wieder im Blog veröffentlichen zu können, weil ich nichts Neues zu bieten habe, konnte ich Igitte nur noch ein “Stimmt doch gar nicht!” hinterherrufen. Seitdem ist sie verschwunden und ich habe eine Brandblase, weil sie den bestellten Rückhandschnellkochtopflappen mit Doppelsaum nicht rechtzeitig geliefert hat. Na ja, jetzt sind die Fotos aber nun mal da. Ich zeig’ sie einfach mal, bevor ich sie wieder wegpacke. (Klick zur Großansicht)…
Oktober 23 at 2011 Donkys Freund Hinterlasse einen Kommentar
Mein Fenster zurück
Mein neues Desktop-Hintergrundbild für den kurzen Ausblick zurück (Derryclare, Connemara, Irland, Richtung Roundstone), Klick für größer:
Später Wurm
Nun fängt der frühe Vogel bekanntlich den Wurm. Deshalb hält sich Kolumbi, der Holzwurm, lieber an das Motto “Später Wurm entkommt dem Vogel” und ratzt durch. Aber so war das nichts Halbes, nichts Ganzes:
Nach durchzechter Nacht beim “Wet but lucky” e.V (Regenwurm-Rocker-Club) mit ein paar überreifen Kirschen hatte es Kolumbi nicht mehr nach Hause geschafft. Oder genauer gesagt: Mit dem Sauerstoff-Flash, als er sich durch die Wiese nach oben gebohrt hatte, setzte auch unmittelbar der Tiefschlaf ein.
So bibberte er am nächsten Morgen ganz schön bei um die 0 °C. Noch mehr bibberte er, als er merkte, dass sein Schwanz im Boden festgefroren war. Das war ihm nur solange peinlich, bis er durch die Grashalme etwas Schwarzes erspähte. Schlimmer noch: Etwas Schwarzes mit etwas länglichem Orangenen. Dann wurde aus peinlich schnell panisch. “Eine Amsel”, dachte er, “Scheiße auch!” Und Kolumbi flucht sonst nie.
Doch er hatte blitzschnell die rettende Idee (Nun ja, eine gute viertel Stunde überlegte er schon): Er stellte sich aufrecht und tarnte sich als Strohhalm. Amseln mögen keine Strohhalme. Oder hat jemand schon mal eine Amsel mit Cocktail gesehen? Schlau, nicht wahr?
Nun ja, das Schwarze mit dem länglichen Orangenen stand zwar nach drei Stunden Stillstand immernoch auf der Wiese auf dem selben Fleck, aber wer denkt schon an eine Spielzeuglokomotive mit gelbem Schornstein so früh am Morgen? War so was wirklich zu erwarten?
Schließlich kippte Kolumbi hechelnd um, weil der Boden taute. Seitdem klagt er über Nackenschmerzen (und so ein Nacken ist bei Holzwürmern ganz schön lang, wenn man nicht weiß, wo er endet). Und über schwarze Lokomotiven mit gelbem Schornstein klagt er seitdem auch. Glaubt natürlich keiner, wie immer.
Der Versuch einer Rekonstruktion: (weiterlesen…)
Fototipp: Besenrein
Diesen Zauber des Hinterlassenen, diese Ästhetik des Vergangenen, dieses Leben des Toten, gefunden hier, möchte ich nicht verheimlichen.
Oktober 19 at 2011 Donkys Freund Hinterlasse einen Kommentar
Noch’n bisschen Edinburgh
Ich verstand kein Wort, aber wenn der ganze Pub mitsummt, merkt man spätestens, wie schottisch das Lied ist…
Edinburgh Horror (Nicht unter 18 J.)
Ich sag’ es gleich: Es war blanker Horror. Abgetrennte Gliedmaßen, apathische Schreie, freie Hirnmasse, eine eingeschlossene Frau im brennenden Taxi, überall Blut und ein ein kleines Kind, das mit starrem Blick die Szene verfolgte. Und ich hielt diesen grausamen Augenblick mit meiner Kamera fest. Ab hier dürfen nur ganz Hartgesottene weiterklicken. Ich muss… sorry…oh mein Gott…
Jameson on the rocks
Und schon wieder einen Monat her…
Fantastische Idee, anstatt zwei Dosen Bier eine höhere Potenz mit kleinerer Dosierung zu wählen. Ob ich dadurch beim Aufstieg auf den Derryclare (Connemara, Irland) mein T-Shirt einmal weniger auswringen musste, ist allerdings zweifelhaft. Zumindest haben wir in Jamesons Gesellschaft den Gipfelblick genießen können und haben deshalb beinahe den Bus verpasst (unten, nicht auf dem Gipfel. Da war nämlich nur Gipfel. Und zwischen diesem und der Bushaltestelle Moor, der “Abkürzung” sei Dank.)
Über das Zuhören
Niemand lässt sich gern sagen, dass er nicht zuhören kann. Gälte man dann im Widerspruch zu einem modernen Menschen als nicht aufgeschlossen, unsensibel oder sogar selbstdarstellerisch.
