Worte auf der Goldwaage: Müssen
April 26 at 2009 Donkys Freund 4 Kommentare
“Müssen ” ist das verbalisierte Pendant zu “Man “. “Du musst mal mein Fahrrad reparieren” (Family) oder “Wir müssen wieder gemeinsam anpacken!” (Politiker) oder “Ich muss leider jetzt gehen.” (Freunde) ohne weitere Ausführungen klingt sehr konkret. Ist es aber nicht, denn niemand weiß: Warum eigentlich? Die Steigerung heißt “Man muss mal…” oder extrem “Man müsste mal…”. Hier werden gleich drei Fragen aufgeworfen: Wer, warum und wann überhaupt? Also fast alle Fragen, die ein Satz beantworten sollte.
Deshalb plädiere ich dafür, dass “Müssen” nur noch mit dem Zusatz “um…” oder “damit…” genutzt werden darf. Fest im Lehrplan verankert. “Wir müssen wieder gemeinsam anpacken, damit wir uns auch in drei Jahren noch eine Playstation leisten können” wäre deutlich konkreter, für alle die sich in drei Jahren noch eine Playstation leisten wollen. Der Rest könnte sich beruhigt zurücklehnen.
“Ich muss leider jetzt gehen, um ’Verstehen Sie Spaß…’ nicht zu verpassen.” ist auch eine deutliche Ansage, dass es hier deutlich langweiliger als beim Senioren-Kichern von Frank Elsner ist. Und “Du musst mal das Fahrrad reparieren, damit ich mich nicht auf die Schnauze lege.” bietet auch viel mehr Spielraum für einen Aufwand-Nutzen-Vergleich.
Apropos “Aufwand-Nutzen”. Die Begründung von “Müssen” durch “um” oder “damit” darf nur dann umgangen werden, wenn ein “weil sonst…” folgt. Das klingt zwar auch sehr kausal, ist aber meistens nichts anderes als eine blumig formulierte Erpressung. “Du musst mir 50 € geben, weil ich sonst für nichts garantieren kann.” klingt einfach schöner als “Kohle her, sonst gibt es was auf die Fresse!”. Es gibt vielleicht auch subtilere Beispiele.
Eintrag abgelegt unter Worte auf der Goldwaage. Tags: Müssen, Worte, Wortspiel.
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1.
freidenkerin | April 27 um 2009
Eine Kollegin von mir in einer sehr großen Münchner Innenstadt-Lokalisation war ein gelegentlich ausgesprochen raubeiniges Wesen. Als sie von einem Gast aufgrund einer eher belanglosen Reklamation belehrt wurde: “Sie müssen…” entgegnete sie mit ausgesprochen gelassener Miene: “Guter Mann, ich muß drei Dinge im Leben: Schnaufen, Sterben und Sch…”, drehte sich um und ging… Selbstredend kassierte sie eine Abmahnung für diesen Ausspruch, doch ich komme nicht umhin, ihr bisweilen Recht zu geben. Die Redewendung “Du musst” oder “Sie müssen” wird sehr oft schon sehr zum Gebrauch moralischer Erpressung oder Herabwürdigung eines Anderen missbraucht.
2.
Schaps | April 28 um 2009
“ch muss hier so oft wie möglich vorbeischauen, damit du dasselbe auch bei mir tust…
3.
Donkys Freund | April 28 um 2009
@ freidenkerin: Ja, richtig. Erpressung durch die Blume. Eigentlich müsste man bei diesen Formulierungen nur dankend mit dem Kopf nicken und schweigen…
@ Schaps: Gut gelernt! Ich komm dann mal vorbei. Muss ja!
4.
Schaps | April 30 um 2009
Huch! Auch noch ein Tippfehler war drin ^^
Naja, dem Artikel kann ich aber voll zustimmen.