Die Religion der Enten
September 3
Auch Enten haben einen Gott. Er oder sie heißt einfach nur „Urente“. Die Urente erschuf die Enten, aber diese konnten noch nicht fliegen. Erst Paul, eine Ente, die mehr sehen wollte, als ihn seine Watschel-Füße tragen konnten, hatte die Idee, dass alle Enten fliegen lernen.
Die Urente wusste aber, dass die Enten dann zwar überall hinfliegen und sich an jeden Fluss, See oder Tümpel niederlassen würden. Weil sie aber keine Ahnung hatten, wie andere, fremde Tiere dort lebten, und auch gar keine Ahnung haben wollten, ließ die Urente die Enten lieber nur laufen und tauchen. Nur am See, der auch nur „See“ hieß, denn es gab für die Enten keinen anderen. Dort würden sie keine anderen Tiere stören.
Paul versprach der Urente, dass er allen Enten von den anderen Tieren erzählen würde: Wie sie leben, was sie mögen, wovor sie Angst haben. Die Urente willigte ein, aber nur wenn Paul alle Tiere einmal selbst kennenlernen würde, sonst könne er auch nichts berichten. Das waren wirklich sehr viele Tiere und Paul durfte fliegen, aber er war sehr viele Jahre unterwegs. Er sprach mit Schnaken wie mit Tigern, Kaulquappen wie mit Adlern.
Als ihm kein Tier mehr fremd war, kehrte er zurück zum „See“. Er hatte keine Lust mehr zu fliegen. Seine Flügel waren müde. Fliegen allein war anstrengend, nur jede Begegnung mit einem Tier gab ihm Kraft.
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So landete er am 3. Oktober wieder am "See". Er hatte viel zu erzählen. Wieder vergingen viele Jahre, bis er vom Aal bis zum Zebra alle Tiere vorgestellt hatte. Manchen Enten war das zu langweilig, manchen zu unheimlich und manchen zu eklig. Viele hörten aber begeistert zu. So begeistert, dass die Urente ihnen zögerlich das Fliegen schenkte.
Jeden 3. Oktober feiern die Enten nun den "Flugtag", wie sie ihn nennen. Das ist wie Weihnachten bei uns, nur ohne Geschenke. Dann treffen sich alle Enten und tauchen und schlagen Purzelbäume im Wasser und fliegen um den See. Nur, um zu erleben, was sie können dürfen. Dabei singen sie einige Lieder über die Urente und Paul. Wenn Ihr einmal Enten seht, die um einen See fliegen, dann feiern diese Enten wahrscheinlich gerade "Flugtag" oder üben dafür.
Das war aber nicht immer so:
Einige Enten erfuhren nämlich vor vielen Jahren, dass sich die Menschen beschenkten, wenn sie Weihnachten feiern. Das Geschenkpapier, das die Papierkörbe überquellen ließ, machte sie neugierig. Einige Enten wünschten sich einfach was von anderen Artgenossen. Diese aber schenkten nur, wenn sie auch etwas bekamen und fragten andere Enten nach größeren Geschenken, damit es sich auch lohnte. Und so erhielt jeder ein Geschenk. Die Enten hatten keine Zeit mehr, Purzelbäume zu schlagen und Lieder kamen jetzt aus dem Radio. Und weil sie keine eigenen Lieder aufnehmen konnten, hörten sie einfach die Lieder der Menschen.
Weil es immer eine Ente gab, die weniger bekam als andere, wünschte diese sich nächstes Mal etwas Größeres als das größte Geschenk des letzten Jahres. So wurden sogar Ruderboote verschenkt, um nicht mehr zu schwimmen zu müssen.
Da wurde die Urente wütend und ließ alle Seen und Flüsse austrocknen, bis sich die Enten nichts sehnlicher wünschten als Wasser. Wasser, wo sie Purzelbäume schlagen konnten. Auch Fliegen machte keinen Spaß mehr, denn sie wussten nicht, wohin.
Paul sagte der Urente, dass er mit allen Enten gesprochen hatte und es nun Zeit war, Ihnen wieder Wasser zu geben. So geschah es. Die Urente gab aber jeder Ente eine weiße Feder in ihr Gefieder, die sie immer daran erinnern sollte, wofür sie Flügel und Watschel-Füße haben.
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