„Ich weiß doch, was du gesagt hast. Zuerst hattest du das, dann das, dann das erzählt.“ ist zum Beispiel eine beliebte Rechtfertigung, um den Vorwurf auszuhebeln. Ein Gesprächsprotokoll wäre ideal, um Gesprächsanteile zu analysieren. Dann könnte man sogar beweisen, dass man geantwortet hat. Und wie soll das ohne Zuhören denn bitte schön sinnvoll gehen?
Nun ist dem kommunikationsbewanderten Zeitgenossen natürlich auch der Begriff „Aktives Zuhören“ bekannt. Rein technisch gesagt also das Zuhören inklusive Nachfragen, begrifflich vor allem belegt im therapeutischen oder gar professionellen Gespräch (z.B. im Vertrieb). Wie ein Teppich, den man dem Partner ausbreitet, damit er nicht verloren auf kaltem Boden rumtapst. Er begeht ihn aber immernoch selbst. Kennt man und macht man natürlich.
Nur leider wird der Begriff oft zu eigenem Gunsten interpretiert. Ich erfahre oft, dass ein Thema in eigenen Gedanken weitergeführt wird. Besser noch: Einen Aufhänger für eigene Erfahrungen zu finden, die auch gleich kundgetan werden müssen. Das Nachfragen ist dann Mittel zum Zweck.
Sicher ist es hilfreich, mal ein eigenes Beispiel durchzuspielen, um sich tiefer in den Gegenüber zu denken, aber nur kurz und präzise, gefolgt von einem „Meinst du das auch so?“ Ansonsten wird das eigene Beispiel das Thema und es geht es dem Gegenüber mehr um das „Erzählen wollen“ und nicht „Verstehen wollen“. Wenn es hoch kommt, entsteht ein Austausch über das Gesagte, aber nicht über das was dahintersteckt.
Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Das menschliche Reinversetzen oder mindestens die Neugier auf den anderen wird meistens überlagert von der eigenen Selbstreflexion. Der eigene Mikrokosmos beherrscht das Szenario. Der angebliche Zuhörer ist mit sich selbst beschäftigt. (weiterlesen…)
Mitten im Leben (Kurzgeschichte)
Was darf ich bringen?“, fragte der junge Kellner.
„Hi, was geht ab?“, rief Sven. Als die Bedienung nur stumm lächelte, zeigte mein ehemaliger Schulkamerad auf den Nachbartisch. „Was ist denn das da mit der Zitrone?“
„Corona, mexikanisches Bier.“
„Nehm’ ich eins, man soll ja nie aufhören zu lernen, gell?“ Er schlug mir auf die Schulter und lachte laut.
„Für mich ein Pils, bitte!“, sagte ich.
Nach ein paar Floskeln über Wetter, Verkehrslage und Bierpreise klatschte Sven in die Hände. „So, erzähl’! Du siehst ein bisschen müde aus. Schon vor einer Woche auf der Abi-Party. Was hast du die letzten 25 Jahre so gemacht?“
Sven kam immer gleich zur Sache. So auch, als ich ihm im Suff den Termin in der alten Tanzkneipe zusagen musste. Die Nostalgie hatte mich kurz übermannt.
„Och, Im Augenblick hat mich der Job gut im Griff, aber sonst eigentlich…“
„Ah ja, ich glaub’ ich weiß es!“ Sven unterbrach und zeigte mit wippenden Zeigefinger auf mich.
„Was weißt du?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Warum du so müde aussiehst. Du bist in der Midlifecrisis, stimmt’s?“
„Nö, eigentlich bin ich ganz zufrieden. Sind eben nur paar…“
Sven ließ nicht locker. „..unerfüllte Träume? Du, da musst du weg von. Ich sage mir immer. Gestern war gestern. Heute ist heute. Du musst dich akzeptieren, wie du bist!“
Das hatte ich auch mal gelesen, fragte aber nach: „Du hast keine Träume?“
„Doch schon, denke ich“, grübelte Sven, „aber…“ Er schaute zur Decke, während ich ihn erwartungsvoll ansah, wenn ich nicht gerade mein Bier entgegennehmen durfte.
„…aber man muss ja nur nicht gleich nach Kanada ziehen. Das ist doch was für Spinner. Man ist dann nur auf der Flucht vor sich selbst. Man muss sich nur ein bisschen Freiraum schaffen. Das heißt ja nicht, dass man das Rad gleich neu erfinden muss.“ Ich dachte noch nach, ob er mit man jetzt alle, Mann oder sich selbst meinte, als er weiter ausholte.
„Pass auf! Ich habe zu Kerstin gesagt: ‚So Schluss jetzt. Unten im Keller kommt das ganze Zeug raus.’ Braucht eh’ keiner mehr. Und dann habe ich losgelegt. Estrich neu, gefliest und dann Billardtisch und Bar rein. Du weißt doch noch damals in den Freistunden an der Schule?“ Ja, ich erinnerte mich gut. Sven beherrschte sogar, den Queue hinter dem Rücken zu bedienen. Der Weg der Kugel war da unwesentlich. (weiterlesen…)









Euer Senf